BLOG

Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!

07/03/2016 11:37 CET | Aktualisiert 08/03/2017 11:12 CET
dpa

2016-03-07-1457334724-8422025-HUFFPOST.jpg

Die Landtagswahlen in mehreren Bundesländern stehen an und angeblich herrscht vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine hohe Politikverdrossenheit. Ist das wirklich so? Ich erlebe unzählige junge Menschen, die sich in der Hilfe für Geflüchtete oder einheimische Menschen in Not engagieren. Ich lese in der Shell Jugendstudie, dass junge Menschen sich wieder deutlich mehr für Politik interessieren als noch vor einigen Jahren. Unsere oft ausgebuchten Seminare und Kongresse bestätigen diesen Trend.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Trotz einer extremen Leistungsverdichtung in der Schule, der Lehre oder an der Uni engagieren sich Jugendliche gerne ehrenamtlich und wenden ihre kostbare Freizeit für diese wichtige Arbeit auf. Meistens ohne einen einzigen Euro zu erhalten. Ist das wirklich das Bild einer unpolitischen und verdrossenen Jugend? Ich glaube nicht. Wer Jugendlichen generell Politikverdrossenheit unterstellt, spielt mit einem überholten Vorurteil, das wenig mit der Realität zu tun hat.

Wer Jugendlichen generell Politikverdrossenheit unterstellt, spielt mit einem überholten Vorurteil.

Eines allerdings stimmt: Unter Jugendlichen herrscht oft eine „Parteienverdrossenheit". Auf eine Demo gegen Rassismus gehen, an einem Wochenendseminar eines Jugendverbands teilnehmen - alles drin. Aber eintreten? Ein zahlendes Mitglied einer Partei werden? Oder auch „nur" zur Wahl gehen? Wozu denn, wenn „die da oben" sowieso machen, was sie wollen. Dass viele Jugendliche diesen Eindruck haben - egal ob er richtig oder falsch ist - lässt sich wahrscheinlich nicht leugnen.

Die Parteien müssen sich in der Tat fragen, warum immer weniger junge Menschen es für wichtig halten sich in ihren Strukturen zu engagieren. Ein Grund dürfte mit Sicherheit sein, dass in langwierigen Debatten und basisdemokratischen Verfahren Beschlüsse gefasst werden, die oft schon einen Tag später einem Sachzwang oder einem Kompromiss zum Opfer fallen.

Wer Jugendorganisationen nur als Plakatklebetruppe für die Wahlkämpfe verwendet ohne ihnen eine echte Teilhabe im Parteileben zu ermöglichen, bekommt langfristig ein Problem. Keine Frage also, dass sich die etablierten Parteien bewegen müssen und Strukturreformen dringend nötig sind. Nicht nur in den beiden etwas eingestaubten Volksparteien, auch bei den vermeintlich hippen Grünen oder der „innovativen" Linkspartei mit ihren Strukturen, die deutlich älter erscheinen als die Partei selbst.

Wer unser Parteiensystem ablehnt, muss sich fragen was die Alternative ist

Bei allem Verständnis für eine gewisse Skepsis gegenüber Parteien sollte man sich jedoch klar machen, dass das ewige Jammern und die Pauschalisierungen nichts bringen. Wer unser Parteiensystem ablehnt, muss sich fragen was die Alternative ist. Und dass die „Alternative" für Deutschland nicht in einem braunen, „Wir-sind-das-Volk"-schreienden Mob bestehen kann, der Hass auf Fremde zur obersten Staatsdoktrin erklärt und über Schießbefehle auf Schutzsuchende debattiert, sollte uns allen klar sein.

Wer wirklich denkt, nicht zur Wahl gehen zu müssen oder seine Stimme an eine rechtspopulistische Partei wegwerfen zu können, verkennt die ernste Lage in diesem Land. Demokratie lebt von Demokratinnen und Demokraten und sie stirbt, wenn sich kein Mensch mehr für sie interessiert. Wer es immer noch als selbstverständlich erachtet, dass das Staatsoberhaupt aus einer freien Wahl hervorgeht, sollte sich mit einem Geflüchteten aus Syrien oder Eritrea unterhalten.

Wer sich auf die Suche nach der perfekten Partei begibt, kann also nur enttäuscht werden.

Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf. Das ist kein platter Spruch, sondern eine der wichtigsten Lehren, die wir aus dem letzten Jahrhundert ziehen sollten. Natürlich gibt es nicht „die" perfekte Partei. Die politische Haltung eines Menschen ist wie ein Fingerabdruck und es wird kaum zwei Menschen auf der Welt geben, die zu jeder einzelnen politischen Frage komplett einer Meinung sind. Wer sich auf die Suche nach der perfekten Partei begibt, kann also nur enttäuscht werden.

Es geht um verschiedene Grundwerte, um verschiedene Gesellschaftsentwürfe und darum, sich mit anderen Menschen in einer Partei zusammen zu finden, die die eigenen Ideen am ehesten vertritt. Wir sollten alle diejenigen Lügen strafen, die unserer Generation den Stempel „unpolitisch" aufdrücken wollen. Wir sind viel politischer, als es so manchen Leuten lieb ist und es wird Zeit, dass wir das auch zeigen. In diesem Sinne: tretet in die Parteien ein, bringt euch ein, verändert die verstaubten Strukturen und zuallererst: Geht wählen!

Auch auf HuffPost:

Angst vor den Rechtspopulisten: Jeder zehnte AfD-Wähler hält die Partei für verfassungsfeindlich

Lesenswert:

Gesponsert von Knappschaft