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Warum es nicht reicht, wenn Paare perfekt zueinander passen

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COUPLE FIGHTING
Hemera Technologies via Getty Images
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Wenn Menschen sagen, sie wünschen sich einen Partner, der zu ihnen passt, sprechen sie fast immer von dem, was die Paarforschung eine funktionierende "kollusive Allianz" (von lat. colludere zusammenspielen, unter einer Decke stecken) nennt.

Bei einer kollusiven Allianz passen die Vorlieben und Erwartungen der Partner so zusammen, dass sie sich relativ mühelos ergänzen und zueinander passen wie der Schlüssel ins Schloss. Die Menschen ergänzen sich hinsichtlich bestimmter eigener Bedürfnisse und gehen damit einen meist unbewussten »Tauschhandel« ein.

Für jeden Topf, der passende Deckel

Je mehr Ebenen des Tauschhandels existieren, umso perfekter erscheint den Beteiligten die Passung. Beispiele für kollusive Passungen sind: Eine Frau, die leidenschaftlich gerne kocht, sucht sich einen Partner, der leidenschaftlich gerne isst. Durch ihre Kochkünste erhöht sie einerseits das körperliche Wohlbefinden des Partners, andererseits erhält sie Anerkennung für das, was sie auf den Tisch zaubert.

Ein praktisch veranlagter Mann wählt eine Frau, die in handwerklichen Belangen eher unbeholfen ist. Während sie dankbar dafür ist, dass ihr jemand den Reifendruck prüft und die Glühbirnen wechselt, fühlt er sich gebraucht und erhält von ihr regelmäßig die Anerkennung , "es gut gemacht" zu haben.

Eine Frau, die gerne Mutter werden möchte, wählt einen Mann, der gerne Vater werden möchte und über ein ausreichendes Einkommen verfügt, um als Versorger in Betracht zu kommen.

Während sie sich zu Hause um die Erziehung der kleinen Kinder kümmert, sorgt er für das Familieneinkommen. Ihre Bereitschaft, sich intensiv um die (seine) Kinder zu kümmern und auf Karriere zu verzichten, wird von seiner Seite mit finanzieller Sicherheit ausgeglichen.

Ein Mann mit instabilem Selbstwert, der sich aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hat und ein gutes Einkommen erzielt, heiratet eine Frau, die selbst wenig Geld besitzt, aber aus einer adeligen Familie stammt, die Status und Ansehen genießt. Durch den höheren Status der Familie der Ehefrau stützt der Mann seinen Selbstwert, während die Frau im Austausch die finanziellen Mittel erhält, ein dem Status ihrer Familie angemessenes Leben zu führen.

Kollusive Passungen sind grundsätzlich kein Problem

Aus diesen wenigen Beispielen aus Abertausenden von Möglichkeiten wird ersichtlich, dass kollusive Passungen nicht grundsätzlich ein Problem sind. Sie treten in nahezu allen Partnerschaften in der einen oder anderen Form auf.

Wenn man eine Partnerschaft als "Geben und Nehmen" betrachtet, dann werden sich in westlichen Gesellschaften sozialisierte Menschen automatisch mithilfe kollusiver Passungen arrangieren. Und es werden Partnerschaften geführt, die auf diesen Passung en aufbauen.

Auf diese Weise ergänzen sich die Partner gegenseitig, führen eine oft sinnvolle Funktionsteilung durch und integrieren ihre individuellen Stärken und Schwächen zu einem neuen, übergeordneten Ganzen. Das wird von den Partnern in der Regel als Bereicherung
verstanden.

Je größer die Schnittmenge, desto "richtiger" der Partner

Je größer die Anzahl dieser Passungen bzw. je gewichtiger ein individuelles Bedürfnis, das durch den Partner befriedigt wird, umso mehr haben die Beteiligten das Gefühl, den "richtigen" Partner zu haben. Kommen dann noch weitere attraktive Merkmale (angenehmer Charakter, schöner Körper etc.) hinzu und fehlen abstoßende Merkmale (unangenehme Angewohnheiten, Unsauberkeit, schiefe Zähne etc.), hat man das Gefühl, dass der Partner zu einem "passt".

