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An die Frau an der Kasse, die nicht genug Geld für ihren Einkauf hatte - bitte verzeih mir

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Ich lebe in der reichsten Stadt Deutschlands, habe einen gut bezahlten Job und alle meine Bekannten verdienen entweder mehr oder zumindest genau so viel wie ich. Nur so kann ich mir erklären, warum ich total versagt habe, als ich heute Morgen an der Kasse mit Armut konfrontiert wurde.

Oben im Video: Fast sechs Millionen Menschen in Deutschland droht Altersarmut

Auf dem Weg zur Arbeit ahnte ich noch nicht, dass ich den restlichen Tag am liebsten vor Scham im Boden versinken würde. Nachdem ich bei meiner Freundin übernachtet hatte, ging ich auf dem Weg zur Arbeit in den gegenüberliegenden Aldi. Schnell rein, Kaffee aus dem Kühlregal, ne Süßigkeit für den Kopf, was Herzhaftes, falls das mit der Mittagspause nicht so klappt.

Auf die Preise habe ich nicht geschaut, ich hatte einfach Lust drauf.

Eine Frau vor mir hatte nicht genug Geld, um ihren Einkauf zu bezahlen

Wie so oft war ich eigentlich bereits etwas zu spät dran, aber noch nicht beunruhigt. Ich könnte ja einfach auf der Arbeit der U-Bahn die Schuld in die Schuhe schieben.

Wie man es von Aldi kennt, war die Schlange an der Kasse eher lang. Doch plötzlich stockte es. Das rasante Einscannen der Kassiererinnen und das routinierte Abkassieren wurden unterbrochen.

Eine Frau - geschätzt so Anfang 50, sehr abgetragene Kleidung - hatte nicht genug Geld, um bezahlen zu können.

"Haben sie keine Karte?" fragte die Kassiererin, die offensichtlich keine Lust hatte, die Schlange noch länger werden zu lassen.

"Die wird nicht gehen", war die Antwort.

"Dann müssen sie was zurückgeben."

Wir alle reagierten nach wenigen Sekunden genervt

Die Frau überlegte nur wenige Sekunden, was sie zurückgeben könnte, doch die Stimmung in der Schlage begann schon zu kippen.

Aus den teilnahmslosen Blicken wurde ein genervtes Augenrollen und mit dem Augenrollen kam das Getuschel. "Warum geht sie nicht vorher zur Bank?", "Man weiß doch, wie viel Geld man bei sich hat", "Immer, wenn ich es eilig habe, ist irgendwas."

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Der letzte Kommentar war von mir. Schwer zu verstehen, warum ich das gesagt habe. Ich war ja selbst schuld an meiner Verspätung - und warum sollte es den Rest der Leute interessieren? Alle in der Schlange waren genervt und das einte uns. Ich wollte wahrscheinlich dazugehören.

Die Frau gab das erste Produkt zurück: Backofen-Pommes. "Das reicht noch nicht", sagte die Kassiererin. Ein Raunen ging durch die Schlange.

Sie gab noch etwas zurück; Bonbons.

"Jetzt passt es", sagte die Kassiererin, rechnete ab und gab der Frau ein paar Cent zurück.

Aus der Kassenschlange kam ein erleichterter Seufzer. Gefühlt war es ungefähr so, als würde sich ein Jahrhundertstau auf der Autobahn lösen. Es konnte weitergehen.

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Der Monatsanfang ist für die Armen die schwierigste Zeit

12,9 Millionen Menschen in Deutschland sind arm, warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband. Frauen sind stärker von Armut betroffen als Männer.

22,5 Prozent, also knapp unter einem Viertel aller Deutschen, arbeiten für einen sogenannten Niedriglohn - also unter 10,50 Euro die Stunde.

Vor Kurzem las ich bei einer Betroffenen, dass in solchen Haushalten oft der Monatsanfang die schwierigste Zeit ist.

Am Monatsende kommt das Gehalt - wenn es eines gibt - und am Monatsanfang werden die richtig dicken Beträge abgebucht. Allen voran die Miete. Hier in München, wie in den meisten Großstädten, ist die Miete unverhältnismäßig hoch.

Der Monatsanfang ist so stressig, weil sich dort zeigt, wie viel Geld zum Leben übrigbleibt. Kann man sich diesen Monat etwas leisten, oder beginnt der Monat direkt mit dem Dispo? Wird es ein "hungriger Monat", wie mal ein Betroffener sagte.

Heute ist der erste Montag des Monats und der Frau an der Kasse fehlte Geld und ihre Karte funktionierte nicht. Während viele sagen, dass es gegen Ende des Monats knapp wird, hat sie noch fast vier Wochen Geldnot vor sich.

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Es Hilft der Frau nicht, wenn wir genervt reagieren

An all dem ist weder die Kassiererin Schuld, noch die Leute, die mit mir in der Schlange gestanden haben.

Es ist wahrscheinlich ein hochkomplexes Problem. Ein Mix aus falscher Stadtplanung, fehlgeleiteter Politik, schädlichem Kapitalismus und sicher auch einigen persönlichen Fehlentscheidungen.

Ich weiß nicht, wie es der Frau geht, aber sicher hilft es in Ihrer Situation nicht, wenn ihr an der Kasse das Gefühl geben wird, wegen Geldproblemen dem Rest der Leute zur Last zu fallen.

Wenn sie daheim schon über Geld streitet, muss sie sich sicher nicht draußen auch noch dumme Kommentare anhören.

Wirklich jede Partei macht gerade Werbung damit, dass sie sich für die sozial schwachen Familien einsetzen will - weil es anscheinend jedem Bürger wichtig ist.

Doch wenn man dann man mit jemandem konfrontiert wird, der Probleme hat - ist all das vergessen.

Ich schäme mich für mein Verhalten

Liebe unbekannte Frau an der Supermarktkasse, die nicht genug Geld für ihren Einkauf hatte, ich möchte dir sagen, wie sehr ich mich für mein eigenes Verhalten schäme. Und ich schäme mich für das aller, die dort in der Schlange standen.

Ich weiß nicht, ob es alles noch unangenehmer für dich gemacht hätte, wenn ich Geld gegeben hätte, aber was ich gemacht habe, war auf jeden Fall falsch.

Ich schäme mich dafür, dass in unserem reichen Land Menschen wie du Angst haben müssen, sich nicht genug Essen kaufen zu können und dafür auch noch den Spott der anderen zu ertragen haben.

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Am meisten schäme ich mich aber für meine Ignoranz. Wie sehr lebe ich eigentlich in meiner gehobenen Mittelschicht-Filterblase, dass ich mich spontan so gestört fühle, jemanden zu sehen, dem es anders geht.

Ich habe immer gehofft, soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt nicht einfach nur "irgendwie gut" zu finden, sondern auch im Alltag dafür einzustehen. Ich habe hier versagt und versuche, es in Zukunft besser zu machen.

Ich hoffe, ihr Leser lernt aus meinem Fehler. Jeder von uns kann etwas bewirken.

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Lesenswert:

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