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Der Tag, an dem ich zwei Menschen beim Sex zugeschaut habe

28/09/2015 11:01 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 11:12 CEST
Thinkstock

In meinem Leben hab ich bereits einige seltsame Jobs gemacht: Waschmaschinen bei Umzügen tragen, für 400 Leute ein 5-Gänge-Menü kochen, mich nackt vor Publikum blau anmalen und Körperabdrücke auf einer Leinwand machen, in einer Online-Redaktion den Blog-Editor geben.

Es waren viele prägende Erlebnisse dabei. Doch als am einschneidendsten würde ich den Tag beschreiben, an dem ich zwei Menschen beim Sex gefilmt habe.

Es war kein Porno. Nichts gegen Leute, die so ihren Lebensunterhalt verdienen. Solange alle Spaß daran haben und sich nicht genötigt fühlen mitzumachen, aus emotionalem, körperlichem oder finanziellem Druck. Also einfach gute Pornos.

Was ich gedreht habe, war ein Kunstfilm. Ganz ohne Schmutz. Kunst. Quasi... Kunst.

Die Sexszene war Teil eines groß angelegten Longshots, also einer langen Aufnahme, in der nicht geschnitten wird. Die Kamera läuft durch und wenn ein Fehler passiert, muss man von vorne starten.

Allein hier hätte der Regisseur vielleicht noch mal darüber nachdenken sollen, ob eine Live-Sexszene wirklich die richtige Entscheidung war.

Der ganze Shot war wahnsinnig lang und kompliziert, aber wichtig für die Geschichte ist nur, es gab im Film ein Zimmer, in dem ein Porno gedreht wurde. Also ein Filmset, das gefilmt wurde.

Es gab einen Regisseur, zwei Pornodarsteller und einen Kameramann. Ich war der Kameramann. Meine Aufgabe war es, die Kamera auf den - sagen wir mal - Knotenpunkt zu richten und dabei möglichst lässig auszusehen.

Das Bild meiner Kamera wurde per Beamer auf eine der Wände projiziert, damit im echten Film der Zuschauer auch das sah, was ich sah.

Neben der Statistenrolle des Kameramanns gehörte zu meinen Tätigkeiten, über Funk mit dem Regisseur in Verbindung zu stehen. Ich bekam so z.B. immer ein Signal, wenn der Dreh begann, damit ich den Pornodarstellern sagen konnte: „Zeit zu stöpseln."

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Dieses „Zeit zu stöpseln" war so eine Art Galgenhumor. Denn die ganze Sache war mir irgendwie unglaublich peinlich. Und das nicht in erster Linie, weil ich zwei Menschen den Befehl zum Sex gab.

Es war schon die ganze Zeit davor peinlich.

Ich wusste, wie schwer es ist, mit so einem kleinen Budget eine Pornodarstellerin zu finden. Am Ende meldete sich eine Frau, die ganz nett war und ihr Geld eigentlich als Englischübersetzerin und Lehrerin verdiente, nebenbei aber immer mal wieder einen Porno drehte.

Wir hatten uns nett und leider etwas gezwungen vor dem Dreh unterhalten. In einer anderen Situation hätten wir uns vielleicht anfreunden können.

Der Mann war eigentlich Physiotherapeut und studierte nebenbei. Der Typ war so locker, dass ich auch ganz locker mit ihm war. Bis sein Telefon klingelte und anscheinend die Babysitterin dran war und seinen Sohn ans Telefon holte. Der kleine hatte Angst allein und wollte noch nicht schlafen gehen. Die Sache war schnell gelöst, er durfte sich noch einen Kinderfilm angucken, um müde zu werden.

Direkt nach dem Telefonat war die Ansage, sich drehfertig zu machen. Das bedeutete für mich, meinen Platz am Set schnell einzurichten und dann den Raum zu verlassen, damit die Pornodarsteller sich nochmal anders kennenlernen konnten und - sagen wir es wie es ist - den Penis steif genug für den Dreh bekamen.

Ich stand in der Zeit vor der Tür mit meinem Funkgerät, damit wir sofort mit dem Dreh anfangen könnten, sobald der Penis soweit war.

Das ging relativ schnell und ich sagte zum ersten Mal: „Zeit zu stöpseln."

Leider ging eine ganze Menge schief, sodass wir nur einmal die ganze Szene drehen konnten, bis ein schlaffer Penis uns einen Strich durch die Rechnung machte. Der Regisseur war mit dem Material nicht zufrieden.

