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Die 3 größten Baustellen der Digitalen Wirtschaft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DIGITALE WIRTSCHAFT
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Ein Gegensatz zwischen "realer" und "virtueller" Welt existiert nicht - so lautet ein Grundsatz der Digitalpolitik der Bundesregierung. Deswegen sind Digitaler Wandel, Digitale Transformation, Digitale Wirtschaft, Digitale Gesellschaft, Digitale Zukunft und viele andere „Digitalthemen" kein Sonderfeld oder gar nur ein vorübergehendes, tagespolitisches Momentum, sondern die elementare Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für diese und die nächsten Generationen.

Die zugehörigen Veränderungen sind dabei leider kein „technischer Knopf", den man so einfach drücken kann, sondern in erster Linie ein „evolutionärer Kopf", der benötigt wird, um digitale Geschäftsprozesse und -modelle wirklich zu verstehen und anzugehen. Es geht dabei nicht um ein wenig mehr IT in den Unternehmen unter dem Deckmantel „Industrie 4.0" und auch nicht um ein Mehr oder Weniger an Bandbreite in der Spitze der digitalen Infrastruktur.

Es geht um das digitale Know-how für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen. Dieses digitale Know-how bildet sich in den Köpfen der handelnden Akteure und da gibt es massiven Nachholbedarf! In diesem Zusammenhang lassen folgende Meldungen die Alarmsirenen für unsere Wirtschaft laut aufheulen:

Alarmsirene Nr. 1

Laut Vodafone Institute Survey will kaum ein junger Deutscher seine Karriere in der Digitalen Wirtschaft machen oder etwa in einem zugehörigen Startup arbeiten. 33% der Deutschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren schließen eine Karriere in der Digitalen Wirtschaft für sich aus. Umgekehrt beantworten nur 13% der Befragten die Frage nach einem möglichen Berufseinstieg im digitalen Sektor mit einem eindeutigen Ja.

70% der 'Digital Natives' in Deutschland
kann sich zudem nicht vorstellen, für ein Startup zu arbeiten oder gar ein Unternehmen der Digitalen Wirtschaft zu gründen (77%). Das bedeutet, wir werden nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig nicht über ausreichend „digitale Köpfe" als Manager für etablierte Unternehmen sowie Gründer für Startups verfügen.

Alarmsirene Nr. 2

Laut der Studie „Digital Business Readiness" von Crisp Research im deutschen Mittelstand gaben über 50% der Befragten an, dass sie noch keine umfassende Digitalstrategie besitzen und Pläne allenfalls auf dem Papier existieren. Gleichwohl gaben fast 75% der Mittelständler an, dass der Digitale Wandel großen Einfluss auf ihre Unternehmensstrategie habe und IT-Expertise als unerlässliche Qualifikation angesehen werde.

Vor diesem Hintergrund gab der Deutschland-Chef von Dimension Data, Sven Heinsen, im Handelsblatt zu Protokoll: „Vielen Unternehmen mangelt es neben den finanziellen oft auch an personellen Ressourcen, um den digitalen Wandel intern voranzutreiben." Und BDI-Chef Ulrich Grillo ergänzte an gleicher Stelle, „dass der deutsche Mittelstand in Schwierigkeiten geraten werde, sollten sich die Firmen der Digitalisierung verweigern." Das bedeutet, wir haben zu wenig Fachkräfte und Manager, die als „digitale Köpfe" die bestehenden KMU-Unternehmen auf den Online-Wettbewerb ein- bzw. umstellen.

Alarmsirene Nr. 3

Die Manager in den Chefetagen der klassischen Industrie unterschätzen immer noch den Einfluss von digitalen Geschäftsprozessen und -modellen auf das reale Kerngeschäft. Google arbeitet schon heute an Produkten für die Automobil-, Medizin- und Energieindustrie. Facebook und andere Startups bereiten weltweite Finanzprodukte vor, die auch für die heimische Versicherungs- und Finanzbranche zum Problem werden könnten. Schon heute kann man über GMAIL von Google sein Geld als Überweisung versenden. Auch das Transportwesen mit Uber, die Lebensmittelbranche mit „Amazon Fresh" und viele andere werden betroffen sein.

