BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Tobias Böhnke Headshot

Ich beobachtete, wie ein Schwarzer in der U-Bahn beleidigt wurde - und habe versagt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
UBAHN RASSISMUS
dpa
Drucken

Es gibt Momente im Leben, wo das eigene Selbstbild plötzlich völlig in Frage gestellt wird. Momente, wo fast alles, woran man geglaubt hat, sich als falsch erweist.

So einen Moment hatte ich vor Kurzem in der U-Bahn.

Ich dachte eigentlich immer von mir, dass ich ein offener Mensch sei. Liberal, aber gegen Rassismus, würde ich für meine Werte einstehen und diese - wenn nötig - auch verteidigen.

Jetzt weiß ich, dass ich falsch lag.

Ich war vor ein paar Tagen in der U-Bahn unterwegs. Autofahren war nie so mein Ding und die Dellen in meinem alten Wagen geben mir da recht. Daher habe ich schon seit Jahren eine Monatskarte.

Als ein gekünstelt freundliches "Servus, die Fahrscheine bitte!" durch den Wagon gerufen wurde, war ich daher auch wenig beunruhigt.

Routiniert zeigte ich mein Ticket, der Kontrolleur schaute ebenso routiniert drauf und wandte sich dem älteren Ehepaar mir gegenüber zu, die es mir gleich taten. So ging es dann immer weiter, ein Fahrgast nach dem anderen.

So weit, so unspektakulär.

"Das ist typisch bei denen. Die Schwarzen denken, hier ist alles umsonst"

Plötzlich kam es zu einer Unterbrechung. Ein dunkelhäutiges Paar mit Kinderwagen hatte offensichtlich keine Fahrkarte dabei. Beide sprachen kein Deutsch, waren sich aber augenscheinlich bewusst, um was es ging.

Die Frau schien verunsichert, dem Mann war es wohl einfach nur sehr peinlich.

Die Bayern sind für ihre grantige Art bekannt und der Kontrolleur, der keine Anstalten machte, es auch auf Englisch zu versuchen, war hier keine Ausnahme. Er war nicht beleidigend, hatte aber diese typisch ruppige Art, die man entweder liebt oder eben nicht.

Der Kontrolleur wollte den Ausweis sehen, der Mann verstand nicht und hielt sein geöffnetes Portemonnaie hin. Vielleicht dachte er, man könne im Zug nachzahlen, oder er wollte direkt die Strafe zahlen, vielleicht auch etwas ganz Anderes - das kann ich nicht genau sagen, denn meine Aufmerksamkeit wurde unterbrochen.

"Das ist typisch bei denen. Die Schwarzen denken, hier ist alles umsonst - aber das stimmt nicht."

Dieser Satz kam von dem älteren Mann, der gegenüber in meinem Vierersitz saß. Er sagte das zu niemandem im Besonderen, aber in diesem speziellen Ton, der zeigt, dass ihn alle in der Bahn hören sollten. Auch der Kontrolleur und der schwarze Mann.

Mehr zum Thema: An die Neonazis neben mir in der U-Bahn

Ich weiß nicht, was es war. War es Peinlichkeit? Oder war es Angst? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall war ich baff.

Der Mann ist in einem ganz gut besuchten U-Bahn-Abteil, umringt von Menschen, in einer der reichsten Städte Deutschlands, und hat keinerlei Vorbehalte, seine rassistischen Pauschalaussagen laut auszusprechen.

Er legte sogar noch nach.

"Natürlich mit Kind. Die vermehren sich rasant. Und das gibt auch mehr Mitleid."

Die Bahn hielt, die Tür öffnete sich, der Kontrolleur und die Familie stieg aus, um die Sache weiter außerhalb des Zugs zu klären und wir fuhren wieder los.

Die Situation war vorbei, der Mann hatte seinen Teil gesagt und alle, inklusive mir, haben geschwiegen.

Ich weiß genau, was mein Schweigen anrichtete

Ich saß noch zwei weitere Stationen dem Mann gegenüber, habe starr aus dem Fenster in die Dunkelheit der U-Bahn-Schächte geschaut, bis ich ausgestiegen bin.

Mehr zum Thema: An die Münchnerin im Bus, die sich nicht von einem türkischen Jungen helfen lassen wollte

Mit schnellen Schritten ging ich nach Hause, klappte meinen Laptop auf und startete die erstbeste Serie auf Netflix. Schnell den Kopf mit irgendwelchen belanglosen Kram füllen, um nicht darüber nachzudenken, was eigentlich gerade passiert war.

Das hat für den ersten Moment auch funktioniert, aber nicht dauerhaft. Denn ich weiß genau, was mein Schweigen anrichtete.

Ein offensichtlicher Rassist hat in einer Gruppe von ca. 60 Mitfahrern seinen Hass verbreitet. Den Grund für seine Haltung kennen ich nicht. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht, vielleicht fällt er auf rechte Medien rein, vielleicht ist er so erzogen worden. Das weiß ich alles nicht, was ich aber sicher weiß, ist das mein Schweigen ihn in seiner Sicht bestätigt.

Niemand hat ihm widersprochen. Er hat laut seine Meinung gesagt und 60 Menschen haben kein Widerwort gegeben.

In seinem Kopf ist klar, was das bedeutet. Wenn er Unrecht gehabt hätte, hätte ihm doch wer widersprochen. Hat aber niemand, also müssen ja alle seiner Meinung sein.

Ich wollte mutig sein, aber habe versagt

Wenn ich auf Facebook Kommentare lese, wie "die meisten Deutschen wachen ja jetzt auf", "die Mehrheit der Deutschen ist gegen die ausländischen Besatzer" oder Klassiker wie "wir sind das Volk", "wir sind Bürger, keine Nazis", dann kommt das genau von solchen Situationen.

Mehr zum Thema: Ich bin dunkelhäutig und Deutsche - trotzdem werde ich oft wie eine Fremde behandelt

Der Mann glaubt jetzt, dass die meisten Leute so denken wir er.

Auch wundert es nicht, wenn die Rechten in den Medien und sozialen Netzwerken so stark vertreten sind.

Natürlich schreiben die Nachrichtenseiten öfters über den neuen Hass-Tweet von irgendeinem AfD-Politiker als über die tolle Antwort der Nazi-Gegner. Denn viel zu selten kommt eine Antwort.

Ich mache mir keine Illusionen. Die politische Lage in Deutschland hätte sich nicht verändert, wenn ich etwas gesagt hätte. Wahrscheinlich hätte ich nicht mal den Mann in der U-Bahn umstimmen können.

Es hätte aber ein Zeichen sein können. An den Mann, dass nicht alle seiner Meinung sind und an alle in der Bahn, wie einfach es ist, "Nein" zu sagen.

Nein.

Früher habe ich laut Konstantin Weckers "Sage Nein!" gesungen.

"Ob du sechs bist oder hundert,
sei nicht nur erschreckt, verwundert,
tobe, zürne, misch dich ein
sage nein!"

Ich habe mir vor einiger Zeit vorgenommen, mutiger zu sein. Als die Chance sich bot, habe ich versagt. Das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen, aber sicher auch nicht zu einem guten.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');