Der unbestrittene Charme der kollusiven Allianz ist, dass beide Partner mit den Mitteln, über die sie ohnehin verfügen (also z. B. Kochkünste, finanzielle Mittel, sexuelle Fertigkeiten, sozialer Status, Freude an handwerklicher Tätigkeit, ein attraktives Äußeres), exakt das Bedürfnis des Partners befriedigen.

Das individuelle Talent ist der Schlüssel zum Bedürfnis des Partners. Mit vergleichsweise wenig Aufwand (und vielleicht sogar Freude) kann man seinem Partner ein Wohlgefühl vermitteln, das so gut zu seinen Wünschen passt, dass er nicht nur glücklich ist und damit bestätigen kann, dass man "gut genug" ist, sondern im Austausch auch gerne etwas von sich gibt.

Die dunkle Seite der Allianz

Allerdings hat die Grundannahme der kollusiven Allianz, es sei Aufgabe der Partnerschaft, den beiden Partnern wechselseitig ein Höchstmaß an Wohlgefühl zu vermitteln, auch negative Auswirkungen, die zwar von den meisten Menschen in ihrer Beziehung im Laufe der Zeit beobachtet, aber nicht unmittelbar mit den Grundpfeilern der Partnerschaft in Verbindung gebracht werden.

Das erste Problem ist das inhärente Machtgefälle in einer kollusiven Passung . "Macht" ist in diesem Zusammenhang als Kompetenz zu verstehen. Der eine vertritt in der Partnerschaft eine bestimmte Kompetenz, während der andere sein Leben lang diesbezüglich weniger kompetent bleibt.

"Der Inkompetentere ist vom Partner abhängig"

Auch wenn dieses Kompetenzgefälle anfänglich nicht als störend wahrgenommen wird und im Rahmen einer Aufgabenteilung als Bereicherung empfunden werden kann, da beide von der kollusiven Passung profitieren, hat diese Konstellation Konsequenzen.

Erste Konsequenz: Der Inkompetentere ist vom Partner abhängig. Mit einer Abhängigkeitssituation konstruktiv umzugehen, erfordert jedoch zwei Menschen, die einen stabilen Selbstwert aufweisen.

Da viele Menschen keinen stabilen Selbstwert entwickelt haben, besteht in einer Abhängigkeitssituation zwangsläufig eine implizite Hierarchie, die früher oder später zum Konflikt führt.

Während der Kompetente sich seinem Partner überlegen fühlt ("Ich zaubere mühelos das beste Festmahl, und er kann sich nicht einmal ein Spiegelei braten!"), gerät der Inkompetente in die Rolle des offensichtlich unterlegenen Abhängigen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit unternimmt er etwas, was seinen Selbstwert stabilisiert. Aber der Partnerschaft Schaden zufügt.

Zweite Konsequenz: Die Kompetenz kann jederzeit als Druckmittel eingesetzt werden, um den Inkompetenten gefügig zu machen. Die Köchin kann damit drohen, das Kochen einzustellen. Der Wohlhabende kann damit drohen, die Kreditkarte sperren zu lassen.

Die eigentlich sexuell interessierte Frau steuert ihren Partner über das Maß an sexueller Zuwendung, um ihn gefügig zu machen. Daraus kann ein Kreislauf von gegenseitiger Abwertung und emotionalem Rückzug entstehen.

Vorsicht vor falscher Harmonie

Ein weiteres Problem kollusiver Passungen ist die implizite Annahme, man müsse sich selbst und dem Partner ein Wohlgefühl vermitteln und dürfe ihn nicht beunruhigen bzw. nicht durch den Partner beunruhigt werden.

