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"Für die Menschen auf der Flucht kann das Leben in Europa genauso zur Krise werden"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SYRIAN REFUGEES
Alkis Konstantinidis / Reuters
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2015 begann in den Augen der europäischen Öffentlichkeit die oft mit dem menschenverachtenden Begriff bezeichnete "Flüchtlingskrise". Bald schon wurde dieser eh schon entmenschlichende Begriff durch weit schlimmere Bezeichnungen von irgendwelchen "Wellen" oder ähnlichem ergänzt.

Nach einem Besuch in einem bulgarischen Flüchtlingslager, konnte ich eines allerdings klar feststellen: Für die Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend war das Leben in Europa schon immer eine Krise!

Abschiebung ist überall grausam

Im Jahr 2014 lebte ich für einige Monate in Bulgarien. Damals gab es schon sehr viele Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien flüchten mussten, was zu diesem Zeitpunkt allerdings in den meisten Fällen noch ohne eine große Öffentlichkeit in der BRD geschah.

Die Lektion, die ich aus der dieser Zeit lernte war, wie menschenverachtend das Dublin-Abkommen ist. Für meine politische Praxis erkannte ich auf diese Weise, dass es wichtig ist, sich gegen jede Abschiebung einzusetzen, egal ob in das angeblich "sichere" Afghanistan oder auch innerhalb Europas. Aber lest selbst, wie es Menschen auf der Flucht 2014 in Europa so erging:

Ein kahler Raum, in dem sich lediglich ein Teppich, drei Stühle und ein kleiner Tisch befanden. Auf dem Teppich spielten vier Männer mit Karten, auf dem Tisch sah man Tee, Äpfel und Tabak. Um ihn herum saßen drei weitere Männer. Einer von ihnen war ich.

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Vertieft in eine Diskussion über Welt- und Wirtschaftspolitik, erkannte ich in den Augen meines Gegenübers, einem Mann mit einem Abschluss in Soziologie, Begeisterung für die Thematik aufblitzen. Während jemand unsere, auf Englisch geführte, Diskussion für die anderen ins Arabische übersetzte, freute ich mich darüber, dass mein Diskussionspartner wenigstens kurz seine Situation vergaß. Vorher sah man in seinen Augen nichts als Hoffnungslosigkeit.

Der Tag begann damit, dass ich mich mit B. S. in seiner Wohnung traf. Wobei es nicht wirklich seine Wohnung war. In seinem Zimmer schliefen fünf Menschen aus Syrien, in dem Raum nebenan sieben oder acht aus Ghana.

Hoffnungslosigkeit im Camp

In seinem Raum befanden sich vier kleine Betten, eine Kochplatte am Boden und ein alter Fernseher. Das eingeschlagene Fenster wurde provisorisch mit einem Kissen gestopft und zwischen den Lebensmitteln liefen Mäuse auf und ab. Auf einem der Betten saß ein kranker Mann, der aus Syrien geflohen ist. Sie zahlten 300 Leva (ca. 150 Euro) Miete im Monat und waren dazu verpflichtet, in dieser Wohnung zu leben.

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Ich machte mich mit B. auf den Weg zu der größten Geflüchtetenunterkunft Sofias' (Bulgarien). Beim Verlassen der Wohnung erhaschte ich noch einen Blick auf dessen "Bad". Eine inzwischen schwarz-braune Toilettenschüssel lies das schäbige Waschbecken daneben schon fast sauber aussehen.

Eine Dusche war nicht vorhanden. Während wir auf den Bus warteten, erklärte mir B., warum er jeden Donnerstagnachmittag in das Camp fuhr. Jeden Donnerstag wurden dort in wenigen Stunden die Dokumente aller Asyl-Bewerber bearbeitet.

Seit bereits sechs Monaten fuhr er jeden Donnerstag dorthin, in der Hoffnung es gäbe einen Fortschritt bei der Bearbeitung seiner Dokumente. Bis jetzt hatte er nicht mal seinen Fingerabdruck abgeben können. Von einem Status, um sein Aufenthaltsrecht beantragen zu können, war er noch weit entfernt.

"Ich fahre jeden Donnerstag ins Camp. Danach bin ich zwei Tage lang deprimiert, weil sich nichts tut. Nichts!" erzählte er mir verzweifelt auf Englisch. Wir stiegen in den Bus. Ca. 15 Minuten fuhren wir bis an den Rand Sofias'. An den Gebäuden auf unserem Weg waren Hakenkreuze zu sehen.

Wir stapften schweigend durch den Schnee, bis wir dann endlich im Camp ankamen. Eine alte, eingezäunte Schule. Von Sicherheitspersonal fehlte jede Spur. "Rechte Leute haben vor zwei oder drei Monaten das Camp angegriffen" informierte mich B. "deshalb wurden dann zum Schutz der Sicherheitskräfte diese abgezogen".

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Auf dem Hof trafen wir seine Freunde. Er gab heiße Schokolade aus, ein anderer Zigaretten. Neben uns ging jemand barfuß in Flip-Flops durch den Schnee. Es war eiskalt. Überall lag Müll.

Wie jeden Donnerstag war das Gelände voller Menschen. Frierende Frauen und Kinder waren zu sehen. Alle warteten auf ihre Dokumente. Wir gingen in einen überfüllten Raum und warteten. Ein Mann in Anzug setzte sich hinter den einzigen Schalter. Er reichte der Frau an diesem Schalter einen Stapel blauer Dokumente.

Nichts geht voran

Sie rief Namen in die Menge und warf die Dokumente in die Menschenmasse. Chaotisch wanderten sie durch den Raum, bis sie ihren Besitzer erreichten. "Die mit dem weißen Aufkleber bekommen einen Fingerabdruck. Die mit dem roten einen Status." erklärte mir B..

Von den hunderten Dokumenten, die in den Raum geworfen wurden, sah ich nur fünf bis zehn mit Aufklebern. "Ich sehe nie mehr als fünf bis zehn mit einem Aufkleber". B. bekam kein Dokument. "Er ist seit vier Monaten hier und hat schon seinen Status. Er ist Syrer wie ich. Kam nach mir nach Bulgarien. Ich habe nicht mal einen Fingerabdruck." erzählte er mir, während er mir einen Freund vorstellte.

Wir gingen raus. Drei Männer in Militäruniform warfen dort weitere Dokumente in die frierende Menschenmasse. Auch ein Dokument von B. war unter ihnen. "Nichts" sagte er traurig.

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Er erzählte mir von seinem viertägigen Hungerstreik gegen die schlechten Bedingungen für Asylsuchende. Die Polizei hatte ihn beendet. Er erzählte von gewalttätigen Übergriffen von Bulgaren und der Polizei.

"Es gibt auch welche, die gut zu uns sind. Aber es sind sehr wenige". Wir verließen das Camp. Bs' Freund blieb noch dort, um die ihm zustehenden 65 Leva abzuholen. Das Geld war bereits seit zwei Wochen fällig. Wir aßen etwas und gingen schließlich in die Wohnung eines Freundes. Dort erzählte er mir von syrischer Politik, dem Krieg und religiöser Verfolgung durch einen Teil der Rebellen.

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"In Syrien hätten sie mich ermordet! Aber wenigstens wäre es dort kurz und schmerzlos gegangen. Nicht wie hier".

Er erzählte mir von der Geschichte Syriens. Dem ersten Alphabet und großen Zivilisationen. "Demokratie muss entstehen. In einem langen Prozess. Alle anderen sollen sich raushalten. Öl und Macht sollte kein Grund sein, blind irgendwelche Rebellen zu unterstützen."

"Die meisten von ihnen sind gefährliche Islamisten",meinte B. . Dann redeten wir über Wirtschaftssysteme und Weltpolitik. tranken Tee, aßen Äpfel und rauchten. Am Abend verließ ich die Wohnung. Dieser Tag brannte sich in mein Gedächtnis.

Das Bild, welches sich mir am tiefsten einbrannte, war das Folgende: Im Bus setzte sich B., der mir immer großzügig diverse Dinge angeboten hat und jeden Menschen unglaublich freundlich behandelte, neben eine andere Person. Diese versteckte ihre Tasche vor ihm, aus Angst, er würde sie stehlen.

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