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"Ich sah die Tränen in ihren Augen" - Was ich mit neun Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen erlebte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BERGEN BELSEN
Christian Charisius / Reuters
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Wenn ich mich umschaue, sehe ich nur Stacheldraht. Und einen Überwachungsturm. Ich bin im Konzentrationslager Bergen- Belsen. Ich bin erst neun Jahre alt, deshalb weiß ich nicht einmal, was ein Konzentrationslager ist. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nicht frei bin.

Vor nicht allzu langer Zeit, habe ich noch in meinem Dorf Merasice in der Slowakei gespielt. Im Sommer bin ich immer barfuß herumgerannt. Im Winter sind wir oft Rodeln gegangen. Mein Heimatort war ein kleines Paradies für mich.

Aber jetzt finde ich mich plötzlich als Gefangener wieder. Ich bin verwirrt. Ich habe Hunger. Mir ist kalt. Und mir geht es sehr, sehr schlecht.

Wir sollten zum Duschen in ein anderes Gebäude gehen


Am 16. Oktober 1944 wurden wir verraten, von der Gestapo inhaftiert und in die Hölle auf Erden, nach Bergen- Belsen, deportiert. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem wir Kinder angefangen haben, zu verstehen, was um uns herum passiert.

An diesem Tag haben wir gelernt, was die Erwachsenen bereits wussten: Wir waren damals bereits seit zwei Wochen in Bergen- Belsen. Hatten uns an den Tagesablauf gewöhnt. Jeden Morgen gab es eine Anwesenheitskontrolle. Wir mussten uns draußen in der Eiseskälte aufstellen und eine Stunde auf unsere Aufseher warten. Es waren junge, weibliche SS Wachen.

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An diesem einen Morgen aber kamen sie nicht alleine. Die Frauen wurden von einer Gruppe bewaffneter Soldaten begleitet. Und die anderen Gefangenen fingen an zu flüstern: "Etwas läuft falsch, was machen die Soldaten hier?"

Sie riefen unsere Nummern auf und wir mussten uns mit "Ja" melden, wenn wir an der Reihe waren. Nach der Kontrolle forderten sie uns auf, unsere Handtücher und Decken aus der Hütte zu holen, weil wir heute zum Duschen in ein anderes Gebäude gehen sollten.

Eine heiße Dusche - das waren gute Nachrichten. Für mich klang das ganze großartig. Dann musste ich wenigstens nicht nach draußen und mich dort mit eiskaltem Wasser waschen.

Gewundert habe ich mich allerdings trotzdem. Alle sahen sich um und die Frauen fühlten sich sichtlich unwohl.

Nach dem Befehl war viel los in unserer Hütte. Alle sind losgerannt, um ihre Handtücher zu holen.

Ich sah eine Frau, die sich haltsuchend gegen ihre Nachbarin lehnte. Sie fragte sie: "Glaubst du, dass die Soldaten uns die Wahrheit sagen?"

Die Nachbarin zuckte nur mit den Schultern und antwortete nicht. Ich sah aber die Tränen in ihren Augen.

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Die Soldaten drängten uns in einen langen Gang

Ich wollte meine Mama fragen, was los war. Aber sie war damit beschäftigt, meiner Oma und meiner Cousine zu helfen, ihre Handtücher und Decken aufzusammeln. Meine Tante stand in der Tür und rief uns zu, wir sollten uns beeilen, weil die Soldaten draußen ungeduldig werden.

Als alle draußen waren, mussten wir uns aufreihen und marschieren. Es war kalt und merkwürdig still. Ich war ängstlicher als sonst, aber wusste nicht genau warum.

Es verunsicherte mich wohl, dass mir keiner von den Erwachsenen in die Augen schauen konnte. Ich wunderte mich, weil die Frauen vorher noch gesagt haben, wie sehr sie sich eine Dusche wünschen. Jetzt, wo wir sie bekommen sollten, sahen sie nicht gerade glücklich aus.

Eine Frau in der Reihe vor mir nahm ihren Ehering vom Finger. Sie sah sich verstohlen um, dann warf sie den Ring auf den staubigen Boden. "Diese Bastarde bekommen mein Gold nicht", sagte sie zu ihrer Freundin.

Wir marschierten weiter und stoppten nach dreißig Minuten vor einem Betonbau mit kleinem Schornstein auf dem Dach. Ein Raunen ging durch die Menge. Eine Frau keuchte: "Oh mein Gott".