Diese Annahme kann zu einer ganzen Reihe von Problemen innerhalb der Beziehung führen, wie z. B. dass der Zuwendungsempfänger Unbehagen empfindet, wenn die Zuwendung einmal ausbleibt, oder es der Zuwendungsgeber als seine "Pflicht" betrachtet, die Zuwendung jederzeit zu gewähren.

Die Zuwendung wird damit von einer ursprünglich freiwilligen Leistung durch konsistentes Verhalten zu einer Verpflichtung, die auch dann erbracht werden "muss", wenn der Zuwendungsgeber die Zuwendung eigentlich nicht mehr leisten kann oder leisten will.

Im Extremfall kann das zur Selbstaufgabe des Zuwendungsgebers führen, wenn er seine eigenen Grenzen übermäßig strapaziert.

Eine ausgeprägte Anspruchshaltung des Zuwendungsempfängers gegenüber dem Zuwendungsgeber kann die Situation zusätzlich verschärfen, insbesondere wenn die eigene Kompetenz des Zuwendungsempfängers nie entwickelt wurde.

Die implizite Grundannahme der kollusiven Allianz, dass man sich gegenseitig möglichst nicht beunruhigen möge, kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, die langfristig eine Partnerschaft aushöhlen und das Nähe empfinden zwischen beiden Partnern empfindlich stören können:

  • Die Partner erzählen sich nicht offen ihre Gedanken, um den anderen nicht zu beunruhigen.
  • Die eigenen Gedanken sind so, dass man glaubt, sie dem Partner nicht zumuten zu können.
  • Die Partner fragen aus Angst vor der Antwort nicht genau nach. ("Das will ich gar nicht so genau wissen!")

Die Partner scheuen es, sich gegenseitig mit offensichtlichen Problemen zu konfrontieren, und schweigen sie lieber tot. Zuweilen wird hieraus sogar eine weitere kollusive Passung. "Ich sage dir nicht, wie fett du geworden bist, dafür konfrontierst du mich nicht mit meinen sexuellen Unzulänglichkeiten."

Die Motivationen innerhalb der Partnerschaft ("Warum tut der andere, was er tut?") werden nicht hinterfragt. So lange die individuellen Aufgaben problemlos erledigt werden, erscheint oberflächlich betrachtet alles unkompliziert und partnerschaftlich.

Nicht Hinterfragen führt zur Selbsttäuschung

Dass jedoch die engagierte Köchin eventuell nur deshalb kocht, weil sie dafür im Austausch Anerkennung und Aufmerksamkeit erhält, möchte man lieber nicht genau hinterfragen. Wenn man seine eigenen und die Motivationen des Partners jedoch nicht hinterfragt, dann ist es für beide leicht, einer Selbsttäuschung zu erliegen, die irgendwann buchstäblich enttäuscht wird.

Die eigene Unfähigkeit, das eigene Unbehagen zu besänftigen, wird als Waffe eingesetzt. ("Tu dies oder das nicht, sonst bekomme ich wieder meine Migräne!") Die Partner stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück und hören auf, sie zu äußern.

Eine Frau, die von ihrem Partner beispielsweise schon mehrmals beim Versuch, ihn zu küssen, zurückgewiesen wurde, stellt ihre Bemühungen um das Küssen ganz ein

Und das, obwohl es ihr selbst möglicherweise sehr viel bedeutet. Das dritte Problem innerhalb einer kollusiven Allianz sind die Lebensbereiche, in denen keine kollusive Passung gegeben ist. Solange beide kein Interesse an dem jeweiligen Lebensbereich haben, gibt es kein Konfliktpotenzial.

Allerdings treten häufig Probleme auf, wenn die Partner hinsichtlich eines Lebensbereiches unterschiedliche Vorstellungen (z. B. Kindererziehung) haben. Wenn sich beide in diesem Lebensbereich engagieren wollen, kommt es über die unterschiedlichen Vorstellungen zu Auseinandersetzungen.

