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An die Veganer-Eltern, die das Gehirn ihrer Kinder schrumpfen lassen

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Ich hoffe, Sie haben gestern Abend auch „Hart aber fair" gesehen. Und ich hoffe, Sie haben gemerkt, wie Ihnen der Spiegel vorgehalten wurde - Ihnen mit Ihrer „Tofu-ist-das-neue-Fleisch"-Ideologie.

Die Leseranwältin in der Sendung las vor, was eine Zuschauerin über ihre 14-jährige Tochter berichtet.

Veganismus an Schulen sei so schlimm, dass Kinder mit Wurstsemmeln als Mörder beschimpft würden. Veganer kämen als Gutmenschen daher und werteten andere ab, das gehe in eine Richtung, die nicht mehr gut sei, wird sie zitiert.

Oh Mann. Das geht in der Tat in eine Richtung, die nicht mehr gut ist.

Eigentlich sollte ich jetzt tolerant sein und sagen, gut, die Erziehung Ihrer Kinder, das ist nun wirklich Ihre Privatsache. Da habe ich mich, der selbst noch gar keine Kinder hat, gar nicht einzuschalten.

Aber ich kann nicht. Ich frage mich, ob Sie sich da nicht in etwas verrennen, wenn Sie Ihre Kinder so militant erziehen? Und ob Sie wirklich wissen, dass eine vegane Ernährung für Kinder extrem ungesund sein kann, wenn nicht viele Dinge beachtet werden? Es kann im schlimmsten Fall zu Gehirnschwund führen.

Über so einen Fall berichtet der Münchner Professor und Kinderarzt Berthold Koletzko im Gespräch mit der "Zeit". Ein Kleinkind in der Klinik sei fehlernährt gewesen, sei müde gewesen, habe das Laufen wieder verlernt, sei "deutlich zurückgeblieben", wie er sagt. Das Kind hatte einen Mangel an Eisen und Vitamin B 12.

Das ist das eine große Thema. Und außerdem möchte ich nicht, dass später mal meine Kinder auf dem Schulhof als Mörder beschimpft werden - nur weil sie sich über die Mortadella-Scheibe von der freundlichen Verkäuferin an der Wursttheke freuen. (Sind das nicht mit die besten Kindheitserinnerungen?)

Ich werbe bei Ihnen um ein bisschen Toleranz. Ich bin selbst kein Fleischliebhaber, ich esse es aber hin und wieder. Ich bin wohl das, was man Flexitarier nennt, Fleisch ja, aber in geringen Mengen.

Ich habe Verständnis für die Argumentation der Vegetarier und Veganer, kann die Kritik an den Auswüchsen der Massentierhaltung sehr gut nachvollziehen.

Aber für Sie bin ich trotzdem ein peinlicher Mörder. Und Sie bringen Ihre Kleinsten bereits gegen mich in Stellung.

Ich habe im Netz ein bisschen recherchiert und bin auf das Portal „TofuFamily" gestoßen. Dort sind Bilder zu sehen. Vom kleinen Mio, 17 Monate, etwa. Unter dem Bild steht: seit der Geburt vegan. Lorena daneben ernährt sich schon drei Jahre ohne tierische Produkte. Oder besser gesagt: Sie wird ernährt.

Eltern zeigen stolz ihre Veggie-Kinder -und Babys. Das finde ich befremdlich. Sind nur Veggie-Kinder gute Kinder?

Schon klar: Hey, alles für den guten Zweck. Aber nicht jeder Zweck heiligt die Mittel. Das mal am Rande. Vielleicht schämen sich Ihre Kinder in wenigen Jahren für die Fotos, die Sie auf „TofuFamily" hochgeladen haben?

Es ist leider im Moment so: Einzelne militante Vertreter der Veggie-Szene tun wirklich alles dafür, dass die positiven Grundabsichten einer veganen Lebensweise in den Hintergrund treten.
Manche Hardliner leiden an Realitätsverlust.

Ich nenne Ihnen gerne ein Beispiel. Im vergangenen Jahr habe ich den Gründer der veganen Supermarkt-Kette Veganz interviewt.

Jan Bredack erzählte mir, dass ausgerechnet Veganer ihm die Fenster eingeworfen hätten. „Der Hauptvorwurf ist: Wir machen Veganismus massentauglich. Damit verbinden Kritiker direkt eine Profitgier. Das ist für sie Kapitalismus, und Veganismus ist anti-kapitalistisch", sagte er mir. Das sei „ein kurzsichtiger Ansatz und nicht hilfreich - weder für die Umwelt, noch für das Tierwohl".

Es ist wahrscheinlich auch nicht hilfreich, wenn Sie Ihren Kindern vorschreiben, was die richtige Ernährungsweise ist. Ihre Kinder können doch gar nicht selbst wählen, selbst entscheiden, ob sie diesen Verzicht wirklich wollen. Aber Sie entscheiden einfach, dass das die beste Lebensweise ist.

Ich hoffe, Sie machen sich darüber Gedanken. Genauso hoffe ich, dass Sie mit der gleichen Intensität, mit der Sie das Essen auf meinem Teller kritisieren, die Literatur über gute Kinderernährung verfolgen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät etwa „aus Sicherheitsgründen" von einer veganen Ernährung für Säuglinge und Kinder ab.

Wörtlich heißt es, dass eine "rein pflanzliche Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindesalter nicht geeignet" sei.

„Optimierte Mischkost" sei das Beste für Kinder, sagt Mathilde Kerstin vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung der Wochenzeitung „Die Zeit".

Vor allem die Versorgung mit Vitamin B12 kann zum Problem werden. „Fehlt es, können auf lange Sicht Müdigkeit, Blutarmut und Blässe auftreten, bei Kindern können Gehirn und Nervensystem geschädigt werden", schreibt "Die Zeit" 2013 und verweist auf die Forschung von einer Expertin für Kinderernährung.

Nur wenn Kinder zusätzlich zu Tofu und Co. Mikronährstoffe erhalten, würden sie gesund ernährt, wird in dem Artikel ein Kinderarzt zitiert.

Er warnt: "Der Körper verarbeitet Eisen aus Fleisch anders als Eisen-Tropfen. Das ist nicht dasselbe!"

Zwar gibt es auch andere Wissenschaftler, die vegane Ernährung bei Kindern entspannter betrachten. Und sagen: Vegane Ernährung funktioniere unter Auflagen. Aber noch einmal: Wenn die Kinder nur Körner und Tofu bekommen, ist das ein planloser Umgang und dann nehmen Sie möglicherweise eine Mangelernährung Ihrer Kleinen in Kauf.

Ich bitte Sie, sich ein paar Sekunden Zeit zu nehmen, um über die folgende Frage nachzudenken: Was tun Sie eigentlich, wenn Ihre eigenen Kinder später entscheiden, doch Fleisch zu essen? Nennen Sie Ihr eigenes Kind dann auch Mörder?

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