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Spielzeugfreier Kindergarten: Die Kinder langweilen sich und die Erzieher spielen Blackjack

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BORED KINDERGARTEN
Cute cheerful children playing with toys. The focus is on the blonde boy. | BraunS via Getty Images
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Im vorderen Bereich hat eine Meute Kinder gerade ein Puppenlazarett eingerichtet, im hinteren wird noch darüber gegrübelt, welche Schiene wie gelegt werden muss, um über das Kissen zu kommen. Ja, Spielzeug gehört zu Kindergarten und Kita wie Streusel auf dem Schoko-Eis.

Es gibt jedoch Kitas, die die ihnen anvertrauten Kinder gänzlich ohne Spielzeug betreuen. Meine skeptische Annäherung an das Konzept „spielzeugfreier Kindergarten" - und warum Suchtprävention nichts in der Kita verloren haben sollte.

Spielzeugfrei als Lebenskompetenz

Im Rahmen eines Projekts zur Suchtprävention Anfang der 1990er Jahre geriet irgendwo südlich von Berlin just jenes Spielzeug ins Visier der Präventionsforschung. Macht Spielzeug unsere Kinder zu zukünftigen Drogenabhängigen? Teilweise schon, so die Antwort. Sofern damit Frust oder unbefriedigte Bedürfnisse verdrängt würden. Ansonsten sei Spielzeug aber wirklich wichtig für die Kindesentwicklung, heißt es weiter. Ja, so klingt das, wenn Forschung über Kindheit spricht. Alles ist gut, alles ist schlecht und irgendwo zuckt gerade ein elterlicher Nasenflügel.

In einem spielzeugfreiem Kindergarten, in dem also die vorgefertigten Angebote stark reduziert sind, sollen Kinder sich selbst und ihre Talente besser kennenlernen, sich ausprobieren, Bedürfnisse erkennen und miteinander neue Spielideen entwickeln.

Kurzum: sie sollen Lebenskompetenz erwerben. Dass ich bei diesem Wort unwillkürlich an mein eigenes Scheitern denke, zum Beispiel im ersten Studium, nun ja. Vielleicht hatte ich als Sohn einer alleinerziehenden Teenager-Mom einfach auch viel zu viel Spielzeug in meinem nicht vorhandenen Kinderzimmer und konnte mich als Dreijähriger deswegen auch nicht derart selbst entfalten, wie es für das Studium nötig gewesen wäre, wer weiß.

Erziehung ohne Erzieher

Ein spielzeugfreier Kindergarten agiert jedenfalls gänzlich ohne das Eingreifen der ErzieherInnen. Die Erwachsenen ziehen sich aus der proaktiven und regulierenden Rolle zurück - und schauen nur noch zu. Toll. Die eierlegende Wollmilchsau der Kindesbetreuung.

Die Kinder beschäftigen sich selbst und die Erzieher spielen Blackjack um den letzten Flachmann in der Teeküche. Und nachmittags gehen dann alle leicht beschickert, aber immerhin fröhlich und bestärkt nach Hause.

Übrigens: Dass sich manche Kinder eventuell ohne Spielzeug langweilen könnten, vor allem die Jüngeren, das ist durchaus Teil des Konzepts. Sie sollen lernen, sich selbst aus der Langeweile zu holen - oder wenigstens der Gruppenkommunikation beizutreten. Doch was, wenn ein Kind aber nun gar nicht mit der Gruppe kommunizieren möchte, sondern, sagen wir mal: lieber etwas alleine spielen möchte? Ist dann der Weg zu Koks und Alkohol bereits vorprogrammiert? Noch eine Runde „Futschis" für alle Eltern, ick zahle!

Und wieso werden Bücher ebenfalls aus der Kita entfernt, obwohl sie nicht Spielzeug, sondern eindeutig Medium sind? Und wehe, mir kommt jetzt jemand mit dem Einwand, dass Bücher, besonders Bilderbücher die kindliche Fantasie ja ebenfalls einschränken würden. Bei Redebedarf verweise ich gern mal auf meine alte Winchester!

Kreativität und Konzentration, Langeweilenresistenz, Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, Sozialverhalten und Selbständigkeit? Es fehlt eigentlich nur noch das Jodeldiplom cum laude und schon sind die Kinder für genau das gerüstet, vor dem man sich augenscheinlich so sehr fürchtet: nämlich der vorgefertigten Warenwelt da draußen. Ein spielzeugfreier Kindergarten aus Vatersicht

Kinder können gar nicht anders, als ihre Fantasie zu bespielen.

Sofern sie in einigermaßen stabilen und weitestgehend traumafreien Kontexten aufwachsen dürfen, versteht sich. Diese Fantasie sehe ich an meiner Tochter tagtäglich. Einem Spielzeugauto wird mit genauso viel Offenheit begegnet wie einem Alltagsgegenstand wie, sagen wir mal: einem Käsehobel.

Viel gefährlicher, als „vorgefertigtes" Spielzeug ist ohnehin die seit Jahren schon völlig unkritisch hingenommene „Rosa-Hellblau"-Falle, die Kindern nicht die Fantasie, sondern viel schlimmer: anhand geschlechtlicher Zuordnungen schlichtweg den Freiraum ihrer Selbst nimmt!

Diese diffuse Angst um die Fantasie des Kindes, ich kann sie nicht teilen. Und sie bekommt zudem einen faden Beigeschmack. Im Konzept spielzeugfreier Kindergarten soll es zwar darum gehen, Kinder auf das Leben vorzubereiten (was auch imm das dann sein soll). In Zwei-, Drei-, Vierjährigen allerdings schon potentielle Druffis vom Bahnhof Zoo oder der Kurfürstenstraße zu sehen, das finde ich hingegen eindeutig problematisch.

Spielzeug oder das Entfernen des selbigen für einen Zeitraum von wenigen Monaten wird Kinder nicht dauerhaft zu stärkeren Menschen machen. Es ist und bleibt Aufgabe der Eltern, ihr Kind, um es mal mit Susanne Mierau zu sagen, „geborgen wachsen" zu lassen. Und das hat nichts mit temporär experimentellen spielzeugfreien Räumen zu tun, sondern ganz viel mit elterlicher Achtsamkeit und Zuwendung. Und keine experimentelle Suchtprävention ohne statistische Aufarbeitung wird dem im übrigen widersprechen können.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf johnnyspapablog.de.

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Die Spielzeugindustrie boomt. Ob Elsa-Puppe, Spiderman-Kostüm oder die neueste Spielkonsole: Viele Kinderzimmer quellen über mit Spielsachen. Und die Kinder wollen immer mehr, denn nach kurzer Zeit ist das Spielzeug bereits langweilig und etwas Neues muss her.

Doch wie viel Spielzeug braucht ein Kind eigentlich? Bedeuten zu viele Spielsachen eine ständige Überforderung oder benötigen Kinder tatsächlich viele unterschiedliche Spielsachen für ihre Entwicklung?

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