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Die Macht der Datenspezialisten

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SOFTWARE
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Der Siegeszug der IT auch im produzierenden Gewerbe ist unaufhaltsam. Kürzlich sagte Siemens-Chef Joe Kaeser, er beschäftige 8000 Software-Ingenieure, viermal so viel wie vor zehn Jahren. Damit fühlt er sich gut gerüstet für "Industrie 4.0", also für intelligente, vernetzte Fertigungssysteme. Doch wozu braucht Siemens als klassischer Anlagenbauer überhaupt so viel Software-Knowhow?

Ganz einfach: Hardware verliert rasant an Bedeutung, Software wird die Geschäftsmodelle dominieren. Das Muster ist bekannt: In den achtziger Jahren mussten sich Microsoft, IBM und Apple neu erfinden, um zu überleben. Dieses Mal wird die digitale Transformation noch viel umfassender, branchenübergreifender, komplexer sein. Heute geht es darum, Big Data und anlagenspezifische Software clever miteinander zu verknüpfen. Möglicherweise wird der Markt bald von den Datenspezialisten aufgerollt. Denn sie sind es, die in einer vernetzten Industrie den Mehrwert schaffen.

Die ewigen Bewahrer beruhigen sich damit, dass echte Werte schließlich nur der Produktion entstehen können. Big Data halten sie für ein weiteres Marketing-Buzzword. Doch diese Sichtweise ignoriert, dass auch jede Produktionsanlage unaufhörlich Daten produziert. Ein Elektromotor wird in der Regel gewartet, wenn er eine bestimmte Laufzeit erreicht hat. Fällt er früher aus, muss er außerplanmäßig ersetzt werden.

Ein Big-Data-basiertes Diagnosetool kann Frühwarnsignale von allen weltweit im Einsatz befindlichen Elektromotoren deuten und den Zeitpunkt viel früher erkennen. Oder, weiteres Beispiel: Werden Prozessdaten intelligent aufbereitet, lassen sich Stromfresser im Produktionsablauf identifizieren und beseitigen. Anwendungen dieser Art können Industrieunternehmen einen Kostenvorteil von bis zu 80 Prozent bringen.

Europäische Firmen müssen aufpassen, hier nicht abhängt zu werden. Zwar besitzen wir eine Reihe von Weltmarktführern in industriellen Nischen. Einige davon sind sehr gut darin, Daten und Fertigungsprozesse zu verknüpfen. Aber wir wiegen uns allzu sehr in Sicherheit, wenn wir glauben, dass das genügt. Wir sollten uns eingestehen, dass das verarbeitende Gewerbe in den meisten europäischen Ländern noch Lichtjahre von der Vision einer vernetzten Industrie entfernt ist. Bei Hightech, Datenservices und industriellen Internet-Anwendungen fehlt es an Kompetenz, und wir werden hier weiter Weltmarktanteile verlieren.

Es spricht viel dafür, dass die Industrie der Zukunft von der Daten- und Softwareseite her aufgerollt wird. Die USA haben jetzt die Chance, wieder den Fuß in die Tür zu bekommen.US-Präsident Barack Obama arbeitet mit Hochdruck an der Industrie-Renaissance. Google hat mit der Akquisition von Nest, einem Spezialisten für smart Home-Appliances, einen Präzedenzfall geschaffen und sich die Hardwarekompetenz einfach zugekauft.

Diese Strategie ist auch im B2B-Bereich denkbar. Einige deutsche Autobauer arbeiten bereits mit Google zusammen - es geht um das Betriebssystem fürs Auto. Der Reifenhersteller Continental kooperiert mit Cisco und IBM. Vielleicht suchen die US-Datenspezialisten demnächst bei deutschen Industrieunternehmen nach Übernahmekandidaten. Vermutlich ist Siemens zu groß, um geschluckt zu werden. Nicht aber zahlreiche Maschinenbauer, deren Nischenprodukte ins Datenuniversum integriert werden können. Sie sollten auf der Hut sein.

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