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Was diese Menschen mit Behinderung über Liebe sagen, ist wunderbar richtig

10/02/2016 10:59 CET | Aktualisiert 10/02/2017 11:12 CET
Huntstock_ImagesCLOSED via Getty Images

Am 14. Februar ist Valentinstag. Die Huffington Post widmet sich eine Woche lang dem Thema „Modern Love".

Was bedeutet Liebe in einer vernetzten Welt: man ist nur so verliebt wie das Facebook-Profil es zeigt? Der nächste Partner ist nur einen Wisch weg? Wir daten über Kontinente hinweg?

Was bedeutet Liebe für euch? Sendet eure Texte an blog@huffingtonpost.de.

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Hier sind mehrere Geschichten aus zwei Projekten, die ich betreue:

Outsiders, ein landesweiter Club für Menschen mit körperlicher Behinderung und sozialen Beeinträchtigungen, die hier Freundschaften schließen, Unterstützung und auch einen Partner finden können; und eine besondere Dating-Website für Männer und Frauen mit Behinderungen.

Meine ehrenamtlichen Mitarbeiter bei Outsiders und ich freuen uns zusehen, wie die Clubmitglieder Partner finden und teilen auch ihre Trauer, wenn der Partner verstirbt.

Menschen mit Behinderung sterben oft früher

Eleni, die an Zerebralparese leidet, war in einer langjährigen Beziehung mit Phil, einem anderen Mitglied. Sie verbrachten neun wunderbare Jahre zusammen, sie fuhr mit dem Zug zu ihm nach Surrey, er besuchte sie in London.

Phil wusste, dass seine Behinderung sich verschlimmern würde, er hatte es bereits bei seinem Bruder beobachten können, der an der gleichen Krankheit litt. Sein Leben war erfüllt, er hatte Spaß und in Eleni auch eine liebende Partnerin.

Mit der Zeit aber verschlechterte sich sein Geisteszustand, und er zog in ein Heim in der Nähe von Elenis Wohnung. Sie besuchte ihn jeden Tag, las ihm vor, spielte ihm seine Lieblingsmusik vor, sie plauderten und küssten sich.

Vor zwei Jahren starb Phil und noch heute weint Eleni jeden Tag und vermisst ihn wie verrückt. Sie hat jetzt eine Katze, die sie Teddy Bear nannte. Nach einer der Bands, in der Phil Bass gespielt hat. Für sie fühlt es sich an, als hätte Phil ihr die Katze geschickt, damit sie nicht alleine ist.

Liebe die inneren Werte

Eine fröhlichere Geschichte ist die Geschichte von Shital. Shital leidet an einer Krankheit, die in ihrem Körper und auf ihrer Haut Auswüchse entstehen lässt, die chirurgisch entfernt werden müssen.

Bei Outsiders hatte sie einen guten Freund, Jamie, der an Zerebralparese leidet. Jamie war auf der Suche nach einer barrierefreien Wohnung und Shital bot an, ihn zu einem Makler zu begleiten. Der Makler ging davon aus, dass die beiden ein Paar wären.

Am selben Abend gegen 23 Uhr stand Jamie vor Shitals Tür und so begann ihre Liebesgeschichte. Heute sind die beiden verheiratet.

Shitals Definition von Liebe

„Liebe ist...

  • In jeder Situation des Lebens die Wünsche und Bedürfnisse des anderen zu stillen.
  • Sich gegenseitig zu unterstützen, Seite an Seite zu stehen.
  • Zu wissen, dass Du für mich da bist.
  • Das Gefühl, als könne ich mit Dir an meiner Seite die Welt beherrschen.
  • Ehrlich zu sein, wenn ich nach meiner Meinung gefragt werde, auch wenn die Antwort schwer zu verdauen ist.
  • Zu wissen, dass Du meine Meinung vielleicht nicht teilst, Du aber meine Ehrlichkeit liebst.
  • Es ist wichtig, die Wahrheit zu kennen und auf sie zu bauen, auch wenn ich sie vielleicht nicht hören möchte.

  • Keine Dankbarkeit oder Entschuldigung zu erwarten, denn was wir tun, tun wir aus Liebe, und wenn es nicht funktioniert, dann steckt nie Boshaftigkeit dahinter.
  • Dich bedingungslos zu akzeptieren, auch wenn ich Dich und Dein schräges Verhalten nicht immer verstehe.
  • Zu wissen, dass Du mich trotz meiner eigensinnigen Schrägheit genauso akzeptierst.
  • Zusammen zu lachen, übereinander und miteinander.
  • Sich gegenseitig zu ehren und wertzuschätzen, in Gesundheit und in Krankheit, ob arm oder reich, bis an das Lebensende."

Jamies Definition von Liebe

„Liebe tut immer das, was sie soll, ohne sich zu beklagen, Dir zu dienen ist keine Last.

Ich akzeptiere Dich so, wie Du bist.

Ich bin für Dich da, tröste Dich und bin an Deiner Seite, auch wenn ich manchmal scheitere sollst Du wissen, dass Deine Bedürfnisse immer das Herz dessen sind, was ich tue.

Du bist die, zu der ich heimkehre, denn Du bist mein Heim.

Wo Du bist, werde auch ich sein.

Wir sind eins, ich fühle was Du fühlst.

Ich vermisse Dich, wenn Du nicht da bist, obwohl ich weiß, dass Du immer bei mir bist.

Mit Dir an meiner Seite bin ich zu so viel mehr im Stande und meine größte Hoffnung ist, dass ich Dir alles gebe, was ich kann, und alles worum Du mich bittest."

