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Noch bestimmt das Gehalt der Eltern die berufliche Zukunft der Kinder - doch wir werden das ändern

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TORSTEN ALBIG
dpa
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Meine Großeltern väterlicherseits waren fränkische Kleinbauern. Für mich als Kind war es immer sehr schön, sie zu besuchen. Es waren idyllische Ferien zwischen Heu-Ernte und Kühe melken. Was ein Kind nicht sieht: Für meine Großeltern war das Landleben harte Arbeit.

Doch sie kannten nichts anderes - und sie hätten sich auch nichts anderes vorstellen können. So war es schließlich bei ihnen und bei jeder Generation davor.

In unserer Familie sind sie immer in der Landwirtschaft gewesen. Ich bin der erste in meiner Familie, der sich seinen Lebensweg komplett selbst aussuchen konnte. Der Abitur gemacht hat. Der studiert hat.

Ich bin nicht durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Das habe ich nicht vergessen.

Jeder soll die Möglichkeiten haben, die ich hatte

Dafür bin ich dankbar und deswegen höre ich auch nicht auf, politisch dafür zu arbeiten, dass jeder bei uns im Land diese Chance hat. Jeder soll die Möglichkeiten haben, die ich hatte. Der Wunsch nach mehr Chancengleichheit ist groß in Deutschland.

Zu lange hat die soziale Herkunft den Bildungserfolg bestimmt. Und damit häufig den weiteren Lebenserfolg. Vieles hat sich schon verbessert, doch es reicht noch nicht. Ich weiß, dass etwa unser Schulsystem immer noch zu selektiv ist.

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Es ist nach wie vor sehr durchlässig nach unten und zu undurchlässig nach oben. Wir sind dabei, das zu ändern. Damit Aufstieg durch Bildung für die Kinder aus armen Verhältnissen die Chance auf ein besseres Leben ist.

In der Politik in Schleswig-Holstein ist Bildung daher das wichtigste Thema. Bildung ist ein Kernbereich gesellschaftlicher Veränderung. Bei der Bildung setzen wir an, um die herkunftsbedinge Ungleichheit zu reduzieren.

Bildung muss für alle kostenfrei sein

Ich bin überzeugt: Die ungleichen Startchancen können wir reduzieren, wenn wir nicht nur das Studium kostenfrei machen. Schon die ersten Berührungspunkte mit Bildung müssen für alle kostenfrei sein: Die Krippe, die Kita, die Ganztagsbetreuung. Wir sind dabei, das zu verwirklichen.

Das kostet viel Geld und geht darum nur Schritt für Schritt. Wichtig ist jedoch, dass wir diesen Weg gehen. Der frühere US-Präsident Kennedy hat es treffend gesagt: „Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die teurer ist als Bildung: Keine Bildung."

Mehr zum Thema: Bildungsministerin: Die Herkunft beeinflusst die berufliche Zukunft noch zu stark

In den vergangenen fünf Jahren haben wir in Schleswig-Holstein gut eine halbe Milliarde Euro mehr für Bildung ausgegeben.

Etwa für mehr Lehrkräfte, bessere Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie eine bessere Unterrichtsversorgung. Auch das Angebot und die Qualität in den Kitas haben wir ausgebaut. Alles, was wir als Land tun, folgt der Devise: Wir wollen kein Kind zurücklassen. Es muss egal sein, ob du reiche oder arme Eltern hast.

Ob du etwas länger beim Lernen brauchst. Oder ob du andere Schwierigkeiten hast, bei denen du Hilfe benötigst. Wichtig ist nur, dass wir als Gesellschaft an jeden einzelnen glauben. Dass wir niemanden aufgeben oder zu früh abschreiben.

Schwache und Starke helfen einander

Wir lassen unsere Kinder deshalb möglichst lange gemeinsam lernen. Schwache und Starke helfen einander. Wir nehmen Inklusion ernst und auch die Begabtenförderung. Wobei eben da allein die Begabung zählen muss und nicht der familiäre Hintergrund.

All das macht sich inzwischen in den Bildungsvergleichstests bemerkbar. Schleswig-Holsteins Schüler haben kräftig aufgeholt und in einigen Bereichen mit den führenden Bayern gleichgezogen. Niemanden zurücklassen, heißt eben nicht, dass am Ende alle im Mittelmaß landen. Trotzdem gibt es leider nach wie vor junge Menschen, die ohne Abschluss von der Schule gehen.

Um die müssen wir uns die größten Sorgen machen. Damit auch diese Schulabbrecher nicht durchs Raster fallen, gründen wir seit einem Jahr im Land die Jugendberufsagenturen. Die kümmern sich, damit uns kein Jugendlicher an der Nahtstelle zwischen Schule und Beruf verloren geht.

Mehr zum Thema: Studie belegt gravierende Ungleichheit im deutschen Schulsystem

Es wird immer so sein, dass es in der Schule die Spätzünder gibt. Diejenigen, die eine Chance mehr brauchen als andere.

Auch ich war nicht von Anfang an der erfolgreichste Schüler. Wichtig ist allein, dass wir allen die Chance gewähren, ihre eigene Erfolgsgeschichte zu finden. Dass wir nicht sagen: Die kommt aus schwierigen Verhältnissen, das wird ohnehin nichts, wenn die auf die weitergehende Schule geht.

Machen wir es anders: Geben wir gerade diesen Kindern die Möglichkeit auf bestmögliche Ausbildung. Und sorgen wir dafür, dass es dort die Hilfen und die Begleitung bekommt, die ihm das Elternhaus vielleicht nicht geben kann.

Erfolg im Leben durch Bildung: Jedes Kind muss diese wunderbare Möglichkeit bekommen. Wenn wir das endlich schaffen - es wäre ein Segen. Für diese Kinder. Und für unser Land. Weil es dadurch noch gerechter werden wird.

(jz)

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