Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Tonia von Gunten Headshot

Stopp den Schlag! Wenn Kinder mies behandelt werden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LITTLE BOY IN TROLLEY
tatyana_tomsickova via Getty Images
Drucken

KĂĽrzlich wurde ich Zeuge, wie einem kleinen Jungen auf den Mund geschlagen wurde ...

Im Einkaufszentrum schiebt eine Mutter ihren Einkaufswagen durch die Kinderkleider. Vorne drin sitzt ein kleiner Junge, schätzungsweise knappe zwei Jahre alt, hinten türmen sich die Lebensmittel. Es dauert. Das Kind zappelt im engen Sitz hin und her und jammert dabei so ein bisschen vor sich hin. Es dauert.

Dann dreht er sich nach hinten um, so gut das halt geht, und schaut sich den Inhalt des Wagens an. Darauf nimmt er etwas aus der Einkaufstüte in seine kleinen Hände und dreht sich damit wieder nach vorne.

Er lächelt seine Mutter glücklich an und wird ganz still. Er drückt und spielt damit, es knistert ein bisschen. Dann beißt er rein und untersucht, was er da in die Finger und in den Mund kriegte. Ich kriege das so nebenbei mit, während ich daneben selber nach einem passenden Kleidungsstück für ein Kind suche.

Die richtige Größe ist nicht mehr aufzufinden. Kennt ihr das? Man sucht und sucht und findet nichts und spätestens dann werden die Kinder ungeduldig. Ist so! Deshalb will ich gerade zur Kasse weiterziehen, als ich höre, wie die Mutter ihr Kind laut anfährt: „Hörst du jetzt wohl auf damit?" Dabei reißt sie ihm völlig entnervt den aus dem Wagen erhaschten Gegenstand aus der Hand.

Dann wendet sie sich ab und sucht weiter nach den passenden Kleidern, nun aber doch ein bisschen schneller. Das Kind jammert weiter und fängt an zu nörgeln. Dann packt er etwas später wieder was aus dem Wagen. Und darauf ... schlägt ihm die Mutter mit ihrer Hand auf den Mund. PÄNG!

Der Junge weint mit weit aufgerissenem Mund laut los

Sie dreht sich weg und wählt weiter Kleider aus. Und ich stehe hinter dem Jungen wie ein versteinerter Idiot. Mir hat es die Sprache verschlagen. Ich kann's nicht glauben, ich bin so betroffen, und sehe den Jungen und höre die Mutter, die sich nochmals zum Kind hin wendet und sagt: „DU WEISST SCHON WARUM, ODER?"

Puh! Jetzt schüttle ich den Kopf. Was soll ich tun? Dämlich lächle ich dem Jungen von hinten zu, obwohl er es nicht sieht. Ich hoffe, dass er vielleicht spürt, dass er nichts Falsches getan hat, und dass er völlig OK ist. Dass der Schlag und die Reaktion der Mutter das wirklich Falsche an der ganzen Sache sind. Ich möchte der Mutter sagen, dass es gute Hilfe für sie gibt, und dass man es wirklich schaffen kann, sein eigenes schwieriges Verhalten zu verändern.

Ich denke, dass wir viel zu oft wegsehen in Situationen, die fĂĽr uns ungemĂĽtlich sind.

Wir versuchen dadurch, selber damit klar zu kommen und sagen uns Sachen wie: „Das geht uns doch nichts an! Man soll erst vor der eigenen Türe wischen. Selber ist man ja auch nicht besser! Die wird schon wissen, was sie tut".

Doch frage ich mich, wie doof ist das denn? Ich weiß, dass Eltern oft am Limit sind. Das Leben und die Arbeit mit den Kindern macht nicht immer nur Freude. Ich bin selber ja auch Mutter und kann mir etwa denken, wie es dieser Frau so geht. Ich nehme an, nicht sehr gut. Denn wenn sie es könnte, würde sie es anders machen! Kein Mensch will mit seinen Kindern Ärger, kein Mensch.

Aber wir dürfen es nicht als Entschuldigung nehmen, denn Kinder zu schlagen geht heute überhaupt nicht mehr, in keiner einzigen Situation ist es angebracht. Auch nicht beim Einkaufen. Egal, wie mühsam das mit und für kleine Kinder ist. Es ist falsch, es bringt nichts, es zerstört die Beziehung.

Nicht weg schauen, wenn ein Kind geschlagen wird

Für mich gibt es dabei auch kein „Handausrutschen", keine „leichten" oder „angebrachten" Ohrfeigen und Schläge. Nun, Gewalt lässt sich nicht einfach so abstellen oder wegbringen. Es sind alte Muster, die oftmals selbst erlebt und die so fest im Hirn verankert sind und leider immer dann zum Zuge kommen, wenn man selber in Not ist.

Viele Menschen kennen von sich selber dieses ungünstigen Verhalten. Wie gesagt: Wenn man es besser könnte, würde man es ja tun! Ich verurteile deshalb keine schlagenden Eltern. Aber es ist und bleibt eine miese Tat auf Kosten der Kinder, und deshalb schreibe ich hier diesen Text zu diesem traurigen Thema. Und ich will mich das nächste Mal hinzustellen und reagieren.

„Guten Tag, mein Name ist xxx. Könnten Sie sich heute noch was Gutes tun? Das wäre schön. Denn ich denke ... vielleicht sind Sie selber in Not? So sehr dass Sie ihr Kind schlagen. Das tut mir für euch beide sehr leid. Bitte, stoppen Sie den Schlag! Es gibt heute gute Möglichkeiten, um das zu lernen und anders mit Kindern umzugehen. Vielen Dank!"

Und dann werde ich das Kind noch kurz anlächeln und mich von der Mutter verabschieden und weggehen (vielleicht auch die Flucht ergreifen), so dass sie nicht das Gesicht verlieren muss.

Ich denke, dass wir von außen alle etwas dazu beitragen können, dass Kinder in unserer Nähe fair behandelt werden. Wie ihr darüber denkt, wenn Kinder in der Öffentlichkeit mies behandelt werden? Ein heikles Thema! Guckt ihr weg? Oder stoppt ihr bereits den Schlag?

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Dieser Text erschien auf Elternpower.ch

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Familie: Ein Paar adotpiert 3 Kinder. Als die Nachbarin das sieht, ruft sie das Jugendamt

Lesenswert: