BLOG

Als Startup-Gründer rate ich euch: Verlasst Deutschland, die Bürokratie wird euch umbringen

22/02/2017 12:51 CET | Aktualisiert 06/03/2017 12:44 CET
Thomas Barwick via Getty Images

Als ich 2013 gemeinsam mit zwei Freunden das Startup Senic gegründet habe, war noch nicht klar, wo die Reise hingeht. Wir bauen unser erstes Produkt in unserer Werkstatt in Berlin, das man als runde Fernbedienung für das Haus bezeichnen kann.

Mit ihr lässt sich zum Beispiel die Lautstärke der Musikanlage regeln, das Licht einschalten, die Tür öffnen. Nuimo heißt das Gerät - und wir haben damit dank unserer Kunden Erfolg. Mittlerweile sind wir 15 Leute.

Nuimo hat mittlerweile in tausenden von Wohnungen auf der ganzen Welt ein zu Hause gefunden und wurde mit einigen der renomiertesten Technologie- und Designpreisen wie etwa dem Red Dot ausgezeichnet.

Der Großteil unserer Geldgeber kommt aus dem Ausland

Wir würden gerne in Deutschland bleiben, weil das Land im Hardwarebereich einfach genial ist. Deutschland ist nicht ohne Grund nach China der größte Maschinenbauer der Welt. Diese lange Tradition hilft uns bei unserer Produktion enorm - und darauf wollen wir auch nicht verzichten.

Gleichzeitig gibt es keine Stadt auf der Welt, die für junge Unternehmen so viel bietet wie Berlin. Ich habe in Korea, Mexiko und San Francisco gelebt - und es gibt keine so internationale Stadt, in der so viele Kreative versammelt sind.

Für Hardwarestartups ist es allerdings alles andere als einfach, hier Investoren zu finden. Wir haben schon alles durchgemacht - von frustrierenden Gesprächen mit Förderbanken bis hin zur Suche nach geeigneten Investoren. Das Ergebnis ist, dass unsere Geldgeber zum grössten Teil aus dem Ausland kommen.

Erst haben wir an einem berühmten US-Accelerator teilgenommen und danach eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Darüber haben wir unser erstes Kapital erhalten - über 500.000 USD an Vorbestellungen waren das.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Danach sind weitere Investoren eingestiegen, unteranderem aus Japan und den USA. Der einzige große deutsche Investor ist Target Partners aus München, der sich auf deutsche Technologieunternehmen spezialisiert hat und diese Art von Unternehmen versteht. Ansonsten: Fehlanzeige.

Die bittere Wahrheit ist: Wer in Deutschland ein Hardware-Startup aufbauen will hat hier schlechte Karten. Das ist eigentlich absurd in einem Land, das so stolz auf seine Maschinenbauertradition ist.

In Frankreich stellt der Staat weitaus mehr Fördermittel bereit

Wenn wir auf Elektronikmessen gehen, sind dort maximal drei bis vier weitere Hardware-Startups aus Deutschland. Aus Frankreich sind es hunderte! Wie Staat und Geldgeber dort junge Unternehmen unterstützen, ist sehr, sehr krass.

Hier hingegen hat man es bislang leider verpasst, sich auf Hardware-Startups einzustellen. Meine derzeitige Empfehlung ist deswegen leider auch: Bleibt nicht in Deutschland. Die Finanzierung ist sehr schwer. Auch wir haben sehr oft überlegt, Deutschland zu verlassen. Nicht, weil wir es wollen - sondern, weil wir nur so an den Markt kommen und wachsen können.

Wer Hardware baut, braucht viel mehr Cash als jemand, der eine App programmiert. Die Teams sind größer, weil wir mehr Disziplinen abdecken müssen. Der Kapitalbedarf ist enorm, gerade am Anfang, weil eine Produktion mit teuren Maschinen aufgebaut werden muss.

Hinzu kommt: Ein Programm kann nach drei Monaten schon als Testversion auf den Markt. Bei einem Gerät dauert das mindestens eineinhalb Jahre. In dieser Zeit wird kein einziger Cent verdient.

Ohne Geldgeber hat man keine Chance

Wer hier keine Geldgeber hat, die einen verstehen und unterstützen, hat keine Chance.

Klar, Deutschland hat viele Förderprogramme für Startups, zum Beispiel durch die KfW. Aber die Bürokratie und Philosophie dahinter killt einen. Es dauert Monate, bis das Geld ankommt - dabei braucht man es meist viel schneller.

Außerdem müssen alle Gründer zu 100 Prozent haften. Das macht niemand, der jung ist, weil das Risiko viel zu groß ist. Dann macht man am liebsten gar nichts.

Gleichzeit schauen Banken viel zu sehr auf Kennzahlen, statt auf das Produkt. Sie erkennen das Potential nicht. In den USA ist das ganz anders: Dort habe ich mit den CEOs aller großen Elektronikhersteller gesprochen. Und die waren baff, dass wir so ein Produkt mit einem so kleinen Team überhaupt herstellen konnten.

Und natürlich gibt es Risikokapitalgeber in Deutschland, vor allem in Berlin. Die meisten von ihnen haben sich allerdings auf Themen wie E-Commerce spezialisiert und können mit Hardware einfach wenig anfangen.

Man muss sich nur mal vorstellen, was für ein Potential sich in Deutschland entfalten würde, wenn es jungen Hardware Startups bei der Unternehmensgründung deutlich leichter gemacht würde. Im Mittelstand etwa gibt es so viel Cash und Wissen, das Startups enorm helfen würde.

Hier muss nur ein Modell gefunden, das beide an einen Tisch bringt. Das würde extrem viel Potential freisetzen, das auf der Welt einzigartig wäre.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino