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Deutschland 4.0 - Wie die Digitale Transformation gelingt

17/02/2017 12:42 CET | Aktualisiert 18/02/2017 10:28 CET
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Von Tobias Kollmann und Holger Schmidt

Die Wissenschaftler Carl Benedict Frey und Michael Osbourne haben mit Hilfe von Robotik-Experten eine Liste der Jobs aufgestellt, die in den kommenden 20 Jahrzehnten höchstwahrscheinlich von Maschinen erledigt werden können.

Dazu gehören: Disponenten in der Logistik, Kreditanalysten in Banken, Chauffeure, Kassierer, Buchhalter, Makler, Call-Center-Mitarbeiter und Busfahrer. Sogar Bibliothekare, Verkehrspolizisten und Piloten weisen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent auf, bald durch eine Maschine ersetzt zu werden.

Digitalisierung = Arbeitsplatzverlust?

Das bedeutet nicht zwingend den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern die Notwendigkeit, den Job weiterzuentwickeln. Ob die Beschäftigten diesen Wandel aber schaffen, ist die große Frage. „Viele Arbeitnehmer werden das Tempo der Digitalisierung nicht mitgehen können - sie werden zurückbleiben. Das ist ein ernstes Problem und damit müssen wir uns beschäftigen", sagt MIT-Forscher Andrew McAfee.

Tatsächlich haben industrielle Revolutionen in der Vergangenheit stets zu mehr Arbeitsplätzen geführt, auch wenn die Anpassungsphasen nicht immer reibungslos liefen. Bisher galt der Grundsatz, dass eine steigende Arbeitsproduktivität zu Wachstum und damit zu neuen Jobs führen wird.

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Technischer Fortschritt hat die Arbeitslosigkeit also gesenkt, was als Kapitalisierungseffekt bezeichnet wird. Allerdings führen neue Technologien auch zu einer stärkeren Reallokation der Arbeit. Das heißt: Viele Jobs fallen weg und dementsprechend müssen sich viele Arbeitnehmer neue Stellen suchen.

Es kommt also auch zu einer erhöhten Such-Arbeitslosigkeit, was als kreative Zerstörung bezeichnet wird. Die beiden Effekte wirken gegeneinander; der Netto-Effekt entscheidet, ob die Arbeitslosigkeit steigt oder fällt.

Nach Ansicht von Frey/Osborne dominierte in der Vergangenheit stets der Kapitalisierungseffekt, weil der technische Fortschritt wie die Einführung der Dampfmaschine oder die Automatisierung der Fabriken vergleichsweise langsam voranschritt.

Das könnte sich nun aber ändern: Der technologische Wandel findet nicht nur auf einem Gebiet, sondern parallel in fast allen Wirtschaftsbereichen statt. Künstliche Intelligenz, Roboter, selbstfahrende Autos, Drohnen, 3D-Druck, Sensoren oder Big Data sind die Schlagworte für anstehende Umwälzungen in den Fabriken ebenso wie in den Verwaltungen der Unternehmen oder im Transportsektor.

Maschinen dringen jetzt in Bereiche vor, die ihnen bisher verschlossen waren. Und: Der technische Fortschritt verläuft sich linear, sondern er beschleunigt sich, weil sich Fortschritte in mehreren Disziplinen gegenseitig beflügeln.

Digitalisierung = Automatisierung?

Erstmals werden also nicht nur manuelle Tätigkeiten (wie die Lagerarbeiter durch selbstfahrende Logistikroboter) ersetzt, sondern auch kognitive Jobs substituiert werden. Diese Breite der Substitution von Arbeit durch Kapital war bisher in keiner Phase technischen Fortschritts zu beobachten, was die Gefahr eines negativen Nettoeffektes, also steigender Arbeitslosigkeit, erhöht.

Die Gefahr technologischer Arbeitslosigkeit schwankt erheblich mit der formalen Bildung. Menschen, die nur über eine Elementarbildung verfügen, weisen eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von 80 Prozent auf, während nur 18 Prozent der Promovierten um ihre Jobs bangen müssen.

