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Pegida zum Lesen

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PEGIDA
Getty
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Es war nur eine Frage der Zeit wann sich jemand an das „Sprengstoffthema" traut. Zum Glück ist es jemand, der nicht nur gut schreibt, sondern dabei auch nachdenkt. In dem Fall über die neue sächsische Weltmarke Pegida. Die ist inzwischen längst ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft geworden. Man muss nur hineinschauen.

So wie der Dresdner Schriftsteller Sebastian Hennig (links).

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Anders als all die anderen Wortmelder, die über eine Veranstaltung reden, die sie nie besucht haben und über Menschen urteilen, die sie nie gesprochen haben, war er von Anfang an dabei. Seine Notizen bilden den Boden für seine Chronik des ersten Jahres der Dresdner Montagsdemonstrationen. Oder „Spaziergänge", wie sie vor Ort heißen.

So nennt Sebastian Hennig seine Chronik auch „Spaziergänge über den Horizont".

Die erinnern ihn von Anfang an an die, die er 1989 als 17jähriger erlebt hat. Denn so wie heute, gingen auch damals Menschen auf die Straße, weil sie keine andere Chance mehr sahen, ihre Meinung, Ansichten und Vorstellungen über die gesellschaftlichen Verhältnisse in die Gesellschaft einzubringen.

In einer Diktatur war das lebensgefährlich. Aber heute? In einer Demokratie? Müsste das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Denn eine Demokratie lebt davon, dass jeder seine Meinung sagt. Ohne jede Angst vor dem, der eine andere hat. Wenn das nicht mehr gilt, ist sie schon die nächste Diktatur.

Das wissen besonders die Deutschen, die nach 1945 im Osten geboren und groß wurden. Und am allerbesten wissen das die Menschen, die diese Zeit im „Tal der Ahnungslosen" verbracht haben. So wurde Dresden damals bekannterweise genannt.

Weil es die einzige Stadt in Deutschland war, in der es kein Westfernsehen gab. Die Hänge links und rechts der Elbe machten den Empfang unmöglich. Das hatte zum einen den Nachteil, dass man Hauptsächlich der Meinung der Kommunisten ausgesetzt war, hatte aber auch den Vorteil, dass man so jeden Tag seinen eigenen Kopf benutzen musste, um sich die Welt zu erklären.

Dass dieser Wille in Dresden bis heute nicht ausgestorben ist, kann man Montag für Montag dort sehen.

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Nach dem Motto: Dresden zeigt wie es geht. Und wie es geht, kann man in seiner Chronik mit verfolgen: Einfach raus auf die Straße und sagen was man denkt. Ohne jede Angst dabei. So wie 1989.

Obwohl im Jahre 2015 nicht mehr so viel Mut dazu gehört wie damals. Demonstrieren ist heute in ganz Deutschland ein Grundrecht und wer es beansprucht hat per Gesetz nichts zu befürchten. Außer er wendet dabei Gewalt an.

Das machen die Pegidaspaziergänger nicht und so gibt es eigentlich keinen Grund sie trotzdem so zu behandeln.

Anders als die, die in Dresden jeden Montag gegen sie auf die Straße gehen. Um sie an der Wahrnehmung ihres Grundrechts zu hindern. Manche sogar mit Gewalt. Sogar mit Gewalt gegen die, die das Grundrecht schützen. Ganz ohne, das sie deshalb öffentlich verurteilt würden.

So sind viele Polizisten in Dresden auf der Seite von Pegida, denn wenn die spaziert, bräuchte es meistens nur ein paar Verkehrspolizisten um die Straßen zu sichern.

Weil jeder „Spaziergänger", der das Friedensgebot bei den Demos verletzt, von den anderen sofort davon abgehalten wird. Und reicht das nicht, gibt es immer noch die Ordner, die stark genug aussehen um für Frieden zu sorgen. Auch das kann man mitlesen und auch das zeichnet die Menschen dort aus. Sie bleiben weiter friedlich.

Obwohl ihnen selbst schon längst der totale Krieg erklärt wurde. In den Medien. Wie in der Politik. Vielleicht weil Pegida dort wie eine Bombe einschlug?

Plötzlich und völlig ungefragt und unzensiert meldete sich das Volk zu Wort. Mit Ansichten und Meinungen über Deutschland, die so in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zu hören waren. Und wie immer, wenn ein Versuch gestartet wird, das zu ändern, waren die Reaktionen auch diesmal erbarmungslos.

In einer öffentlichen Steinigung, mit Worten schwerer als Felsbrocken: „Nazis!" „Faschisten!!" „Rassisten!!!"„Pack!!!!" Eine Studie der TU Dresden hatte vor kurzem ergeben:

"Der typische PEGIDA-Demonstrant entstammt der Mittelschicht, ist gut ausgebildet, berufstätig, verfügt über ein für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen, ist 48 Jahre alt, männlich, gehört keiner Konfession an, weist keine Parteiverbundenheit aus und stammt aus Dresden oder Sachsen."

Wenn die nun über sich lesen oder hören müssen, dass sie eigentlich Verbrecher sind, die in Deutschland wieder die Gaskammern einführen wollen, ist es zur „Lügenpresse" nur ein logischer Schritt. Die „Lügenreporter" hätten ja auch die Wahrheit berichten können. So wie Sebastian Hennig in seinen Beobachtungen:

„Bei Pegida stehen Israelfreunde neben Israelfeinden, es spazieren dort korrekte Muslim, neben frommen Christen, Agnostikern und sektiererischen Atheisten, welche sich „auf die Wissenschaft" berufen wie auf die Wundmale Jesu. Der Wagnerianer neben dem Reggae-Fan, die Ultras von Dynamo Dresden neben denen von Lok Leipzig.

Der Mann aus Kamerun steht neben einem Türsteher im White-Pride-Shirt. Es gibt jene, die durch die Verfolgungserfahrungen in der DDR kompromisslos antirussisch eingestellt sind und die USA als Garanten der freien Gesellschaft ansehen, und jene, die Fahnen tragen, auf denen die deutsche und die russische Trikolore diagonal zusammenstehen und die begeistert „Ami go Home!" rufen."

Was sie alle eint, ist das Gefühl, nicht mehr gefragt zu werden, wenn es darum geht, wie und wohin sich Deutschland heute und in Zukunft entwickeln soll. Das wollen sie nicht mehr hinnehmen, denn: „Wir sind das Volk!" Man muss nur immer wieder mal daran erinnern. So wie seit einem Jahr wieder jeden Montag in Dresden.

Öffentlich und unzensiert. Weil die meisten Redner keine Profis sind, ist nicht jede Rede druckreif, aber jede ist eine Meinung. Eine Meinung wie jede andere auch, die man so lange teilt, wie man ihr zuhört um sich danach zu entscheiden. Zustimmen? Oder nicht? Dass ist gelebte Demokratie.

Nicht die Angst vor dem Islam erzeugt bei den Teilnehmern ein Gefühl, das sie vom ersten Tag an verbindet, sondern der Mut endlich über ihn und alle anderen Probleme dieser Welt mitzureden.

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Für die einen ist das eine Erlösung, für die andere eine Gefahr. So wie das Buch von Sebastian Hennig. Weil er darin jeden animiert, über seinen Horizont zu gehen. Politisch. Wie moralisch. Und weil er sich auch in der Sächsischen Geschichte gut auskennt, hat Deutschland jetzt ein Buch, dass Dresdens Image in der Welt wieder gerade rücken kann.

Die Stadt hat es verdient.

(Auch auf Huffington Post)

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