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Was ich als älterer Angestellter von meinem jungen Chef gelernt habe

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STARTUP OLD
BraunS via Getty Images
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Mit 48 Jahren beschloss ich, meinen Job zu kündigen und mir eine neue Herausforderung zu suchen. Das Startup, für das ich in London gearbeitet hatte, war von einer größeren Firma akquiriert worden. Aber für ein großes Unternehmen zu arbeiten, kam für mich nicht mehr in Frage. Dafür macht mir die Arbeit in Startups einfach zu viel Spaß.

Kurze Zeit später traf ich auf Raghu. Er hatte einen alternativen Taxi-Service namens TFS gegründet, der ähnlich funktioniert wie Uber in Amerika. Raghu war damals 32 Jahre alt.

Zwar hatte ich immer gerne mit jungen Menschen gearbeitet, mit einem jüngeren Chef hatte ich jedoch noch keine Erfahrung gemacht. Ich muss gestehen, dass ich einige Vorbehalte hatte, für jemanden zu arbeiten, der 16 Jahre jünger ist als ich - obwohl ich nur gute Dinge über TFS und Raghu gehört hatte.

Trotzdem versuchte ich, möglichst offen in das erste Gespräch zu gehen. Raghu erklärte mir, welche Ziele sich sein Startup gesetzt hat. Nachdem wir uns über die Branche ausgetauscht hatten, sagte er plötzlich: "Ich habe viel von dir gehört und ich bin nicht sicher, ob ich kompetent genug bin, ein Bewerbungsgespräch mit dir zu führen. Aber ich würde mich freuen, wenn du zu uns kämst."

Was ich von Raghu gelernt habe

Natürlich war unsere kurze Unterhaltung bereits das Bewerbungsgespräch, aber es schmeichelte mir, wie er es ausdrückte. Am nächsten Tag fing ich bei TFS an.

Insgesamt habe ich zwölf Monate für Raghu gearbeitet, bis TFS ebenfalls mit einem größeren Unternehmen zusammengelegt wurde. Es waren die spannendsten zwölf Monate meines gesamten Berufslebens.

Das habe ich in meiner Zeit unter Raghu gelernt:

Wer viele Jahre im Berufsleben gestanden hat, weiß, welche Fehler Unternehmen häufig machen und will vermeiden, dass sich diese wiederholen. Dabei vergisst man allerdings oft, dass jede Situation individuell ist und man selten denselben Fehler zweimal macht.

Wenn das Unternehmen sich ausprobieren will und dabei auch Risiken in Kauf nimmt, sollte man diesen Willen daher nicht ausbremsen.

Man sollte sich der Unternehmenskultur so schnell wie möglich anpassen. Wenn vorausgesetzt wird, dass Angestellte auch um 1 Uhr nachts noch Emails beantworten, dann mach es. Stehe einem neuen Job nicht kritisch gegenüber, nur weil du Anderes gewohnt bist.

Wenn es üblich ist, dass die Kollegen nach einem Meeting noch ein Bier zusammen trinken, sollte man sich nicht ausklinken. Es könnte eine gute Möglichkeit sein, sich besser kennenzulernen.

Außerdem ist es nicht gut, wenn man seinen jüngeren Kollegen das Gefühl gibt, dass man sich nicht als Teil ihrer Gemeinschaft sieht. Wenn man sich erstmal als Mitglied in ihrem Club etabliert hat, kann man sich immer noch ein paar Freiheiten rausnehmen, um etwa mehr Zeit für die Familie zu haben.

Gleichzeitig sollte man natürlich beharrlich bleiben, wenn es um grundlegende Dinge geht.

Gerade in der Gründungsphase von Startups ist es nicht unüblich, dass um 22 Uhr noch ein Meeting stattfindet. Oft ist den Gründern nicht bewusst, dass Frauen sich möglicherweise Sorgen darüber machen, wie sie sicher nach Hause kommen.

In so einem Fall kann und sollte man etwas sagen. Zum Beispiel indem man einen Vorschlag macht, wie man die Situation für alle Angestellten angenehmer gestalten könnte.

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Vergiss nicht, dass der Junior dein Vorgesetzter ist. Es ist nicht deine Aufgabe ihn zu verbessern und schon gar nicht solltest du aufgrund deiner Lebenserfahrung versuchen, für ihn zu sprechen. Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, tu es auf diplomatische Weise.

Mehr zum Thema: Warum Unternehmen auf ältere Mitarbeiter nicht verzichten können

Aber vergiss dabei nicht, dass jeder irgendwo unsicher ist, und besonders am Anfang der Karriere.

Oft wissen junge Chefs nicht, wie sie die Probleme, die sich ihnen stellen, am besten angehen sollen. Und oft sind es verhältnismäßig kleine Probleme, zum Beispiel, dass ein unangenehmes Mitarbeitergespräch ansteht. Versuch deinem Chef dabei unter die Arme zu greifen, so gut du kannst.

Jede Altersgruppe ist mit gewissen Vorurteilen belastet. Ältere Angestellte werden oft für träge gehalten. Viele gehen auch davon aus, dass sie sich nicht für neue Trends interessieren. Brich mit dem Stereotyp! Nicht nur wirst du dir den Respekt deiner Kollegen sichern, du wirst dich auch selbst immer wieder neu erfinden und mehr Spaß an der Arbeit haben.

Gib nicht mit deiner Lebenserfahrung an. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass du dich für etwas besseres hältst. Wenn du deine Erfahrung einbringen willst, tu es nicht gleich mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern gib dem jungen Team die Chance, einige Dinge für sich selbst herauszufinden - es sei denn, es steht viel auf dem Spiel.

Glaub nicht, dass du dich auf den Lorbeeren von gestern ausruhen kannst. In einem jungen Unternehmen musst du dich jeden Tag auf's Neue beweisen. Nur weil du gestern gute Arbeit gemacht hast, heißt das nicht, dass du dich heute nicht anstrengen musst, oder dass dein Chef Nachsicht zeigt, wenn du keine 100 Prozent gibst.

Schluck deinen Stolz herunter: Erkenne an, worin dein jüngerer Vorgesetzter gut ist und versuch von ihm zu lernen. Raghus Motivation und Vision so wie sein ermutigender Führungsstil haben vielen seiner angestellten das Gefühl gegeben, dass sie Großes erreichen können.

Für mich persönlich hat die Arbeit in einem jungen Team bestätigt, dass es im Leben nicht darum geht, sich auf seinen Errungenschaften auszuruhen.

Vielmehr geht es darum, bodenständig zu bleiben, sich seine kindliche Neugier zu bewahren. Es geht darum, Ideen auszutauschen, ohne Vorbehalte gegenüber dem Gesprächspartner zu haben und sich und anderen gegenüber einzugestehen, wenn man etwas nicht weiß.

Wenn man sich all diese Dinge vor Augen hält, befreit man sich selbst von einigen selbst-auferlegten Zwängen und findet Freude daran, nochmal von vorne anzufangen.

Dieser Text erschien zuerst auf "Linked In" wurde übersetzt von Anna Rinderspacher.

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