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Deutschland auf der Couch: Nervöse Zeiten in einer nervösen Republik

23/04/2017 14:01 CEST | Aktualisiert 25/04/2017 19:27 CEST

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Auf dieser Couch liegen bekanntlich immer wir alle, also das ganze deutsche Volk. Um zu verstehen, wie wir ticken. Im Superwaljahr ist das ja wichtig. Nicht nur in der Politik oder den Medien. Aber über die gibt es jetzt einen eigenen Film. In dem Journalisten und Politiker zwar nicht auf der Couch liegen, aber den Eindruck hinterlassen, dass sie dringend eine brauchen.

Das ganze letzte Jahr über hat der Filmemacher Stephan Lamby ausgewählte Journalisten wie Politiker mit seinen 6 Kameraleuten an ihren Wirkungsstätten begleitet und weil er das Glück hatte, dass das Jahr 2016 ein Jahr war, in der die Welt aus den Fugen geriet, konnte man hautnah miterleben, wie sie darauf reagierten. Das Ergebnis nannte er:

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Dazu gehören nicht nur Politiker und Journalisten, sondern wir alle. Denn dass wir alle in Zeiten wie diesen ‚nervös' sind wird ernsthaft niemand unter uns bestreiten wollen. Der Irrsinn wird ja jeden Tag größer:

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Als die Dreharbeiten anfingen, war Deutschland noch Anschlagsfrei. Obwohl auch der Brexit in den Medien wie der Politik schon einschlug wie eine Bombe. Wie alles, was nicht in ihr eigenes Weltbild passt. Auch das zeigt der Film hautnah.

In der Nacht in der die Brexitentscheidung in Großbritannien fiel und die Briten knapp aber mehrheitlich für den Austritt aus der EU stimmten sah man die versammelte Redaktion des Spiegel so fassungslos wie ratlos auf die Nachrichten von der Insel reagieren.

Die Vorstellung, es könnte so kommen, war in ihrer nicht mehr vorgesehen. Weil sie schon von Anfang an auf der Seite der Brexitgegner standen und so auch schon von Anfang an in ihrem Heft und auf ihrer Onlineseite fleißig dagegen geschrieben hatten.

Mit unabhängigem Journalismus hat das nichts zu tun und nun standen sie dumm da. Auch noch vor laufender Kamera. Das macht es ja noch dümmer. Die ganze Welt kann das jetzt sehen. Und hören:

„Wir sind alle relativ angespannt. Wir können uns nicht vorstellen, wie das jetzt weitergeht."

Die Politiker reagierten ähnlich. Fassungslos. Und ratlos. Weil die einen, wie die anderen, mehr Angst vor Veränderungen haben, als diejenigen, denen sie tagtäglich Ängste davor machen. So schüren die Politiker wie die Journalisten ein Klima, dass miitlerweile die ganze Republik ‚nervös' macht.

Kein Wunder, dass immer weniger unter uns denen ‚da oben' folgen wollen. Ein Ergebnis davon ist die AfD. Das Lieblingskind der Journalisten wie der Politik. Über keine Partei wird mehr geschimpft und geschrieben als über Deutschlands jüngste. Die Stoßrichtung gab Sigmar Gabriel schon an, als er noch als Kanzlerkandidat gehandelt wurde. Im Willy-Brandt-Haus sagt er ins Mikro:

„Unser Hauptfeind steht Rechts."

Denn von dort kommt alles Böse dieser Welt und wer dazu gehört bestimmen sie. In der Politik. Wie in den Medien. Ohne jedes schlechte Gewissen natürlich. Wer gegen das Böse kämpft ist ein Guter und damit unangreifbar.

Auch das zeigt der Film: Ihre grenzenlose Selbstgerechtigkeit war schon immer ihr größtes Problem. Zu einem Politiker muss das vielleicht dazugehören, aber zu einem Journalisten?

Julian Reichelt, Chefredakteur der Bildgruppe, erklärt es so:

„Wir haben über Jahrzehnte hinweg als Medien unsere enormen Reichweiten als enorme Zustimmung interpretiert. Und haben, als relativ eitle Branche, uns selber gesagt: Wenn uns so viele Menschen zuhören, lesen, im Fernsehen sehen, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass wir so wahnsinnig geistreich, klug analytisch, scharfsinnig usw. sind und haben dabei einfach übersehen, dass wir ein Verteilungsmonopol besessen haben. Und das bricht sich jetzt Bahn.

