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Der Tag, an dem mich eine Frau fragte, ob ich ein Muslim bin

07/07/2015 18:34 CEST | Aktualisiert 02/08/2016 13:25 CEST
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Ich bin kein typischer Türke. Schwarze Haare, dunkler Hauttyp, schwarze oder braune Augen - all das habe ich nicht. Meine Eltern kommen von der Schwarzmeer-Küste, dort sind "helle" Türken normal.

Viele meiner Familienmitglieder sind strenggläubig, sie sind schon mehrmals nach Mekka gepilgert.

Vor kurzem begegnete ich bei einer Gesprächsrunde einer mir völlig fremden Frau. Sie sagte: "Du bist bestimmt ein Muslim!" Ich fragte, wie sie darauf komme?!

Sie sagte: "Naja, so wie du dich gibst und redest, kannst du nur ein Muslim sein." Ich fragte nicht weiter nach. Sie habe recht, sagte ich.

Sie zog mich beiseite und fragte: "Heißt du gut, was da im Namen des Islam geschieht? Vom Terror?"

Wie sie so etwas denken könne, fragte ich.

"Du bist doch ein Muslim, oder? Also distanzierst du dich von dem, was da gerade passiert, oder nicht?"

"Wenn ich mich davon distanzieren würde, würde ich indirekt diesen Möchtegern-Muslimen Recht geben, in dem was sie tun", sagte ich. Und meine Mitschuld eingestehen. Weil ich ja Muslim bin und mich davon distanziere.

Wieso soll ich mich von etwas distanzieren, das ich sowieso für falsch halte? Nur weil da einer Allahu Akbar ruft, heißt das doch nicht, dass er ein Muslim ist. Jedes Kind kann sich die zwei Wörter merken.

Die Frau wurde aggressiver. Sie versuchte mich herauszufordern. Sie wollte, dass ich mich distanziere.

Ich gab ihr noch mal zu verstehen, dass ich mir keiner Schuld bewusst bin.

Sie: "Du kannst doch nicht denken, dass du mir so leicht davon kommst. Ich glaube dir das nicht. Du findest es also gut, oder was?"

"Hör mal zu", sagte ich. "Jeder normale Mensch, ganz egal, welcher Religion er angehört, findet jegliche Art von Mord und Totschlag falsch."

Ich fragte sie: "Distanzierst du dich von den Nazis? Distanzierst du dich von den NSU- Morden? Distanzierst du dich von der RAF?

Sie: "Warum sollte ich? Hab doch nix mit denen zu tun."

Ich: "Genauso wenig hat der Islamische Staat mit dem Islam zu tun. Aber weil du dein Klischeedenken nicht abschalten kannst, verlangst du von mir, dass ich mich von irgendeiner Scheiße distanzieren soll?!"

Die Frau war Journalistin, sie hatte Politologie studiert und arbeitet seit 25 Jahren in diesem Beruf. Ich fand es traurig, von einer so gebildeten Frau so etwas zu hören.

Aber genau das scheint das Problem unserer Gesellschaft zu sein. Vorurteile habe nichts mit Bildung zu tun, es gibt sie in jeder Schicht.

Ich habe einen bunten Freundeskreis. Afrikaner, Jugoslawen, Türken und Deutsche. Ich bin mit verschiedenen Religionen in Kontakt gekommen.

Die Frau hatte mich vorher auf meine Schulbildung reduziert. Aber ich musste ihr klar machen, dass sie das Wichtigste nicht gelernt hatte.

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"Sie können glauben, was Sie wollen", sagte ich der Frau. "Aber lassen Sie doch bitte den Leuten ihren GLAUBEN."

Ich jedenfalls brauche keine Religion, um unterscheiden zu können, was richtig oder falsch ist.

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