Ohne kollusive Passung, kommen Vorteile nicht automatisch

Grund hierfür ist: Ohne kollusive Passung ist kein automatischer Austausch von
wechselseitigen Vorteilen gegeben.

Hat ein Partner Interesse an einem Lebensbereich, für den sich der andere nicht interessiert, und sind beide an das Funktionieren kollusiver Passungen gewöhnt, kann das Fehlen einer solchen Passung als "Makel" der Partnerschaft erscheinen (oftmals bemängelt der am Lebensbereich Interessierte das fehlende Interesse seines Partners oder blickt aus diesem Grunde auf ihn herab oder versucht, ihn zu »bekehren«).

Beispielsweise kann ein Partner großes Interesse an Sport oder gesunder Ernährung haben, der andere nicht. Während der Sportler Stunden im Fitnessstudio oder auf dem Fahrrad verbringt, versteht der andere die sportliche Begeisterung nicht.

Es droht die moralische Niederlage

Wenn beide mit dieser unterschiedlichen Verteilung der Interessen nicht um gehen können, kann es geschehen, dass der "Sportler" auf den "faulen" Nicht-Sportler herabblickt und versucht, ihn zum Sport zu bekehren - was dieser häufig als unerträglichen Eingriff in seine Autonomie wahrnimmt.

Umgekehrt kann der Nicht-Sportler aufgrund der übermäßigen Begeisterung seines Partners unsicher werden (bzw. ein schlechtes Gewissen bekommen), ob nicht etwas mehr sportliche Aktivität angemessen wäre. Er fühlt sich dann in einer moralisch unterlegenen Position mit den in Kapitel 2 erläuterten Konsequenzen.

Gerät die Passung ins Wanken, geht die Nähe verloren

Das vierte Problem in einer kollusiven Allianz ist die Verknüpfung von Liebe und Nähe mit dem Grad der kollusiven Passung. Solange die individuellen Beiträge geleistet werden (können) und die kollusive Allianz funktioniert, erleben beide Partner Nähe und bezeichnen das, was sie erleben, als funktionierende oder liebevolle Partnerschaft.

Sobald die kollusiven Passungen ins Wanken geraten, geht die Nähe verloren und nehmen die Partner einen Verlust an Liebe wahr, da "Liebe" nicht selten mit dem Aneinanderhängen (bzw. Aufeinander-Angewiesensein zur Erhaltung von Wohlbefinden) innerhalb einer kollusiven Passung verwechselt wird.

"Ich liebe Dich, weil ich Dich brauche."


Da die wichtigste Eigenschaft einer kollusiven Allianz ist, dass die Beteiligten mithilfe der ihnen eigenen Eigenschaften bzw. Talente (z. B. Kochkunst, Wohlstand, Status) positiv erlebte Gefühle austauschen, wie z. B. körperliche Zuwendung, finanzielle Sicherheit, partnerschaftliche Sicherheit ("Treue"), Selbstwertstabilisierung, Versorgung, und der jeweilige Zuwendungsempfänger von diesen positiven Gefühlen profitiert, fühlt sich eine funktionierende kollusive Allianz behaglich an.

Doch das gilt nur, solange beide Partner ausreichende Eigenschaften mitbringen, um dem jeweils anderen genau die Gefühle zu vermitteln, die sich dieser gerade wünscht. Leider hat diese Behaglichkeit ein Verfallsdatum.

Das Verfallsdatum ist der Tag, an dem der Empfänger plötzlich andere Bedürfnisse entwickelt (bzw. die früheren Bedürfnisse gestillt sind) oder der Gebende die Bedürfnisse des Empfängers nicht mehr erfüllen kann oder erfüllen will.

Der Beitrag basiert auf dem Buch Die Psychologie der Intimität: Was Liebe und Sexualität miteinander zu tun haben von Tobias Ruland

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Die Website des Autoren: ttp://www.liebe.institute/index.php

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