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Spieglein, Spieglein: Warum es wichtig ist, dass wir uns schön finden

17/11/2015 13:15 CET | Aktualisiert 17/11/2016 11:12 CET
Shuji Kobayashi via Getty Images

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Wie viel von der Art der bösen Stiefmutter aus dem Märchen Schneewittchen steckt in Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser?

Haben wir nicht alle eine mehr oder weniger große Übereinstimmung mit dem Verhalten der Stiefmutter? Dabei spielt es keine Rolle, welches Geschlecht oder welches Alter Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, haben.

Wir leben in einem ähnlichen Gefängnis wie die böse Stiefmutter und je länger ich mich mit den nachfolgenden Gedanken beschäftigte, desto klarer wurde mir, wie unheilvoll und gefährlich meine eigenen Stiefmutteranteile sind. Ich bin gespannt, wie viel von der bösen Stiefmutter in Ihnen steckt.

Der Spiegel

Warum hat die böse Stiefmutter einen Spiegel befragt und nicht den König, also ihren Ehemann, eine Freundin oder die Kammerzofe? Ich denke, dass sie eine möglichst objektive Meinung haben wollte.

So schauen auch wir immer wieder in den Spiegel und hoffen auf eine wahrheitsgemäße Antwort. Unsere Freundin oder unser Freund kann uns noch so viel loben oder versichern, dass wir attraktiv seien, glauben können wir es nicht.

Schließlich zeigt uns der eigene kritische Blick in einem Spiegel etwas anderes. Wir geben dem Spiegel eine große Macht über uns und unsere Gefühle. Er bestimmt, ob wir uns gut und uns selber attraktiv fühlen oder ob wir mit Tränen in den Augen den Blick abwenden und uns in das tiefste Erdloch wünschen. Dabei ist das, was wir sehen, alles andere als objektiv.

Die Schönheit

Das, was wir im Spiegel sehen und dann letztlich interpretieren, ist keine objektive Wahrheit sondern das, was wir gelernt haben als schön zu empfinden. In einer anderen Kultur oder in einem anderen Jahrhundert hätten wir eine ganz andere Meinung über uns gehabt. Denken Sie beispielhaft an die Rubens Frauen oder an das Schönheitsideal mancher Völker in Afrika.

Wer definiert was schön ist? Die Medien? Die Bekleidungsindustrie mit ihren Anzeigen in Hochglanzblättern, in denen die abgebildeten Menschen zum Teil so stark retuschiert werden, dass kein Zusammenhang mehr mit dem wahren Aussehen der Person besteht?

Haben wir überhaupt noch eine eigene Meinung was Schönheit bedeutet oder sind wir längst der Werbung zum Opfer gefallen? Auf jeden Fall sind unsere Gedanken und damit auch unsere Meinung infiltriert.

Es muss uns bewusst sein, dass es keine objektive Schönheit gibt und unsere eigene Meinung auch nicht objektiv ist sondern das Produkt aus unzähligen Erlebnissen während unseres Lebens. So hätte auch die Stiefmutter erkennen müssen, dass die Frage "Wer ist die Schönste" objektiv nicht beantwortet werden kann.

Die Spiegelung

Vielmehr hätte der Stiefmutter bewusst sein müssen, dass der Spiegel nur das wieder gibt, was man ihm zeigt. Fühle ich mich unwohl und hässlich, sehe ich einen Menschen, der sich unwohl fühlt und der hässlich ist. Letztlich sehen wir nur eins.

Das Produkt unserer Gedanken. Aber diesen "Mechanismus" können wir auch nutzen, denn wenn ein Mensch in den Spiegel schaut, der sich wohl fühlt und sich vollständig akzeptiert, wird er auch einen Menschen sehen, der sich wohl fühlt und sich akzeptiert.

Die Frage

Also ist die Frage "Wer ist die Schönste" falsch, weil die Stiefmutter damit schon überkritisch in den Spiegel schaute und das Spiegelbild überkritisch antworten musste. Außerdem kann diese Frage, wie oben schon geschrieben, nicht objektiv beantwortet werden.

Der Vergleich

Leider litt die Stiefmutter unter der verrückten Idee, sich mit einem jungen Mädchen vergleichen zu wollen.

Alle Vergleiche führen letztlich entweder zu einem Unwohlsein und damit zu einer Niederlage oder zu einem kurzfristigem, schalen Sieg. Jeder Mensch ist einzigartig. Warum sollte ich mich daher mit einem anderen Menschen vergleichen?

Um festzustellen, dass ich besser, schöner oder reicher bin oder halt schlechter, hässlicher und ärmer? Weder bei einem positiven Ausgang noch bei einem negativen Ausgang habe ich etwas gewonnen. Sie etwa?

Das Land

Die Stiefmutter fragt, "Wer ist die Schönste im ganzen Land?" Auch wir haben unser eigenes Land, d. h. unser eigenes Reich. Das Reich unserer Gedanken. In diesem Reich sind wir der König oder die Königin. Wir bestimmen, wen wir hereinlassen und wie wir die einzelnen Gedanken behandeln.

Sie können nun weiterhin Schönheitsideale zu sich an den Hof einladen und diese Schönheitsideale hoffieren. Sie können sie zu Ihren ganz eigenen Beratern befördern und selber von Tag zu Tag unglücklicher werden. Sie können diese Schönheitsideale aber auch bewusst ablehnen und sie damit aus ihrem Schloss und vielleicht sogar aus ihrem Reich vertreiben.

Es ist Ihr Königreich und Sie bestimmen, ob Sie als Sieger oder Verlierer aus Ihrer ganz eigenen Geschichte herausgehen. Die böse Stiefmutter hat sich mit dem jungen Schneewittchen verglichen und Höllenqualen dadurch erlitten, die sie durch ihren Neid und ihrem Narzissmus selbst verursacht hat.

Die Ableitung

Das ganze Übel begann mit einer Frage. Einer Frage, die so niemals hätte gestellt werden dürfen. Wäre die Stiefmutter mit sich selbst im Reinen gewesen, hätte sie nicht neidvoll auf Schneewittchen schauen müssen.

Statt dem Spiegel diese unglaublich dumme Frage zu stellen, hätte sie ihm sagen sollen, dass sie sich selber liebt und dass sie sich genau so annimmt, wie sie ist. Sie hätte erkennen müssen, dass sie bereits vollständig ist und keines Vergleiches mehr bedurfte.

Vielleicht können wir aus dem Märchen lernen und diesen neuen Aspekt betrachten.

Vielleicht gelingt es Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, wenn Sie das nächste Mal vor einem Spiegel stehen, dass Sie sich an diesen Artikel erinnern und den folgenden Satz zu sich sagen können:

Der Glaubenssatz

Ich liebe mich und nehme mich so an, wie ich bin. Ich bin vollständig und gut.

Sie werden erstaunt sein, was der Spiegel Ihnen antworten wird. Denken Sie bitte daran, der Spiegel gibt nur das zurück, was wir ihm von uns selbst offenbaren.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Quelle: Grimm, Jacob und Wilhelm (o. J.): Schneewittchen, in: Hille u. Partner (Hrsg.) (o. J.): Brüder Grimm: Die schönsten Kinder- und Hausmärchen - Kapitel 150, http://gutenberg.spiegel.de/buch/-6248/150, Zugriff: 05.11.2015.

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