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Wäre Tibet unter dem Dalai Lama ein zweites Afghanistan geworden?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DALAI LAMA
P Deliss/Godong via Getty Images
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Der vorherigen Beitrag hat hinter den Vorhang des Dalai Lamas geblickt und die Aussage getroffen, dass sein Image auf Illusionen basiert. Das ermöglicht weiterführende Gedanken.

Wenn westliche Medien chinesische Tibetpolitik und den Einmarsch kritisieren, messen sie mit zweierlei Maß. Amerika hat sich nicht friedlich entwickelt. Das Land ist durch den Sezessionskrieg zu seiner jetzigen Größe gelangt. Bei diesem Konflikt haben die Einzelstaaten ähnlich wie Tibet um ihre Unabhängigkeit gekämpft und sie verloren. Amerika hat sich durch militärische Gewalt am Auseinanderbrechen gehindert und den Aufstieg zur Großmacht begonnen. Und in der Indianerfrage denkt Washington ja auch nicht mehr ans Zurückgeben. Warum gelten die gleichen Rechte nicht für China?

London kritisiert Beijing in Sachen Einmarsch und tibetische Unabhängigkeit. Dabei waren es die Engländer, die als Erste gewaltsam in Tibet eingedrungen sind, lange bevor es eine chinesische Volksbefreiungsarmee gab. Der britische Tibetfeldzug von 1903 zwang den damaligen 13. Dalai Lama zur Flucht. Englands erster Versuch, Tibet zu kolonialisieren scheiterte kläglich und hinterließ ein sinnloses Massaker. Darüber hinaus könnte man London noch an Hong Kong erinnern, die Falkland Inseln oder daran, dass Gibraltar letztlich unter altem Kriegsbeuterecht bis heute nicht zurückgegeben wird. Warum verlangt man das Gegenteil von China?

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Col. Younghusband 1904 in Lhasa. Die Britische Tibet Invasion. (Quelle: Wikipedia)

Wenn Berlin oder deutsche Medien sich über die Tibetfrage äußern, dann mögen sie an die Hunnenrede von Wilhelm II. denken, mit der er das deutsche Expeditionskorps zu gnadenlosem Vorgehen in China aufrief. Nach diesem Schema haben letztlich viele Mächte des Imperialismus China vor gar nicht allzu langer Zeit besetzt und auseinander gerissen. Das alles wird bei uns gerne vergessen. Aber nicht in China.

Warum ist Mao eigentlich einmarschiert?

Unausgesprochen liegt allen Diskussionen um Tibet die Annahme zugrunde, dass es den Tibetern ohne den Chinesen besser gehen würde. Das wage ich zu bezweifeln. Machen wir dazu ein Gedankenspiel. Drehen wir das Kalachakra, das Rad der Zeit, zurück und überlegen, was denn möglicherweise aus Tibet geworden wäre, wenn die Chinesen dort nicht erschienen wären.

Das erste Opfer in diesem hypothetisch Szenario wäre vielleicht der Dalai Lama selbst. Seine angebliche Flucht vor der Volksarmee war nämlich auch ein Wegrennen vor den eigenen Leuten. Es ist durchaus denkbar, dass Ihre Heiligkeit in Lhasa von internen Feinden umgebracht worden wäre. Tibet hat sich immer schon in ewigen Glaubenskriegen selbst zerfleischt. Vier Vorgänger des Dalai Lamas wurden von konkurrierenden Sekten ermordet. Das gleiche hätte dem jetzigen Gottkönig auch passieren können. Diesen Teil der Geschichte hat der Dalai Lama dem Westen nicht erzählt, aber er wird ihn kennen. Die Lage in seinem Land war hochexplosiv, als die Chinesen noch nicht einmal losmarschiert waren. Mit der Reting Verschwörung stand Tibet kurz vor dem Bürgerkrieg
und dem inneren Zusammenbruch. Die Khampas, kampfgewaltige Nomaden, haben ihn nie als politisches Oberhaupt akzeptiert und über seine Absetzung nachgedacht. Ganz ohne Chinas Zutun stand Tibet am Abgrund. Keine gute Ausgangslage in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber Grund zur Sorge für Mao.

Es gab noch ein anderes Problem. Das sogenannte Great Game. Vermutlich lagen erneut Pläne für eine englische oder russische Besetzung Tibets auf dem Tisch. Daraus hätte sich vielleicht in späteren Jahrzehnten ein Dekolonialisierungsszenario für Tibet entwickelt wie der Indochinakrieg. Mao wußte von den Plänen. Oder Tibet wäre zu Zeiten des Kalten Krieges ein Bollwerk der Amerikaner gegen die benachbarten Kommunisten geworden. Der CIA war ja schon da. Möglicherweise hätten die USA das Land ausgebeutet und an den Rand des Ruins getrieben, wie sie es mit anderen Entwicklungsländern gemacht haben. Erste Gespräche über den Abbau von
Bodenschätzen fanden in New York bereits statt. Auch keine gute Perspektive für Tibet. Vor allem aber noch ein Grund zur Sorge für Mao.

Beim Betrachten der Lage und Schicksalsvarianten Tibets sprach Mao völlig zu Recht von „Imperialistischen Kräften", die an Tibet zerrten. Denen mußte er zuvorkommen. Das hätte jeder andere Regierungschef an seiner Stelle auch getan. Insofern sind es genau die westlichen Länder, die China zum Einmarsch genötigt haben, die Beijing heute dafür kritisieren.

Was wäre aus einem isolierten Tibet mit dem Einzug der Moderne geworden?

Eine andere Frage, die nie gestellt wird ist die: Wäre nicht einiges von dem, was man China vorwirft, ohnehin in Tibet passiert? Anders gesagt, mancher Wandel in Tibet hat überhaupt nichts mit Chinas Anwesenheit zu tun. Es geht vielmehr um den Beginn eines neuen Zeitalters.

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Tibetische Armut vor der Befreiung (Quelle: Bundesarchiv Berlin)

Über kurz oder lang hätte etwas Unaufhaltsames in Tibet Einzug gehalten, etwas, das das Land von Grund auf erschüttert hätte. Keine Soldaten. Etwas viel Mächtigeres: Die Moderne. Natürlich gab es am Anfang des 20. Jahrhunderts dort wie überall auf der Welt arm und reich, frei und unfrei. Tibet war ein mittelalterliches Feudalsystem und ein fundamentalistischer Gottesstaat. Das darf man nicht übersehen. Nun hätte sich Tibet nicht auf ewig gegen alles von Aussen abschirmen können. Irgendwann wäre die Neuzeit über das Land hereingebrochen wie eine Naturkatastrophe und hätte zu Spannungen geführt: Kapitalismus, Kommunismus, Demokratie, Frauenrechte, Fernsehen, Autos, Mode, Jugendkulte, Flugzeuge, Rock´n´Roll und neue Waffen. Wie hätte ein sich selbst überlassenes rückständiges Tibet darauf reagiert?

Tibet unter dem Dalai Lama ginge es heute vielleicht schlecht

Über mögliche Krisenszenarien zu spekulieren stößt an ein Denkverbot. Viele Stimmen würden aufschreien: Doch nicht im friedliebenden Tibet! Warum nicht, ist Tibet nicht von dieser Welt? Geschichte zeigt häufig Parallelen. Und sei es nur, dass Menschen über Menschen geherrscht haben. Warum sollte nicht auch in der Theokratie Tibet passiert sein können, was woanders geschah? Vielleicht ein religiöses Terrorregime wie im Afghanistan der Taliban. Oder Fernsehverbot bis 1999 (Weltrekord) zum Schutz der Kultur wie in Bhutan. Revolutionen, Regierungsumstürze und Maoistische Rebellen wie in Nepal. Hätten - um es einmal auf die Spitze zu treiben - am Ende tibetische Leibeigene zur Waffe gegriffen und in ihrem Kampf gegen die Ausbeutung durch die Lamas die Volksbefreiungsarmee zu Hilfe gerufen? An der Stelle gebe ich zu Bedenken, dass der Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungs Armee in Tibet für nicht wenige Menschen durchaus eine Befreiung war und keine Invasion, wie man im Westen immer sagt. Es kommt nur darauf an, wen man fragt. Den Adeligen, der seine Privilegien verloren hat oder den Sklaven, der seine Freiheit gewonnen hat.

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Ein in China entwickeltes Handy mit tibetischen Buchstaben (Quelle: Autor/Privat)

So oder so, der Einzug der Moderne in Tibet wäre wie anderswo gewiss nicht ohne Blutvergießen über die Bühne gegangen. Und das Ergebnis hätte dem Westen in keinem Fall gefallen. Man schaue, wie holprig sich die Dinge in Bhutan und Nepal entwickeln. Nur anders als seine Nachbarn, die immerhin ein wenig, wenn auch mühsam reagiert haben, gab es in Lhasa nicht einmal Anzeichen dafür, dass sich Tibet von selbst in ein nach westlichem Maßstab sympathisches Land entwickelt hätte. Im Gegenteil, die einzigen Schritte in Richtung Reformen durch den 13. Dalai Lama in Gestalt von Schulen und Generatoren wurden nach seinem Tod von der konservativen Regierung sofort wieder eingestampft. Noch in den 40er Jahren des 20. Jahrhundert wurden die Fortschrittsbemühungen des reichsten Mannes von Tibet, Tsarong, von der weltfremden Geistlichkeit gestoppt.

