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Ich bin eine Tochter der Kultur

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Ich gehe den Weg nach der Kultur wie sie mir von meinen Vorfahren vorgeschrieben wurde.
Für die einen bin ich eine Schande, für die anderen nur ein weiteres Lebewesen, das schnell verabschiedet werden soll.
Ich lese den Quran, verstehe ihn aber nicht, bekomme es jedoch von meinen älteren beigebracht, wie sie es beigebracht bekommen haben.
Ich entwickle meine Moral, doch die wird als Haram bezeichnet. Ich höre auf.
Ich bin die Tochter meiner Kultur.
Ich folge Traditionen, da sie schon über Jahrhunderte geführt werden.
Ich Stelle die Sachen nicht in Frage, denn dadurch werde ich Probleme kriegen.
Meine Brüder dürfen in Freiheit leben, mit Freunden Zeit verbringen.
Ich bin Zuhause, koche, putze und passe auf meine Geschwister auf.
Ich bin die Tochter der Kultur.
Ich darf nicht weiter zur Schule gehen. Ich muss noch viel zuhause lernen, wie man näht, wie man arbeitet und einen guten Haushalt führt.
Das sind die Pflichten einer Muslima, wird mir gesagt.
Ich Frage mich, wo sind die Pflichten von meinen Brüdern?
Im Ramadan schlafen Sie, lesen den Quran, sind sehr schön angezogen und Vergnügen sich am Abend.
Was mache ich? Ich putze, koche, passe auf meine Geschwister auf, helfe meiner Mutter bei ihrer Arbeit und faste dazu noch, lese den Quran...
Wo sind ihre Pflichten?
Ich möchte Fragen, ich darf nicht Fragen.
Ich denke nach, viele Fragen stehen offen.
Doch ich traue mich nicht.
Die Zeit vergeht, nun bin ich keine 15 mehr.
Ich bin 17.
Man sucht für mich ein Mann.
Alt kann er sein, muss eben die Reife besitzen. Reichtum muss er haben, wohlhabend eben.
Wenn der Mann wohlhabend ist, muss meine Familie vielleicht weniger bezahlen.
Wieso müssen meine Eltern ihm Geld geben, damit er mich nimmt?
Wieso suchen sie für mich jemanden der Reich ist, egal ob alt oder jung?
Gefragt werde ich nicht.
Es ist falsch sich in die Entscheidungen älterer einzumischen, heißt es.
Erst vor kurzem wurde ein Mädchen getötet, heißt es.
Sie soll die Schande ihrer Familie gewesen sein.
Gegen die Rituale, Traditionen Verstoßen haben, heißt es.
Ich weiß es nicht. Ich darf nicht alleine raus. Ich höre nur.
Ich bin die Tochter meiner Kultur.
Alle sagen Allahuakbar, mashaallah, subhanallah. Wir sind religiös, heißt es. Aber ist es wirklich der Islam? oder doch nur meine Kultur?
Die Eheschließung findet statt, religiös, wie es heißt.
Ich verstehe das nicht.
Ich Frage nicht nach.
Ich wurde auch nicht gefragt.
Den Mann sehe ich heute, hier und jetzt.
Eine Fremde unter den Fremden.
Zu ihnen muss ich nun Ziehen.
Ich bin die Frau der Kultur.
Nun habe ich einen Haushalt.
Meinen Haushalt heißt es.
Mein Mann, das sage ich nicht mehr.
Er schlägt mich, er schimpft mit mir. Liebe?- nirgends zu spüren.
Reden?- Mit wem soll ich reden.
Er darf es, heißt es.
Die Religion erlaubt es, heißt es.
Die Religion darf man nicht in Frage stellen, heißt es.
Ich bin die Frau der Kultur.
Ich lebe die vorgeschriebenen Regeln der Kultur ohne zu Fragen.
Erschöpft stehe ich auf meiner Terrasse, mit einem Besen in der Hand. Die Sonne strahlt zu mir, mit Hass und Erniedrigenden Blicken, denke ich mir.
Ich höre niemanden.
Es ist mittags.
Ich setze mich hin. Binde mein Schleier um mein Kopf. Kopfschmerzen. Die habe ich schon immer gehabt.
Im 9. Monat Schwanger.
Es ist normal heißt es.
Es muss ein Junge sein, heißt es.
Sonst wird der Mann eine neue Heiraten, heißt es.
Der Mann erwartet einen Jungen.
Die Fremden erwarten einen Jungen.
Zu meiner Familie habe ich kaum noch Kontakt.
Viel zu beschäftigt auf alles und jeden aufzupassen. Die Schwiegermutter, den Schwiegervater, die Schwägerin und ihre 4 Kinder, auf die Kinder der Freundinnen meiner Schwägerin.
Erschöpft stehe ich auf.
Ich bin die Frau der Kultur... Und die Sklavin der Fremden?
Ich trage den Eimer voller gewaschenen Kleider hinaus.
Sie müssen aufgehangen werden, heißt es.
Schmerzen sind Alltag.
Schwindel kommt dazu.
Die Sonne hat kein Erbarmen.
Ich bin die Frau der Kultur.
Mit dem Haushalt ausnahmsweise früher fertig. Ich lege mich hin.
Füße brennen, Augen Tränen.
Kein Wasser in der Nähe.
Keine Vertrauenswürdige/r in der Nähe um für Wasser zu bitten.

Mit einem Riesen Knall werde ich aus meinem Schlaf entrissen.
Bin eingenickt sagt der Mann.
Er erwartet essen.
Die Schwiegermutter neben an. Mit einem Schuh in der Hand, zeigt Sie diesen zu dem Mann. Er zeigt ihn zu mir. "es wird ein Junge" Sagt er zu ihr.
Er setzt sich hin.
Ich überwinde meine Schmerzen.
Setze mich auf den Küchenboden hin. Schmerzen holen mich ein.
Wärme das Essen auf.
Lachend sitzen der Mann und die Schwiegermutter draußen.
Ich bringe das Essen.
Ich solle jetz doch noch den Einkauf erledigen.
Ich habe Hunger, Frage jedoch nicht nach.
Sonst muss ich mir einiges hören lassen.
Ich putze weiter.
Schmerzen werden schlimmer. Das Lachen des Mannes wird lauter.
Und plötzlich.
Ich schreie los.
Es ist zu früh, denke ich mir. Oder doch nicht?
Keiner eilt zu mir.
Ich liege am Boden. Heulend.
Keiner kommt zu mir.
Ich werde sterben, denke ich mir. Aus mir dringt eine Stimme, die um ihr Leben kämpft.
"Es wird ein Junge!" Schreie ich aus meiner Seele.
"Es wird ein Junge!"
Eilend kommt die Schwiegermutter gerannt, der Mann ruft den Krankenwagen an.
Meine Schmerzen treffen jeder meiner Nerven.
Ich bin der Frau der Kultur.
Der Krankenwagen kommt nicht.
Ich bin zu erschöpft weiter zu atmen.
Tatsächlich zu erschöpft weiter zu atmen.
Der Mann packt mich am Arm, zieht mich hoch.
Bringt mich ins Auto.
Schnell eilt er ins Krankenhaus.
Ich fühle die letzten Stiche.
Ich bin die Frau der Kultur.
Im Krankenhaus angekommen liege ich da. Warte auf den Arzt. Es wird für eine weibliche Ärztin diskutiert.
Ich kann nicht mehr. Ich werde sterben. Ich werde sterben, denke ich mir.
Ich greife den Mann am Arm, mit meinem letzten Atemzug.
"Es ist ein Junge!!"
Der letzte Schrei aus mir.
Er guckt mich an. Willigt einen männlichen Arzt zu.
Sie eilen in ein Zimmer.
Meine Augen Tränen und schließen sich.
....
Es ist ein Mädchen.
Ich fange an zu heulen.
Ich bin die Mutter der Kultur.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann nicht zurück.
Die Religion hat mir nichts gebracht oder wurde Sie von der Kultur in den Hintergrund verdrängt?...
Ich umarme das Mädchen. Mein Mädchen.
Der Arzt hält mir noch ein Kind vor mein Gesicht.
Es ist ein Junge.
Ich sehe in ihm den kommenden Sohn der Kultur, den kommenden Bruder, Mann und Vater der Kultur.
Es brennt in mir.
Ich kann das nicht machen.
Ich bin schwach.
Der Arzt versteht mich.
Keiner darf die Kinder und mich sehen.
Ich brauche Ruhe und Erholung.
Ich sehe zu den Kindern.
Ist das ihre Zukunft?
Die Zukunft meiner Kinder?
Nein. Niemals.

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Die Zeit vergeht. Ich habe Kraft für meine Kinder.
Ich nehme Sie und Eile aus dem Krankenhaus.
Nun bin ich die Schande meiner Kultur. Und ich bin stolz drauf, denn es ist zum Wohle meiner Tochter und meines Sohnes.
Ich werde gesucht. Im ganzen Dorf.
Man will mich finden, meine Tochter und mich töten, mein Sohn aufnehmen und zum Tyrannen erziehen, wie jeder dieser Tiere.
Ich bin die Schande der Kultur.
Ich soll Niedergebrannt werden. Geschlachtet und an den Hunden gefüttert werden.
Sie rufen im Namen Allahs.
Doch auch sie sind Anhänger der Kultur, wieso dann Allah?
Ich flüchte, denn kein Haus wird mich akzeptieren und tolerieren.
Ich bin die Schande der Kultur..."

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