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Wie ich als Deutsche die Monate nach dem Putschversuch in der Türkei erlebt habe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TUERKEI PUTSCH
Reuters
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Wenn ich zurückdenke, dann war es in der Türkei politisch gesehen selten ruhig. Als ich 2012 aus Herford nach Istanbul gezogen bin, habe ich die Gezi-Proteste und ihre Nachwirkungen miterlebt.

Die Stadt hat mich aber sofort fasziniert. Nicht nur die Dynamik und die Tatsache, dass ich durch sie täglich neue Inspirationen und Ideen gewinne. Sondern auch, dass ich mittlerweile eine besondere Beziehung zur Stadt selbst und zu ihren Menschen aufgebaut habe.

Das soziale Verständnis von Freundschaften ist hier zum Beispiel ein anderes als jenes, das ich in Deutschland kannte. Von meinem eigenen Umfeld ausgehend kann ich sagen, dass ein besonderer Zusammenhalt besteht; auch in Zeiten von sich überhäufenden politischen Ereignissen war und ist dies immer gut erkennbar.

Aus einer fixen Idee wird langsam Realität

Die Idee, dass man sich irgendwo im Ausland etwas aufbauen wolle, stand in meinem Freundeskreis auch schon vor dem Putschversuch im Juli häufig im Raum, blieb aber zunächst nur eine vage Idee, die bei Biergesprächen so entstanden.

Mittlerweile merke ich, dass aus diesen Auslandsideen nun auch Realität wird. Die Perspektivlosigkeit, die u.a. mit den Folgen des Putschversuchs einhergeht, lässt den Blick in andere Länder richten, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Ich werde zum Beispiel von vielen aus meinem Umfeld angesprochen, wie sie nach Deutschland auswandern können und was es dort für Möglichkeiten für sie gibt.

Lange Zeit habe ich mich von den politischen Ereignissen in der Türkei nicht unmittelbar betroffen gefühlt. Aufgrund der Vorkommnisse vergangenen Sommer haben mich immer wieder meine Freunde und Eltern aus Deutschland angerufen, um zu wissen wie es mir geht.

"Vor allem meine Eltern machen sich Sorgen."

Vor allem meine Eltern haben sich Sorgen gemacht - sie kommen selbst aus der Türkei und sind vor 40 Jahren nach Deutschland migriert. Wenn man so will, habe ich mittlerweile wahrscheinlich einen intensiveren Bezug zur Türkei als meine Eltern, die hier geboren worden sind. Was hier passiert, erfahren sie aus der Distanz, eben aus den Nachrichten und unseren Telefonaten.

Die Frage, ob ich nicht zurück nach Deutschland wolle, wurde mir jetzt schon öfter von meinen Eltern und FreundInnen gestellt. Sie macht mich zwar manchmal nachdenklich, aber ich muss auch ganz klar sagen, dass der Alltag in der Türkei trotz allem weitergeht. Auch der meines Umfeldes. Und mein eigener.

Menschen leben weiterhin ihre kreativen Leidenschaften aus. Zwar werden Kunst- und Kulturprojekte derzeit kaum gefördert, aber die Menschen machen in ihren persönlichen Kreisen weiter Musik, Filme, Theater. Sie gehen Dingen nach, die ihnen Spaß machen und versuchen optimistisch zu bleiben. Und mit unserem deutsch-türkischen Onlinemagazin MAVIBLAU versuchen wir abseits der politischen Weltbühne genau diese Vielseitigkeit festzuhalten.

Die staatlichen "Säuberungswellen"

Die "Säuberungswellen" des Staates waren bzw. sind enorm und haben sich auch auf mein nahes Umfeld ausgewirkt.

Mein Verlobter wurde vorerst suspendiert. Er war von der zweiten Säuberungswelle nach dem Putschversuch betroffen, als tausende Lehrer an staatlichen Schulen rausgeworfen wurden. Mein Verlobter ist Musiklehrer und Mitglied in einer linkspolitischen Gewerkschaft. Die Teilnahme an zwei Streiks, die von staatlicher Seite verboten wurden, ist der Grund für seine Suspendierung.

Das war ein hautnahes Beispiel dafür, dass man auch selbst von der aktuellen poltischen Situation betroffen sein kann und ist. Wir nehmen das Ganze mit Gelassenheit, denken aber auch darüber nach, uns woanders eine Zukunft aufzubauen.

Vermutlich entscheiden wir in den kommenden Monaten, wie es weitergeht. Da erfährt mein Verlobter, ob er wieder arbeiten darf. Wir gehen davon aus, dass seine Suspendierung rückgängig gemacht wird. Er lernt nun Deutsch und wird dieser Sprache Schritt für Schritt mächtig. Denn die Möglichkeiten, wie es weitergeht, wollen wir uns offen halten.

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Einerseits sehe ich politisch derzeit wenig Hoffnungsschimmer. Fast jeden Tag erreichen mich neue Nachrichten, die mit den Unruhen und Auseinandersetzungen im Land, bei denen Menschen umkommen, zu tun haben. Die Medienlandschaft in der Türkei ist aktuell nicht mehr besonders breit, so dass man vieles nur über alternative Plattformen in den sozialen Netzwerken mitbekommt.

"Ich bin in der Türkei mittlerweile verwurzelt."

Andererseits will ich bleiben. Ich habe mich in den vergangenen Jahren hier sehr stark verwurzelt. Vor allem mein Netzwerk an Freunden und Familie hier ist unersetzlich. Nicht nur mein soziales Netzwerk ist unersetzlich geworden, sondern auch jegliche Erfahrung, die ich hier gesammelt, und jegliches Erlebnis, das ich bisher mitnehmen durfte.

Ich bin in Jobs reingerutscht und habe interessante Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kennen gelernt, die mir in Deutschland niemals einfach so begegnet wären. Ich habe das Gefühl, dass Istanbul mir da viel mehr Möglichkeiten bietet, was das Leben hier immer wieder so spannend macht.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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