Liebe über den Tod hinaus

Darren ist ein witziger junger Mann, der ehrenamtlich für uns arbeitet. Er hat seine große Liebe online getroffen - einen jungen Mann, der an Muskeldystrophie des Typs Duchenne leidet. Zusammen führten sie eine glückliche, erfüllte Beziehung, bis Darrens Partner verstarb.

„Mein Partner und ich haben in unserer Beziehung bewiesen, dass eine Behinderung nicht das Individuum beeinträchtigt. Es ist einfach ein veraltetes Konzept, dass Individuen mit anderen Fähigkeiten von der Gesellschaft aufgestempelt wird.

Trotz unserer Beeinträchtigungen haben wir all das gemacht, was andere Paare auch tun. Von romantischen Einladungen zum Essen bis hin zu Bondage!

Behinderte Menschen wollen einfach nur akzeptiert werden und Liebe auf die gleiche Weise erfahren, wie es alle Menschen tun. Er schrieb mir Liebesgedichte (mit drei Fingern, die einzigen Körperteile, die er bewegen konnte) mit Zeilen wie

„Du bist meines Herzens Schlag,

ohne den ich nicht zu leben vermag"

Ich kann es nachempfinden, wie sich Eleni jetzt fühlt. Sie hat Phil verloren, und auch ich habe meinen Seelenverwandten verloren.

Ich fühle mich irgendwie, als wäre ich plötzlich ployamorös. Ich werde meinen verstorbenen Partner immer lieben, aber ich weiß ich jetzt, dass es möglich ist, mehr als eine einzige Person zu lieben!

Ich hätte es nie für möglich gehalten, jemals jemanden genauso sehr zu lieben, aber mit der Zeit, die seit dem Tod meines Partners vergangen ist, ist mein Vermögen zu lieben nur noch mehr gewachsen."

Blinde Liebe

Jules ist erblindet und seine sehr glückliche Ehe ist dadurch zerbrochen. Er war verzweifelt und trat Outsiders bei und erzählte mir, dass er die ersten zwei Jahr nur mit sehr deprimierten Frauen telefoniert hätte!

Dann lernte er ein blindes Mädchen kennen und sie wurden ein Paar. Er sagte mir, dass er die visuellen Anturner beim Sex vermisse, daher hörten sie Audio-Erotika. Er sprach außerdem davon, einen Sexclub für blinde Paare zu gründen um Sexuelles zu diskutieren, aber das ist bisher nicht geschehen.

Liebe ohne Worte

Sarah, die an einer Sprachbehinderung mit Zerebralparese leidet, hat unsere West County Lunches organisiert. Steve, der gehbehindert ist, die Lunches in den Midlands. Sie beide haben an den Lunches des jeweils anderen teilgenommen.

Nach einem Lunch in einer Galerie für erotische Kunst schrieb Sarah Steve eine E-Mail und bat um ein Treffen in einem Hotel. Bereits seit drei Jahren hatten sie ein Auge aufeinander geworfen! Jetzt leben sie zusammen und Steve sagt, die Liebe sei für ihn „bedingungslos, erfüllend und unermüdlich".

Autismus und Sex

Eric ist bereits seit Jahrzehnten Mitglied und liebt Outsiders. Er leidet am Asperger-Syndrom und ist ein erfolgreicher Künstler. Er verliebte sich in Julie, eine Autistin, und sie fuhren gemeinsam aufs Land, kochten zusammen (und gaben den Gerichten versaute Namen), Eric spielte Gitarre und Julie sang dazu.

Irgendwann ging die Beziehung in die Brüche. Seitdem ist Eric lieber Single. Er sagt, wenn er jemanden trifft, den er mag, dann sei da gleich „die Sex-Fee im Zimmer". Er erzählt, dass er bereits vor einigen Jahren gelernt hat, alle Versuche, ihr nachzujagen, aufzugeben. Lustigerweise hat ihn das befreit und glücklich gemacht.

Liebe zu Patienten

„Du kannst Dich Patienten mit einer Behinderung gegenüber nicht emotional verschließen, wenn du ein ganzes Jahr lang einem anderen Menschen beim Sterben zugesehen hast.

Meine Zeit mit dem einzigen Patienten, der an einer Motoneuron-Erkrankung gestorben ist, hat mir gezeigt, dass man bei dem schnellen Voranschreiten der Krankheit und in einer Welt ohne Sprache schnell die Hoffnung verliert.

Daran nimmt man teil. Das einzige, was ich tun konnte, war ihm zu zeigen, dass er nicht einfach nur ein Patient war, und ich nicht einfach nur meinen Job machte. Er wurde zu einem Menschen, der ein Teil meines persönlichen Lebens war.

Als er starb, vergoss ich viele Tränen. Auch jetzt, wie ich diese Zeilen schreibe, kann ich die Tränen nicht zurückhalten. Zu sehen, wie ein menschliches Leben weicht und man nichts dagegen tun kann, war eine schmerzvolle, herzzerreißende Erfahrung.

18 Monate später vermisse ich ihn noch immer. Ich habe ein Bild, das uns zusammen zeigt. Das Bild bedeutet mir sehr viel, ich werde ihn nie vergessen.

Er war eine sanfte, freundliche Seele. Meine Liebe zu ihm ist unersetzlich. Ich nahm an seiner Beerdigung teil. Er hinterließ mir eine kleine Erinnerung an den Spaß, den wir zusammen hatten, in dem er verfügte, dass auf seiner Beerdigung Drum'n'Bass gespielt werden solle."

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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