Nachdem eine Stunde vergangen war, wollte das Team langsam weitermachen und ich bekam die Ansage, doch mal etwas Druck bei den Pornodarstellern zu machen.

Also fragte ich nett, wie es aussieht, also steht, haha, ja steht. Weil wir würden gern weitermachen. Der Schauspieler meinte, sie würden es versuchen, wir sollten sie aber wieder etwas allein lassen, damit sie in Stimmung kommen.

Ich stand also wieder vor der Tür mit meinem Funkgerät, während das Team sich bereit machte, um auf mein Signal loszulegen.

Diesmal dauerte es etwas und der Regisseur wurde am Funkgerät langsam ungeduldig.

R: Wie lange dauert es denn noch? Die sollen mal hinmachen.

T: Ich weiß auch nicht, ich denke die versuchen ihr bestes.

R: Schau mal rein, wie lange die brauchen. Es ist kalt hier draußen.

T: Wenn ich da reingehe und störe, dauert es bestimmt länger.

R: Dann lausch halt an der Tür und gib ne Schätzung ab.

T: Ok.

Gesagt, getan. Als ich mein Ohr an die Tür drückte, hörte ich folgendes: „... er hat einfach oft Angst, wenn ich nicht da bin, aber mit dem Film schläft er immer gut ein..."

T: (über Funkgerät) Das dauert noch. Geht nochmal rein.

15 min später.

R: Jetzt muss es aber langsam weitergehen. Wie ist die Lage?

T: Wart. Ich lausche.

„Lass es mich mal mit dem Mund versuchen" ... „Oh ja, das ist ganz geil."

T: Macht euch bereit, gleich geht's los.

Zwei min später. Ich lausche nochmal.

„... im Garten kann ich mich einfach am besten entspannen. Ich habe da auch einen kleinen Acker...."

T: Abbruch! Abbruch. Das kann sich noch hinziehen.

R: Fuck. Ich komm jetzt hoch. Das geht so nicht weiter.

Der Regisseur kam energisch hochgelaufen und ging wortlos an mir vorbei und ins Zimmer. Nach fünf Minuten öffnete sich die Tür und er sagte: „Kann losgehen."

Wir drehten noch zwei Takes, in denen alles klappte. Die Pornodarsteller waren in Form, ich behielt den „Knotenpunkt" im Fokus meiner Kamera und überhaupt lief alles nach Plan. Und der Dreh war schnell im Kasten.

Ich bekam kurze Zeit später die Chance, die Aufnahmen zu sehen und war ehrlich gesagt geschockt. Nicht weil mir klar geworden war, dass ich gerade zwei Stunden Peniswache geschoben hatte, um einem jungen Vater und einer Lehrerin beim Sex zuzuschauen, und dabei sogar noch gefilmt wurde, nein, ich bemerkte, dass ich einen so richtig dummen Gesichtsausdruck drauf hatte.

Obwohl in meiner Szene zwei Menschen echten Sex hatten und ihre Geschlechtsteile auf eine Riesenleinwand projiziert worden sind, war der verstörendste Teil der Aufnahme mein Gesicht. Das fiel nicht nur mir, sondern dem gesamten Team auf und wirklich alle, inklusive Regisseur und Pornodarsteller machten den Rest des Tags blöde Witze über mich.

Es war ein befreiendes Lachen, diese gesamte Anspannung und das peinliche Gefühl war wie verflogen.

Am Tag danach drehte ich noch eine fast identische Szene mit den beiden Darstellern und war viel lockerer und hatte richtig Spaß am Dreh. Denn mir war klar geworden, dass es keinen Grund gab, mich in diesem Job zu schämen. Alle wollten ihr bestes geben und einen tollen Job machen, genau wie bei allen meinen anderen Jobs davor auch.

Ich hatte mich aus einer seltsamen Überheblichkeit oder Neugier heraus geschämt. Als ob es mir peinlich sein müsste, in diesem Projekt zwei Menschen beim Sex zuzusehen. Dabei war es am Ende des Tages auch nur ein weiterer Job, etwas völlig Normales.

Es hat mich viel über mich und über Respekt gelehrt. Jeder Beruf, egal was man macht, verdient gleich viel Ansehen. Ob es nun Erzieher, Berater, Journalist oder eben Pornodarsteller ist - immer sind es ganz normale Leute, die einen guten Job machen wollen und danach Heim zu ihrer Familie gehen.

Mich selbst hat diese Erkenntnis sehr beruhigt, denn sie sagt mir, dass ich keinen prestigeträchtigen Job benötige; und egal wo ich in fünf oder in zehn Jahren bin, ich kann überall glücklich sein.

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