Millionen Menschen haben das Gefühl durch die sozialen Medien bekommen sie auf einmal die Wahrheit die wir ihnen jahrzehntelang vorenthalten haben könnten. Und das hat dann tatsächlich eine neue Parallelgesellschaft in der Digitalen Welt geschaffen."

In der ist das Meinungsmonopol abgeschafft, jeder kann alles verbreiten, er muss nur einsteigen in die digitale Realität. Für die etablierten Medien und Politiker ist diese Entwicklung eine Bedrohung, für die neuen eine Befreiung. Weil sich so auch eine Öffentlichkeit bilden kann, deren Hauptfeind nicht Rechts, sondern Links steht. Wie für die AfD:

„Wir wollen weg vom linksrotgrün versifften 68iger Deutschland von dem wir die Nase voll haben."

Dazu gehören die meisten Politiker wie Journalisten heute. Kein Wunder, dass die sogar mehr als ‚nervös' sind. Ein Vertreter von Bild:

‚Es ist immer eine Art Kampfstimmung zwischen den Reportern und den Parteivertretern.'

Christiane Meier von der ARD:

„Wir sind diejenigen denen sie misstrauen. Sie fühlen sich nicht repräsentiert von uns, sie fühlen sich durch uns an der Nase herumgeführt."

Weil die Schlagzeilen, die sie über sie schreiben immer schlechte sind:

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Aber auch schlechte Schlagzeilen sind gute. Erst recht im digitalen Zeitalter. Millionen können sie auf einen Blick lesen und mit jeder steigt ihr Bekanntheitsgrad weiter. Für die, die sie eigentlich bekämpfen wollen, ein echtes Dilemma. Lutz Kinkel vom Stern:

„Wir berichten über eine 10 Prozent Partei als wäre sie eine 40 Prozent Partei und insofern machen wir sie als Medien größer als sie eigentlich ist. Und natürlich ist das auch getrieben von dem Wunsch Schlagzeilen zu haben und Auflage zu machen."

So kommt es, dass auch die Außenseiter mittlerweile zum Establishment gehören. Am schönsten ist das bei Sahra Wagenknecht zu sehen. Jeden Tag ein anderes Kleid, fährt sie in einer schweren Limousine zu ihren Wahlkampfauftritten, spricht über Ungerechtigkeiten und verspricht eine höhere Rente, dann sinkt sie wieder in die Polster und rollt davon, abgesichert bis in alle Zeiten. Vorher hatte sie noch geschimpft:

„Die Politik hat den Draht zum Volk verloren."

Genau das will Frauke Petry mit ihrer Politik ändern. Deshalb macht es sie ‚traurig', dass selbst sie schon für viele zu denen ‚da oben' gehört. Aber:

„Das zeigt, dass das Mistrauen gegenüber Vertretern auch der neuen Parteien inzwischen so groß geworden ist, weil man dem Parteiensystem insgesamt nicht mehr zutraut Dinge ändern zu können."

Warum, weiß Heiko Maas. In einer Sternstunde der Einsicht sagt er auf die Frage, wie das Vertrauen verloren gegangen ist:

„Ich glaube, dass hängt damit zusammen, dass Parteien vor allem ihre Parteien und Parlamentswelt haben in der sie leben. Wir suchen uns Mehrheiten in unserer Partei, um unsere Positionen durchzusetzen, anschließend noch im Parlament um etwas beschließen zu können. Danach ist der politische Prozess zu Ende. Das wir uns während dieses Prozesses in den Parteien, wie im Parlament, für das, was wir beschließen wollen auch ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Zustimmung besorgen müssen, das ist eigentlich gar nicht mehr Bestandteil der politischen Arbeit gewesen und das hat dazu geführt, dass sich Politik und Bürger doch etwas sehr voneinander entfernt haben."

Was dabei herauskommen kann, hat Donald Trump ihnen gezeigt. Ganz ohne die etablierten Politiker und Medien ist er ganz nach oben gekommen. Ein Twitteracount hat gereicht. Seitdem hat wieder etwas Neues begonnen und das wollen die weiterhin nicht, die dabei am meisten verlieren würden.

Kein Wunder, dass Politiker wie Journalisten am lautesten gegen ihn schimpfen. Auch das zeigt, dass die ‚da oben' längst mehr als ‚nervös' sind. Für unsere Zukunft kein gutes Zeichen. So wäre es für die Republik am besten, wenn wir 'hier unten' uns davon nicht mehr anstecken lassen und wenn Ihnen das in Zeiten wie diesen schwerfällt, kommen Sie einfach weiter zu mir,

bis zum nächsten Termin, ihr Dr. Top

mehr über den Autor gibt es hier: http://www.toponlineverlag.com

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