Mein Bruder und meine Cousine sahen sich verwirrt um. Sie konnten nicht verstehen, was hier vor sich ging.

Die Soldaten verfrachteten uns so schnell wie möglich in das Gebäude und drängten uns in einen langen Gang.

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Sean Gallup via Getty Images

Auf der linken Seite standen Bänke. Ein chemischer Geruch hing in der Luft und es gab Karren mit Gitterstäben aus Metall. Auf der rechten Seite erkannte ich schwere Metalltüren.

Die Soldaten schrien uns an. Sie riefen uns auf Deutsch Befehle zu, die ich nicht verstand. Zum Glück verstand meine Tante, dass wir uns ausziehen und die Klamotten und Handtücher auf den Karren legen sollten.

Wir begannen, uns zu entkleiden. Die Soldaten standen an der Seite, haben Witze gemacht, gelächelt und uns Dinge zugerufen.

Als wir alle in dem großen Raum waren, wurde es auf einmal still

Als wir nackt vor ihnen standen, passierte etwas. Einer der Soldaten - er war noch relativ jung - kam auf uns zugelaufen. Den Blick fest auf meine Cousine gerichtet. Genau wie mein Bruder und ich, sah sie nicht besonders jüdisch aus. Ihre langen, goldblonden Haare fielen ihr über die nackten Schultern.

Der Soldat rief: "Was macht das arische Mädchen hier?" Meine Tante trat schützend zwischen ihn und ihre Tochter. "Geh weg," erwiderte sie. Gerade laut genug, damit die SS-Frauen sie hören konnten.

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Daraufhin drehte sich der Soldat tatsächlich um und ging. Es wurde kein Wort mehr über den Vorfall verloren.

Ich sah mich wieder um. Es war ein jämmerlicher Anblick, meine Großmutter und die anderen alten Frauen mit ihrer weißen, faltigen Haut so zu sehen. Wie sie dort standen, nackt und schutzlos. Ich konnte ihre Scham förmlich spüren - ich selbst habe mich ja genauso gefühlt.

Die Soldaten befahlen uns, zu den Türen zu gehen und gaben jedem ein Stück Seife. Dann brachten sie uns in einen großen Raum mit gefliestem Boden, unzähligen Rohren und Duschköpfen an der Decke.

Als wir alle drinnen waren, wurde es auf einmal still. Wir konnten die Soldaten nicht mehr hören. Sie hatten die Türen hinter uns zugeworfen. Wir warteten. Die Erwachsenen sahen nach oben zu den Duschköpfen. Einige Frauen fingen an zu weinen.

Uns war kalt. Meine Mama drückte mich und meinen Bruder an sich. Ich weiß nicht, wie lange wir so dort standen. Es können Minuten gewesen sein, oder vielleicht nur Sekunden. Als gurgelnde Laute aus den Rohren kamen, drückte uns Mama noch enger an sich. Ich konnte ihr Herz hören. Es schlug immer schneller. Sie atmete schwer.

Wir starrten gebannt an die Decke und das Geräusch kam näher und näher.

Plötzlich kam heißes Wasser aus den Duschhähnen.

Wir Kinder wussten nichts von den Gaskammern

Es war genau, was ich erwartet hatte. Deshalb verstand ich nicht, was um mich herum passierte. Warum Mütter ihre Kinder küssten und sich gleichzeitig lachend und weinend in die Arme fielen. Ich wollte mich einfach nur waschen, solange das Wasser noch heiß war.

Ein Lachen wie an diesem Tag hörte ich im Camp danach nie wieder. Tatsächlich war das die einzige Dusche, die wir in der ganzen Zeit während unserer Gefangenschaft bekamen.

Natürlich wussten die Erwachsenen damals über Auschwitz und Birkenau bescheid. Sie wussten von den Gaskammern. Millionen Juden wurden dort herein gelegt. Ihnen wurde Seife gegeben und vorgespielt, dass sie duschen dürften. Dann wurden sie vergast.

Aber wir Kinder wussten nichts von alledem. Heute kann ich mir nur vorstellen, welche Angst unsere Mütter zu der Zeit gehabt haben müssen.

Bergen- Belsen wurde am 15. April 1945 befreit. Nächste Woche werden wir den 75. Jahrestag unserer Befreiung feiern. Das war der Tag, an dem unser Albtraum ein Ende hatte.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "All These Wonders" von "The Moth" und erschien zuerst bei HuffPost UK. Er wurde von Rebecca Nothvogel aus dem Englischen übersetzt.

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