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Mehr Überwachung für's Kind, mehr Sicherheit für Eltern?

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MOTHER MOBILE PHONE
Xose Casal Photography via Getty Images
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Verurteile Straftäter wie auch als „politische Dissidenten" gebrandmarkte Personen kennen sie, die Fußfessel. Mit einer kleinen GPS-Einheit ausgerüstet, ist mit ihr Überwachung und Arrest sichergestellt. Neben der Fußfessel gibt es übrigens auch die weit weniger bekannte Handfessel - als tolle Smartwatch getarnt. Bei Eltern ist diese Variante des Überwachens und virtuellen Wegsperrens ihrer Kleinen besonders beliebt. Der große Unterschied zwischen Schwerverbrechern und Kindern? Die Verbrecher wissen, dass sie überwacht werden.

Video-Überwachung in der Kita? Das ist ein alter Hut! Live-Streaming aus dem Morgenkreis? Welche gute Kita hat das nicht! So können sich auch die abwesenden Elternteile zumindest für einen Moment so fühlen, als sie mitten dabei, im Alltag der Kleinen. Kameras sind aber für gewöhnlich sehr weit weg vom Geschehen - doch es geht auch persönlicher.

Seit einigen Jahren kehrt die Uhr als Smartwatch oder sogenanntes Wearable zurück in unseren Gelenke-Alltag. Auch für Kinder gibt es sie wieder. Allerdings hat sich seit den guten, alten Zeiten, als Handys und Computer noch Form und Farbe von besseren Brotkisten hatten, etwas Entscheidendes verändert: Uhren sind nicht mehr bloß Uhren.

Spionagespielzeug für Kinder

Der Markt für Wearables, Babyphones und Elektro-Schnickschnack wächst - und auch auf der diesjährigen IFA gab es wieder neues Spionagespielzeug, das sich speziell an Eltern richtet. Davon wollen seit längerem schon auch deutsche Hersteller profitieren. „Wo ist Lilly" hat vor einer Weile zum Beispiel schon erkannt: GPS-Tracker für Katzen können bei weitem nicht so gut vermarktet werden wie die nicht vorhandene Sicherheit für ein Menschenkind.

Die Smartwatches für Kinder bis zu 12 Jahren. Egal wie sie heißen. Ob „Jumpy plus" oder „Carl Kids". In Wirklichkeit handelt es sich bei den unscheinbar smarten Geräten nicht bloß um eine Uhr, sondern um einen GPS-Tracker, mit dem man dessen Träger sogar ganz unbemerkt belauschen kann. Belauschen! Aber warum kaufen Eltern so etwas?

Ist es nicht erstaunlich? Eltern misstrauen der Datensammlung von Google und Facebook, sind schockiert über das Ausmaß des NSA-Skandals und drohen mit Mistgabel und Fackel, sobald eine wohlgemerkt staatliche Behörde ihre Daten erheben will. Doch die Parallelen, wenn die eigenen Kids per Kleidung mit GPS oder getarnten Funkuhren überwacht werden, die sehen sie lieber nicht.

Zugegeben, dieser Vergleich hinkt natürlich an allen Ecken und Enden. Eltern wollen Sicherheit. Das ist völlig legitim. Leider ist Sicherheit aber ein sehr diffuses, bis hinterhältiges Konstrukt. Wer Gefahr sucht, wird Gefahr auch finden, so will es der menschliche Verstand. Und das, obwohl Kinder heute gemäß Statistik weit weniger in Kriminalfälle verwickelt sind als vielleicht noch vor 20 Jahren. Viel stärker hat sich die entsprechende Berichterstattung verändert. Und auch, wie wir diese Berichterstattung konsumieren.

Kinder können mit Uhren unauffällig überwacht werden

Während man also Kleinkinder noch einigermaßen gut in Griff und Blick hat, können Schulkinder in ihrem Freiheitsdrängen wirklich kompliziert werden. Mit als Uhren getarntem Lauschangriff kann man die jüngeren Kinder unauffällig überwachen, während das Smartphone der größeren Kinder ja ohnehin alles protokolliert.

Ob Überwachung also die nötige Sicherheit bringt? Die Frage beantwortet sich von selbst. In keinem Fall hat eine verstärkte Überwachung zum Rückgang unerwünschter Handlungen geführt. Fragen Sie einfach mal beim Bürgermeister von London nach. Oder von Paris. Oder beim Busfahrer ihres Vertrauens.

Viel wichtiger ist Frage: Schafft es Vertrauen, wenn das Kind herausfindet, dass es permanent von den Eltern ausgespäht wird? Was macht das mit einem Kind, wenn es immer weniger Freiräume zum Ausprobieren hat? Vertrauen in sich selbst zu fassen scheint so jedenfalls kaum leichter zu werden.

So weit, so bekannt. So weit, so unverständlich. Je länger ich es mit Eltern zu tun habe, desto wunderlicher erscheint mir diese besondere Spezies Mensch manchmal zu sein. Besonders dann, wenn es um Ernährung, Technik oder Sicherheit geht.

Ich werde meinem Kind kein Pullover mit GPS-Kontrollgerät anziehen. Und sollte sie irgendwann nach einer Uhr verlangen, so wird es eine Uhr sein, die ihren Namen auch zurecht verdient hat. Zwar liegen die Herausforderungen heutiger Zeit woanders, aber: Als Sohn bin ich mit vielen Freiheiten groß geworden. Das hat mich geprägt. Als Vater sehe ich keinen vernünftigen Grund, warum ich meiner Tochter das nicht auch zugestehen sollte!

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Johnnys Papablog.

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