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Was Ihr Kind besser kann als Sie

03/09/2015 16:34 CEST | Aktualisiert 03/09/2016 11:12 CEST
ullstein bild via Getty Images

Plötzlich springt er auf, drückt seine Nase an die Fensterscheibe und ruft: „Kühe!!" Die Mutter des kleinen Jungen schaut gelangweilt auf, bemerkt höchstens die Schweizer Berge, an denen der Zug gerade vorbeifährt und blättert dann weiter in ihrer Klatsch-Zeitschrift.

Sie wäre nur erstaunt, wenn statt einer Herde Kühe drei lila Elefanten über die Schweizer Almen liefen. Doch als Kind war sie genauso wir ihr Sohn. Wieso verlernen wir das Staunen? Ist uns dabei nicht eine wichtige Fähigkeit abhanden gegangen, die etwas Farbe in den grauen Alltag bringen könnte?

Für Kinder ist kein Tag wie der andere

Kinder staunen über das Müllauto, das mit großem Getöse um die Ecke biegt, über das Morgenrot am Himmel, über den großen schwarzen Hund der Nachbarin. Alles, was ihnen begegnet, ist neu. Aber irgendwann gewöhnen sie sich daran, dass Müllautos Krach machen, dass der Himmel nicht immer blau ist und Hunde in der Regel harmlos sind. Das Leben wird eintönig.

Für alles gibt es eine Erklärung. Max Weber sprach von der „entzauberten Welt", die für aufgeklärte Gemüter keine Überraschungen mehr bereithält. Aber rationale Antworten befriedigen unsere Neugier nicht immer. Die Medien sind voller Sensationen, die sich gegenseitig zu übertreffen versuchen. Wir wollen überrascht werden. Wir wollen staunen. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, findet zum Glück reichlich Gelegenheit dazu.

Zeit zum Staunen

Beispiele gibt es viele. Sie müssen nur aus dem Fenster sehen - vielleicht steht dort ein Baum. Wussten Sie, dass ganz gewöhnliche Bäume sprechen können? Was Bäume zu sagen haben, machte ein Schweizer Biologe hörbar: Die Ultraschallsignale, die entstehen, wenn die Wasserversorgung stagniert, übersetzt er in Klick- und Knackgeräusche. „Ich habe Durst", sagt der Baum auf diese Weise.

Wen das nicht zum Staunen bringt, kann sich vielleicht für Wissenschaft und Technik begeistern. Forscher haben beispielsweise musikalische Roboter entwickelt, die Konzerte geben. Und die Fans klatschen Beifall. Aber am erstaunlichsten ist vielleicht der Mensch selbst: Mit mehr als 100 Billionen Synapsen hat das Gehirn mehr theoretische Verknüpfungsmöglichkeiten als es Atome im Universum gibt.

Die Gedanken zum Stillstand bringen

Manchmal reicht es nicht, etwas Verblüffendes zu wissen. Man muss es sehen. Und erleben. Auf einem 3.000-Meter-Berg stehen und ins Umland blicken, bei der Geburt eines Kindes dabei sein oder mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springen. Es muss aber nicht immer eine Extremsituation sein, die Menschen zum Staunen bringt.

Verblüffen kann auch der Freund, der gerade anruft, wenn man an ihn denkt, ein Seiltänzer, der seine Kunststücke vorführt oder ein Zaubertrick, bei dem sich Gegenstände in Luft auflösen oder ihre Form verändern - wie zum Beispiel hier.

Egal, was es ist, das uns staunen lässt: Hauptsache, unser Denken kommt zum Stillstand. Dann lassen wir den Alltag für einen Moment hinter uns, sind verwirrt, überrascht, erfreut, entzückt - oder schmunzeln einfach nur darüber, dass wir das Staunen doch nicht verlernt haben. Das ist wichtig, denn Menschen, die staunen können, sind im Vorteil - sagen Wissenschaftler.

Wer staunt, hat mehr vom Leben

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die sich leichter ins Staunen versetzen lassen, hilfsbereiter sind. Sie lassen für einen Moment von ihren eigenen Sorgen, ihren eigenen Gedankenspielen ab und staunen über etwas, das größer ist als sie. Das sie nicht verstehen. Diese Lücke gibt ihnen den Raum, sich um andere zu kümmern.

Schweizer Wissenschaftler zeigten in einer Ausstellung noch andere Vorteile des Staunens: Wer staunt, will verstehen. Und wer verstehen will, wird den Dingen auf den Grund gehen - ein zentraler Ausgangspunkt für Forscher und Künstler, die sich stets dort wohl fühlen, wo sie Neues hervorbringen können.

Grund genug also, sich hin und wieder bewusst ins Staunen versetzen zu lassen. Worüber jemand staunt, ist wohl sehr individuell. Natur, Kunst, Religion, Technik oder Bühnenshows bieten genug Gelegenheiten dazu. Manchmal reicht es auch, sein Kind zu beobachten und mitzustaunen, wenn eine Kuh auf einer Almwiese grast ...

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