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An die Münchnerin im Bus, die sich nicht von einem türkischen Jungen helfen lassen wollte

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In der deutschen Bevölkerung herrscht Angst. Keine Angst vor Kriegen, vor Krankheit oder Hunger - die Deutschen haben Angst voreinander. Was das für Auswirkungen hat, musste ich vor Kurzem erleben.

Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem Hund im Bus. Ein paar Haltestellen später stieg eine lärmende Gruppe Schüler ein. Langsam wurde es voll im Bus.

Wenig später setzte sich eine ältere Frau mit Rollator in Bewegung. Die meisten Schüler machten ihr Platz, einige bemerkten nicht ganz rechtzeitig, dass die Frau durch wollte. Als sie schließlich an der Tür ankam, war es zu spät. Die Tür war wieder zu.

In den Augen der Frau sah ich Verunsicherung. Mit ihrer heiseren und für den vollen Bus viel zu leisen Stimme rief sie nach dem Busfahrer.

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Ein türkischer Junge sah die Frau und rief laut durch den Bus: "Halt, Herr Busfahrer, halten Sie. Die Dame will noch aussteigen."

Seine Stimme drang durch das Chaos im Bus bis nach vorn und der Fahrer öffnete die Tür.

Kurz darauf bahnte sich der Junge einen Weg durch die Menge zu der Frau, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

"Warten Sie, ich helfen Ihnen", sagte er.

Doch die Frau wollte keine Hilfe, jedenfalls nicht von ihm. Hielt sich an ihrem Rollator fest. Und wurde laut.

Unzusammenhängend rief sie Dinge wie: "Die Braunen sind auf der Straße"...

"Alles nehmen sie weg"...

"Überall sind sie da!"

Um sie herum wurde es still.

Die anderen Fahrgäste, die Schüler, der Fahrer: Alle starrten die Frau an. Niemand rührte sich - auch ich nicht.

Es war eine Mischung aus Scham und Hilflosigkeit.

Der Einzige, der sich nicht beirren ließ, war der Junge. Während die Frau rückwärts ausstieg, versuchte er zögerlich, sie zu stützen. Schließlich reichte er ihr noch den Rollator.
Die Dame schimpfte weiter, während sich die Türen schlossen.

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Bis hier hin ist die Geschichte einfach nur traurig. Eine Frau benötigt Hilfe und die meisten schauen nur zu. Und dann löst der Helfer bei der Frau auch noch Panik aus.

Etwas Schönes ist hier vor meinen Augen zerbrochen

Leider endet die Geschichte hier nicht.

Der Junge, der eigentlich für seinen Einsatz Lob bekommen sollte, weil er aktiv wurde, als wir alle nicht reagierten, bekam von seinen Freunden etwas ganz anderes zu hören.

"Was eine ätzende Frau, du hättest die fallen lassen sollen", sagte einer der Freunde des Jungen, als er zurück zu ihnen kam.

"Die sagen nie Danke, die finden uns nur Scheiße", sagte ein anderer.

Der Junge selbst stand nur da und nickte.

Mich hat das traurig gemacht. Etwas ist hier vor meinen Augen zerbrochen. Der Junge hätte ein Vorbild für alle im Bus sein können, dass wir uns untereinander helfen müssen. Er selbst hätte durch das Erlebnis gestärkt in der Überzeugung werden können, dass es selbstverständlich ist, andere Menschen zu unterstützen.

Doch er wird etwas anderes erinnern. Nämlich, es künftig lieber gar nicht zu versuchen, und dass Menschen mit anderer Hautfarbe es in Deutschland niemandem recht machen können.

Die Angst lässt sich nur im Alltag bekämpfen

Aber auch die Frau trägt keine Schuld. Das wäre zu einfach. Irgendwoher kommt ihre Angst.

Vielleicht hatte sie ein traumatisches Erlebnis? Vielleicht ist es aber auch die Panik, die von bestimmten Parteien und Medien besonders vor der Wahl verbreitet wurde?

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Ich weiß es nicht.

Was ich aber sagen kann, ist, dass ich nicht in dieser Angst leben will. Dass ich in einem Land leben will, in dem man sich untereinander hilft und offen begegnet.

Offen zu sein heißt nicht, naiv und blauäugig durch die Welt zu gehen. Es bedeutet, immer erst an das Gute im Menschen zu glauben.

Daher will ich der Frau aus dem Bus an dieser Stelle etwas sagen:

Ich glaube nicht, dass Sie ein schlechter Mensch sind. Ich glaube auch nicht, dass Sie eine Rassistin sind. Sie hatten wahrscheinlich nur Angst.

Alle Leute im Bus hatten Angst, Angst, sich uns zu blamieren. Deshalb haben die einen zu- die anderen weggeschaut.

Lassen Sie uns gegenseitig versprechen, in Zukunft mutiger zu sein; keine Angst mehr zu haben, anderen zu helfen und keine Angst mehr zu haben, sich helfen zu lassen.

Wir können die Angst in Deutschland nur im Alltag bekämpfen. Und es kann nur erfolgreich sein, wenn wir uns Folgendes immer bewusst machen: Unsere Taten haben Einfluss auf die Menschen um uns herum. Im Guten, wie im Schlechten.

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(jz)