Wenn es diesen Schwergewichten aus dem Online-Bereich gelingt, die digitalen Wertschöpfungsprozesse mit den dahinterliegenden realen Produkt- und Plattformentscheidungen zu verbinden, dann werden Nachfrageströme umgeleitet, neue Handelsstrukturen etabliert und die Wahl zu eigenen Endgeräten diktiert.

Umso unverständlicher, wenn z.B. Daimler-Boss Zetsche keine Angst vor dem geplanten iCar von Apple mit einem kommunizierten Produktionsstart ab 2020 hat und als Antwort auf diese Herausforderung nur lapidar argumentiert: "Wir haben das Auto erfunden." Das bedeutet, wir haben zu wenig visionäre Manager und Konzernlenker, die als „digitale Köpfe" unsere Industrie durch die Digitale Transformation führen können.

Aufbau einer Digital Generation

Im Ergebnis bedeutet dies, dass wir uns aufgrund der fehlenden „digitalen Köpfe" auf folgende Probleme für die deutsche Wirtschaft einstellen müssen:

1. Unsere heimische Startup-Szene wird weiterhin viele Digitale Innovationen verpassen und sich an den Vorgaben aus dem Silicon Valley orientieren. Eigene digitale Weltmarktführer werden so nicht entstehen.

2. Unser Mittelstand als oft zitiertes Rückgrat der Wirtschaft wird die notwendige Digitale Transformation weiter unterlassen oder notgedrungen hinausschieben. Das werden viele nicht überleben, Arbeitsplätze werden verloren gehen und damit Substanz in unserem größten Wirtschaftssektor.

3. Unsere klassische Industrie unterschätzt weiter den Digitalen Wettbewerb(er) und bleibt in der vermeintlich noch sicheren realen Komfortzone anstatt eigene elektronische Wertschöpfungsprozesse als digitale Geschäftsmodelle zu integrieren.

2015-03-01-TK_DW_Masterplan.jpg

Abb: Masterplan für die Digitale Wirtschaft 2015

Dass die notwendigen Maßnahmen und Instrumentarien nicht da wären, kann kaum einer bestreiten (siehe Abbildung) und die Maßnahmen im Bereich Kapital oder Kooperation könnten wir ohne Weiteres in den Griff bekommen. Aber es mangelt offenbar vor dem Hintergrund der beschriebenen Alarmsirenen gerade an der Anzahl, dem Willen, dem Mut oder dem zugehörigen Know-how in dem Bereich "Köpfe" auf allen Ebenen.

Ergebnis: Die 3 größten Baustellen für die Digitale Wirtschaft:

1. Fehlende Gründer von neuen digitalen Unternehmen!

2. Fehlende Fachkräfte für notwendige Digitalisierung im Mittelstand!

3. Fehlende Manager mit einer digitalen Strategie in der Industrie!

Die Antwort kann kurzfristig nur in einer Zuführung von „digitalen Köpfen" aus dem Ausland liegen. Mittel- bis langfristig kommen wir nicht darum herum, zumindest die nächste Generation, die nun ins Ausbildungswesen kommt, konsequent auch für die Digitale Wirtschaft auszubilden.

Gleichzeitig müssen wir die derzeit wenigen, handelnden Akteure aus Startups, Mittelstand und Industrie immer wieder unterstützen, motivieren, zusammenführen und aktivieren, damit sie die aktuellen digitalen Herausforderungen gemeinsam annehmen bzw. angehen. Das muss die Zeit überbrücken, bis wir eine eigene „Digital Generation" haben. Deutschland konnte sich immer auf sein Human Kapital verlassen und das muss auch für das digitale Zeitalter gelten!


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