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Ähnlich sieht der Zusammenhang zwischen Einkommen und Automatisierungswahrscheinlichkeit aus: Die Beschäftigten mit den 10 Prozent geringsten Einkommen weisen eine Wahrscheinlichkeit von 61 Prozent auf, während die Gutverdiener am oberen Ende nur 20 Prozent aufweisen.

Entscheidend für die Akzeptanz im technikskeptischen Deutschland ist aber die Reihenfolge der eintretenden Effekte. Da Effizienzsteigerungen als leicht erreichbare Ziele im Moment zuerst angegangen werden, bevor mit der Entwicklung neuer Produkte auch neue Jobs entstehen, ist mit zunehmender Arbeitslosigkeit zumindest in der Übergangsphase zu rechnen.

Wer in der Verwaltung oder seiner Fabrik effizienter wird, also Industrie 4.0 erfolgreich umsetzt, muss am Markt aber nicht erfolgreicher sein. Wem es also nicht gelingt, neue digitale Produkte zu entwickeln und damit Wachstum zu generieren, wird am Ende mit einem negativen Beschäftigungseffekt aus der Digitalisierung herausgehen, der sich zudem beschleunigt, wenn ausbleibende Digitalerlöse den Rationalisierungsdruck erhöhen, wie es in den Verlagen gut zu beobachten ist.

Industrie 4.0 ist als Effizienzprogramm in der ersten Phase nicht auf die Schaffung neuer Jobs ausgerichtet. Erst der zweite Schritt, die Entwicklung neuer digitaler Produkte, bringt das notwendige Wachstum und damit neue Beschäftigung.

Er gibt in diesem Fall aber keinen Grund, den ersten Schritt vor dem zweiten zu gehen. Im Gegenteil: Ohne neue Digitalprodukte nutzt die Effizienzsteigerung wenig. Mit der Entwicklung sollte also lieber heute als morgen begonnen werden.

Digitalisierung = Jobmotor?

Das sehen die fortgeschrittenen Digital-Manager sehr klar: „Nur wenn Digitalisierung zu Wachstum führt, müssen keine Arbeitsplätze abgebaut werden. Wenn wir nicht wachsen, werden wir unser Volumen mit weniger Arbeitsplätzen umsetzen können und auch müssen. Das gilt hochgerechnet für die gesamte Volkswirtschaft: Die Stahlindustrie kann nur wachsen, wenn auch die anderen Industrien wie der Automobilbau wachsen", erklärt der Vorstandschef des Duisburger Stahlhändlers Klöckner, Gisbert Rühl.

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Zwar hat die Digitale Wirtschaft bisher schon 240.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen und gehört damit zu den Jobmotoren. Die Beschäftigung in der Internet-Wirtschaft, die hart auf Effizienz getrimmt ist, um international wettbewerbsfähig zu sein, wächst allerdings mit nur 8 Prozent im Jahr deutlich langsamer als der Umsatz.

Die Zahl der Beschäftigten wird voraussichtlich von aktuell etwa 250.000 auf nur 332.000 in der Branche in vier Jahren steigen. Zudem haben viele dieser Jobs Arbeitsplätze in anderen Sektoren vernichtet.

Neu entstandene Beschäftigungsverhältnisse bei Amazon korrespondieren mit verlorenen gegangenen Arbeitsplätzen in stationären Buchhandlungen oder Warenhäusern. Die Digitalisierung der Fabriken wird im verarbeitenden Gewerbe bis 2025 etwa 60.000 Arbeitsplätze kosten, schätzt das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Diese Effekte auf den Arbeitsmarkt müssen bedacht werden, um rechtzeitig zu reagieren. Aus- und Weiterbildung sowie Arbeitnehmer, die auf diesen Weg mitgenommen werden müssen, gehören zu den zentralen Aufgaben für Politik und Unternehmen. Arbeitnehmer haben im Moment die Chance, mit einer Weiterbildung ihre Chancen am Arbeitsmarkt zu erhöhen.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Deutschland 4.0 - Wie die Digitale Transformation gelingt", von Tobias Kollmann und Holger Schmidt, welches im Springer Verlag erschienen ist. Das Buch zeigt, wie Deutschland als führende Industrienation auch in der Digitalen Wirtschaft ein starker Player werden kann.

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