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Mein Dönermann ist gestorben - darum trauert jetzt ein ganzes Viertel um ihn: Ein Nachruf

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ONKEL ALI
Tobias Böhnke
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Sieben Grabkerzen stehen vor der großen Glasfront des Dönerladens, daneben eine weiße Blume in einer grünen Weinflasche.

"Danke Ali", steht auf einer der Kerzen. Es sind zwei Worte, die mir seit Stunden nicht aus dem Kopf gehen.

"Danke Ali"

Ich kannte Ali nur kurz. Stop. Das ist falsch. Denn eigentlich kannte ich ihn nicht. Also nicht so wirklich. Nicht so gut, dass es sich richtig anfühlen würde, zu sagen, dass ich ihn kannte.

Ali war mein Dönermann. Sein Laden war im Erdgeschoss des Hauses, in dem meine Freundin lebt. Onkel Ali heißt der Laden und Onkel Ali war es auch, wie er genannt wurde.

Ein freundlicher Gruß, Fistbump und nette Gespräche

Ich übernachte meistens bei meiner Freundin, daher gehe ich fast jeden Tag an dem Laden vorbei. Wenn Onkel Ali mich durch das große Fenster entdeckte, grüßte er mich immer freundlich.

Wenn ich nach einem viel zu langen Arbeitstag eine Stärkung brauchte, bin ich oft bei ihm eingekehrt.

Wie seit dem ersten Tag begrüßte er mich dann mit einem Fistbump. "Du siehst müde aus", sagte er mehr als einmal in solchen Situationen zu mir. Und wenn der Laden nicht grad total überfüllt war, dann hab ich Onkel Ali von meinem Tag erzählt.

Mehr zum Thema: An die Fremde im Zug, mit der ich in einer Stunde mehr teilte als mit meinen engsten Freunden

Erlebnisse, die ich eigentlich niemandem erzählen würde. Was stressig war, was gut war, was mich beschäftigt hat. Diese Dinge, die mich an dem Tag rasend oder traurig gemacht haben, Ali konnte ich sie sagen. Ali hat zugehört.

Onkel Ali war ein Held des Alltags

Es gibt viele dieser Menschen, die man eigentlich nicht richtig kennt. Nur beiläufig. Die aber dafür sorgen, dass das Leben lebenswerter ist. Es mehr Spaß macht und an einigen Tagen überhaupt zu ertragen ist.

Das kann der Friseur sein, dem man alles anvertraut, die Supermarktkassiererin, die einen auf diese ganz bestimmte Art grüßt oder der U-Bahn-Fahrer, der alle Stationen in drei Sprachen ansagt, weil er einfach selbst so viel Spaß dran hat.

Bei mir war es in vielen Fällen Onkel Ali. Ali, der immer Süßigkeiten für die kleinen Gäste unter der Theken bereit hielt. Ali, der früher mal Fliesenleger war und sicher viel von der tollen Innenausstattung selbst gemacht hat. Ali, der immer gut drauf war, auch wenn er am Abend verdammt müde aussah.

Ich war nicht der Einzige, der Onkel Ali bewundert hat.

Alis Laden gab es erst seit Juli. Er war zwar schon länger Döner-Verkäufer, aber immer nur in unterschiedlichen Läden angestellt. Wie die Münchner Tageszeitung "tz" berichtet, waren es drei junge Stammkunden, die Ali dabei halfen, seinen eigenen Laden aufzumachen.

Auch viele andere junge Leute packten beim Aufbau mit an.

An den ersten Tagen nach der Eröffnung gab es Zeiten, in denen ich und meine Freundin die einzigen Gäste im Laden waren. Doch schon kurze Zeit später änderte sich das völlig.

Der Laden brummte und war eigentlich immer bis kurz vor Ladenschluss voll. Sicher weil es einfach schön war, zum Onkel Ali zu gehen.

Sein Traum vom eigenen Laden war in Erfüllung gegangen.

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen

Jetzt ist er tot. Am 1. November ist er im Alter von 44 Jahren überraschend gestorben. Ein Freund von ihm, der ihn am Tag davor getroffen hatte, sagt: "Er war das blühende Leben, hat Witze gemacht - wie immer."

Dann muss es schnell gegangen sein. Krankenhaus, Operation am Herz, die Aorta soll gerissen sein.

Gestern wurde sein Tod auf der Facebook-Seite des Ladens verkündet. Die Anzahl der Kerzen und Blumen vor dem Laden wird sicher noch wachsen.

Am Sonntag soll eine Trauerfeier stattfinden. Für Familie, Freunde und Kunden.

Hingehen werde ich nicht. Er war mir wichtig und hat mir oft geholfen, ohne es zu wissen, aber ich würde mich nicht gut fühlen, zwischen seinen engen Freunden zu stehen.

Doch eins ist mir sehr wichtig zu sagen:
Danke Ali.

Heute neu in meiner "zu Gast bei" Serie: Mein Besuch bei onkel ali, dem vermutlich besten Döner-Laden in München. 😋
Wie...

Posted by Madame Cuisine - Foodblog on Wednesday, October 25, 2017

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