BLOG

Dieses Opfer der Erdogan-Justiz steht für einen weltweiten Trend

15/11/2017 19:37 CET | Aktualisiert 15/11/2017 21:03 CET
pen

  • Am heutigen 15. November ist der Tag des inhaftierten Schriftstellers

  • Der Autorenverband PEN warnt: "Die Türkei ist das größte Gefängnis für Autoren weltweit"

  • Auch in immer mehr anderen Ländern sitzen PEN zufolge eine wachsende Zahl an Schriftstellern, Journalisten, Verlegern und Blogger zu Unrecht hinter Gittern

Es war ein beklemmendes Bild, das der zehnjährige Elif Akboğasim von seiner türkischen Heimatstadt Nusaybin in nur wenigen Sätzen zeichnete: "Wir hören Schüsse. Wenn die Schüsse lauter werden, rennen wir nach Hause. Wenn die Panzer verschwinden, gehen wir auf die Straße demonstrieren."

Die Journalistin und Künstlerin Zehra Doğan, die auch Mitarbeiterin der kurdischen Nachrichtenagentur Jinha ist, griff die Worte des Jungen in einem Artikel im Dezember 2015 auf.

Vor allem jedoch hielt sie in einem Gemälde die massiven Zerstörungen in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Nusaybin durch das türkische Militär fest. Grundlage des Bildes war ein trotz mehrmonatiger Ausgangssperre entstandenes Original-Foto.

Aufgrund ihrer mutigen Kunst und ihrer deutlichen Worte wurde die junge Frau im Juni dieses Jahres von der türkischen Polizei festgenommen. Ein türkisches Gericht hatte sie bereits im März 2017 zu zwei Jahren, neun Monaten und 22 Tagen Gefängnis verurteilt.

Doğan habe, heißt es beim Autorenverband PEN, mit ihrer Darstellung zerstörter Gebäude, an denen türkische Nationalflaggen hängen, auf die Urheber der Verwüstung hingewiesen: die türkische Armee. Dies sei ihr zum Verhängnis geworden.

Doğan ist nicht vergessen

"Eine Künstlerin wird verhaftet, weil sie staatliche Gewalt malt", kritisierte auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Doch angesichts hunderter Journalisten, Autoren, Künstler und Regierungskritiker, die in der Türkei hinter Gittern sitzen, darunter auch mehrere Deutsche, hielt sich das mediale Interesse für das Schicksal Doğans in Grenzen.

Doch immerhin setzen sich zahlreiche Schriftseller für die Freilassung ihrer kurdischen Kollegin ein: Bereits im August hatte PEN Deutschland bestürzt auf die "Inhaftierung" Doğans reagiert.

Und auch anlässlich des Tags des inhaftierten Schriftstellers (Writers in Prison Day) am 15. November will der Schriftstellerverband auf das Schicksal der türkischen Künstlerin und Publizistin aufmerksam machen. Sie ist eine der fünf Betroffenen, auf deren staatliche Verfolgung man in diesem Jahr ganz besonders hinweisen wolle, teilt PEN mit.

"Türkei ist das größte Gefängnis für Autoren weltweit"

Längst wird an dem 1980 ins Leben gerufenen Gedenktag nicht mehr nur verfolgter Buchautoren gedacht.

Man wolle "auf das Schicksal von zu Unrecht inhaftierten und verfolgten Schriftstellern, Journalisten, Verlegern und Bloggern auf der ganzen Welt hinweisen und an diejenigen erinnern, die getötet wurden, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen haben", heißt es bei PEN Deutschland.

Bereits vor 1980 hatte sich PEN in vielen Ländern innerhalb sogenannter Writers-in-Prison-Committees (WiPC) für die Freilassung eingesperrter Publizisten und Nachrichtenschreiber eingesetzt. Den Gedenktag hat der Verband ins Leben gerufen, um die Öffentlichkeit bewusst auf das Schicksal einzelner Betroffener aufmerksam zu machen.

"Wenn Diktatoren erst einmal merken, dass jemand zuschaut, wie sie ihre Journalisten und Autoren behandeln, dann verändern sie mitunter ihr Verhalten", sagt Sascha Feuchert, Vizepräsident von PEN Deutschland.

Für ihn ist klar: "Die Bedrohung der Meinungsfreiheit ist mittlerweile ein globales Problem geworden." Die Situation werde "eigentlich von Jahr zu Jahr schlimmer". Die Türkei sei "mittlerweile das größte Gefängnis für Autoren weltweit". Und auch andernorts - etwa in China, Russland oder Mexiko - habe sich zuletzt die Zahl der inhaftierten Autoren erhöht.

Auch Schwerstkriminelle bedrohen Autoren

"Nicht immer sind es die Regierungen, die die Autoren verfolgen, in Lateinamerika etwa ist es das organisierte Verbrechen", erläutert Feuchert. Anders als 2016 wird es diesmal beim Writers-in-Prison-Tag auch keinen Länderschwerpunkt geben - damals hatte PEN aufgrund der Verhaftungswelle in der Türkei den Fokus auf das Land am Bosporus gelegt.

Pen hat derzeit rund 900 Fälle von Autoren registriert, die inhaftiert, verfolgt oder im letzten Jahr sogar ermordet wurden. "Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein", ist Feuchert überzeugt.