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Tibetischer Sklave vor dem chinesischen Einmarsch (Quelle: www.tibet.cn)

In der gebetsmühlenartigen Diskussion im Westen wird immer implizit angenommen, dass die alte Regierung in Lhasa auch in der Neuzeit eine Gute gewesen wäre und der Dalai Lama ein salomonischer Herrscher. Woher weiß man das? Heute sind Ihre Heiligkeit und der Kashag für kein Land verantwortlich und von daher beliebt. Wären sie beide in Lhasa an der Macht geblieben, sähe das vielleicht anders aus. Dann gingen zu erwartende Missstände, Unruhen und Toten in ihrem Land auf ihr Konto. Wie der Dalai Lama in Tibet eventuell regiert hätte, könnte sich daran zeigen, wie er die Anbetung der Dorje Shugden Gottheit verboten hat und damit die Exilgemeinde spaltet. Wer weiß, ob Tibet nicht wieder in Anarchie und in Klosterkriegen im Namen Buddhas versunken wäre, wie in all den Jahrhunderten zuvor? Das hätte unschöne Bilder auf CNN erzeugt. Entsprechend würde der Westen den Gottkönig wohl nicht hofieren und einen Friedensnobelpreis hätte es erst recht nie gegeben. Eher Verurteilungen durch den UN Sicherheitsrat.

Die eigentliche Tibetfrage ist, warum der Westen Traum mit Realität verwechselt

Die eigentliche Tibetfrage müsste lauten, warum der Westen sich vom Dalai Lama mit Scheinidyllen und Illusionen täuschen lässt und nicht die tatsächlich existierenden Macht und
Besitzverhältnisse sehen möchte. Beim sagenumwobene Schambala weiß man, dass es nur im Mythos und bei dem im ersten Beitrag erwähnten Uncharted 2 existiert, nicht aber in der Wirklichkeit. Bei Tibet halten alle am Traum fest. Dabei ist die Realität heute gar nicht so schlecht. Es gibt in Lhasa eine Brauerei für deutsches Bier. Es blühen Wirtschaft und Kultur. Die Religion darf ausgeübt werden. Ehemalige Sklaven sind befreit. Manch einer wurde Millionär. Die Exilgemeinde in Dharamsala schaut Fernsehen aus Lhasa. Manchen Tibetern geht es in China besser als in Indien.

Man sollte bei der Betrachtung von Tibets ehemaliger Regierung nicht auf die Verwirklichung buddhistischer Maxime hoffen wie das Verbot zu töten. Sie haben sich noch nie daran gehalten. Einfaches Beispiel: Der Dalai Lama ist kein Vegetarier. Wasser predigen und Wein trinken gilt auch hier. Unabhängig davon wäre allein schon die im tibetischen Buddhismus übliche Aufnahme von Kindern in den Mönchsorden bei uns ein Vergehen. Auch wenn es selbst die Filmemacher von Living Buddha nicht gestört hat.

Es scheint keiner auf die Idee zu kommen, dass Tibet höchstwahrscheinlich nie eine Demokratie geworden wäre. Eher ein zweites Nord Korea. Technisch gesehen war der Lamaismus ein
totalitäres System. Niemand hat die Dalai Lamas je gewählt. Sie kamen einzig und allein durch das Schwert an die Macht. Es ist von daher vorstellbar, dass es viel Unglück im Schneeland gegeben hätte, wenn die alte Garde am Ruder geblieben wäre. Die Mitglieder der Nazi Expedition sahen, was damals im Gefängnis des Potala Palasts mit Gegnern des Regimes oder ungehorsamen Sklaven geschah. Hände wurden abgehackt, Augen ausgestochen und Menschen vom Dach des
Palasts geworfen. Das erinnert an die arabischen Länder mit Sharia oder an die Horrornachrichten vom Islamischen Staat, nicht aber an ein Paradies auf Erden. Diesen Albtraum haben chinesische Soldaten beendet.

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Tibetischer Sklave nach Verstümmelung (Quelle: National Geographic YouTube, www.tibet.cn)

Darüber denkt kaum einer nach. Glück für den Dalai Lama. Irgendwie ist er Tabu, und muß nie kritische Fragen von Journalisten beantworten. Er wird von einem Schweigegebot umhüllt. Seine Geschichte kennt auch kaum jemand. Zu seiner Zeit war eben niemand in Lhasa, der die Wirklichkeit mit Facebook oder YouTube in der Welt verbreitet hätte. Und wer spielt heute schon Uncharted 2 und tippt danach mal kurz "Ahnenerbe, Tibet" bei Google ein und bringt eine Lawine ins Rutschen.

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