Im Jahr 2017 sollen neben Doğans Schicksal auch die von Ramón Esono Ebalé (Äquatorialguinea), Cesario Alejandro Félix Padilla Figueroa (Honduras), Nguyen Ngoc Nhu Quynh (Vietnam) und Razan Zaitouneh (Syrien) besonders ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden.

"Haftgründe werden oft einfach erfunden"

Die Gründe, warum Schriftsteller, Journalisten oder Blogger weltweit in Haft sitzen, sind Feuchert zufolge sehr unterschiedlich: "Manchmal werden die Autoren direkt wegen Majestätsbeleidigung oder ähnlichem angeklagt, oft werden aber auch andere Tatbestände erfunden."

So offenbar auch im Fall von Ramón Esono Ebalé, alias Jamón y Queso. Der Südamerikaner ist ein vielfach ausgezeichneter Karikaturist. Er schreibt und publiziert nicht nur auf seinem Internetblog, sondern hat mit "La pesadilla de Obi" (dt.: "Obis Albtraum") zudem einen grafischen Roman, auch "Graphic Novel" genannt, veröffentlicht.

Ebalé machte sich in Südamerika durch seine Kritik an Äquatorialguineas Präsident Teodoro Obiang einen Namen. Der Staatschef regiert sein Land bereits seit 1979 diktatorisch. Mittels seiner Karikaturen macht Ebalé auf Menschrechtrechtsverletzungen durch den Staat aufmerksam.

Am 16. September 2017 wurde er nach Angaben von PEN in der Hauptstadt Malabo festgenommen. Er sei zunächst nach seinen Karikaturen befragt worden, die viele Mitglieder der korrupten Obiang-Regierung thematisieren. Einige Tage später berichteten Medien, dass gegen ihn unter anderem wegen angeblicher Geldwäsche ermittelt werde.

Derzeit sitzt er im Black Beach Gefängnis in Malabo. Er wurde bisher noch nicht angeklagt. "Der PEN ist zutiefst besorgt über Esono Ebalés Festnahme aufgrund seines politischen Engagements und seiner Arbeit, was sein Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt", teilt der deutsche Ableger des Schriftstellerverbands mit.

Fokus Lateinamerika

"Doch nicht nur am Writers-in-Prison-Tag lenkt der PEN im Moment die Aufmerksamkeit stark in Richtung Lateinamerika", sagt Feuchert. Alleine in Mexiko seien seit dem Jahr 2000 mindestens 80 Journalisten und Autoren getötet worden. "Mexiko ist das gefährlichste Land für Journalisten weltweit", so der PEN-Vize.

Ebenfalls gedacht wird in diesem Jahr an Cesario Alejandro Padilla Figueroa. Der in Honduras lebende Journalist und Menschenrechtsaktivist wurde im Juni zusammen mit zwei anderen Studenten von einem Gericht schuldig gesprochen. Er saß bereits während des Verfahrens zwischenzeitlich in Haft.

Ein Grund: Er hatte für einen besseren Zugang zur staatlichen Bildung der Bevölkerung demonstriert. Auch hatte er mit Kollegen bereits 2015 einen Verteidigungsausschuss für Menschenrechte an seiner Uni geschaffen, um Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der Studentenproteste zu dokumentieren.

Seit 2014 wurde Padilla mehrfach bedroht und überwacht. Unter anderem berichtete er nach Angaben von PEN, dass er im August 2015 von zwei unbekannten bewaffneten Männern in seiner Nachbarschaft beschattet worden sei.

Weltweit nehme die Verfolgung zu

Doch die Sorge des Schriftstellerverbands gilt Feuchert zufolge auch vielen Autoren in Afrika und Asien. Weltweit nehme die Verfolgung zu, so der deutsche PEN-Vize.

Der Verband will jedoch nicht nur Öffentlichkeit erzeugen: Man nehme beispielsweise Kontakt mit den Botschaftern der jeweiligen Länder auf und protestiere gegen die Inhaftierungen. Auch unterstütze man die Familien der Betroffenen.

"Oft sind es nur kleine Hilfen, die gelingen, etwa wenn Familien unterstützt werden. Aber von vielen aus der Haft entlassenen Kollegen wissen wir, dass Briefaktionen oder ähnliches dazu beitragen, dass man sie besser behandelt", sagt Feuchert.

In manchen Fällen, wie etwa dem des Autors Enoh Meyomesse, sei es gelungen, die Freilassung "erheblich zu beschleunigen". Fast vier Jahre lang habe man ihn im Gefängnis in Kamerun betreut. "Jetzt lebt er in Darmstadt in Sicherheit", so Feuchert.

PEN ist einer der bekanntesten internationalen Autorenverbände. Er wurde 1921 gegründet. Dem Verband, der sich für die "Freiheit des Wortes" einsetzt, gehören über 140 Schriftstellerorganisationen aus 101 Nationen an.

Zehra Doğan bezahlte für die Freiheit des Wortes einen hohen Preis.

Mehr zum Thema: Warum Erdogan gerade dutzende Leute ins Gefängnis wirft, die dieses harmlose T-Shirt tragen

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino