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Shitstorm bei LinkedIn löst Seximusdebatte aus

29/09/2015 12:51 CEST | Aktualisiert 29/09/2016 11:12 CEST
Bloomberg via Getty Images

Wer bestehende internationale Geschäftskontakte pflegen und neue geschäftliche Verbindungen knüpfen möchte, kommt um LinkedIn eigentlich nicht herum. Mit über 300 Millionen registrierten Nutzern in mehr als 200 Ländern ist sie die größte Plattform dieser Art, und laut Alexa gehört sie zu den 20 weltweit meistbesuchten Internetseiten überhaupt.

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Eine LinkedIn-Nutzerin, die 27-jährige Rechtsanwältin und Jura-Doktorandin Charlotte Proudman aus Großbritannien, löste dann aber vor ein paar Wochen einen heftigen Disput um das Thema Sexismus auf der Plattform und sogar in den britischen Medien aus, nachdem sie die Kontaktanfrage eines anderen Juristen öffentlich gemacht hatte.

In der ging es nämlich nicht um ihre berufliche Qualifikation, sondern um ihr angeblich so tolles Profilbild: „Das ist ein umwerfendes Foto. Sie gewinnen den Preis für das beste LinkedIn Profilbild, das ich je gesehen habe."

Ein Sturm im Wasserglas

Proudman wurde wütend, verfasste ein langes Antwortschreiben und veröffentlichte beide Nachrichten (nebst Profilbild des Schmeichlers) auf Twitter mit der Frage „Wie viele Frauen werden auf LinkedIn ihrer körperlichen Erscheinung statt ihrer professionellen Fähigkeiten wegen kontaktiert?" Der Skandal war perfekt.

Dem Verehrer ihres Fotos, der 57-jährige LinkedIn Premium-User Alexander Carter-Silk, schrieb sie übrigens folgendes zurück:

„Ich finde ihre Nachricht beleidigend. Ich bin auf LinkedIn zu professionellen Zwecken, nicht um von sexistischen Männern auf mein Äußeres reduziert zu werden. Die Erotisierung des weiblichen Erscheinungsbildes ist eine Möglichkeit der Machtausübung über Frauen. Es lässt ihre professionellen Eigenschaften verstummen und ihr Aussehen zum Gegenstand werden. [...] Denken Sie zweimal nach, bevor Sie einer Frau (die halb so alt ist wie Sie), eine so sexistische Nachricht schreiben."

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Wegen ihrer Veröffentlichung bei Twitter musste Proudman sich viel Kritik gefallen lassen. Und da im Internet nichts verborgen bleibt, wurde ihr wegen nachgewiesener, ähnlich sexistischer Kommentare auf Facebook vor allem Heuchelei vorgeworfen.

Aber sie erhielt auch Unterstützung. Natürlich waren es vor allem weibliche User, die schrieben, ähnliche LinkedIn-Nachrichten von Männern erhalten zu haben. Nach eigenen Angaben sehen sich nicht wenige Frauen gezwungen, ihre Fotos auszutauschen, um anzüglichen Kontaktanfragen zu entgehen.

LinkedIn auf Abwegen

Historisch gesehen positioniert sich LinkedIn seit seiner Gründung 2003 eher als Gegenpol zu Facebook. Es war und ist technisch betrachtet ein soziales Netzwerk, das aber von seinen Usern grundsätzlich nicht zur freundschaftlichen Verbrüderung genutzt wurde, sondern um Verbindung zu anderen Fachleuten aufzunehmen, sowie um Kontakte zwischen Personalern und Kandidaten zu erleichtern.

So wurde das Profilfoto bei LinkedIn erst 2007 eingeführt, und das zu dem alleinigen Zweck, den Mitgliedern zu helfen, ihre Klassenkameraden, Kollegen und beruflichen Bekannten leichter mit gespeicherten Namen in Verbindung zu bringen.

Das macht Sinn, denn man mag es gutheißen oder nicht: Ein Profil wirkt auf einen Personaler schneller und nachhaltiger, wenn es mit einem aussagekräftigen Foto abgerundet wird. Trotz der klaren Vorteile wurde die Fotofunktion allerdings als soziales Feature erkannt und von LinkedIn-Mitglieder zunächst nur zögerlich genutzt. Auch heute noch gibt es auf dieser Plattform überraschend viele User, vor allem Frauen, ohne Profilbild.

Noch 2007 sagte Adam Nash, ehemaliger Produkt Manager bei LinkedIn, der das Foto-Rollout leitete: "LinkedIn vertrat diese Meinung, die nicht besonders beliebt war, dass die berufliche Identität eine wirklich große Sache ist, die nicht durch persönliche Eigenschaften beeinflusst werden sollte." Man habe wohl auch andere Foto-Optionen in Betracht gezogen, am Ende zumindest damals aber entschieden, sie auf ein kleines Kopfportrait zu beschränken.

Inzwischen können wir auf LinkedIn aber nicht nur ein Profilfoto hochladen, sondern auch ein Coverfoto, in das viel mehr passt als nur unser Konterfei. Der Service hofft, dass das Hinzufügen eines Cover-Fotos seinen Usern helfen könne, aus der Masse „hervorzustechen", wie Vertreter des Unternehmens verlauten ließen.

Das ist ein weiterer Schritt weg von den traditionellen, berufsorientierten Wurzeln des Unternehmens. Denn LinkedIn weiß schließlich schon seit langem, welche Bedeutung Bilder im Allgemeinen und Bewerbungsfotos im Besonderen haben.

Orientierung an Facebook

Der Sinneswandel bei LinkedIn hat wohl weitreichendere Gründe. Denn ganz allgemein können wir heute feststellen, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Netzwerken verwischen, sowohl bei den Features als auch im Design. Das Coverfoto ist nur ein Beispiel: Eingeführt von Facebook 2011, zogen 2013 Google+ und 2014 sowohl Twitter als auch LinkedIn nach.

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Es gilt: Was bei Facebook funktioniert, kann für uns nicht falsch sein. Problematisch an dieser Entwicklung ist, dass die Plattformen auch von den Nutzern kaum noch zu unterscheiden sind, und sich kein Netzwerk mehr durch ein spezielles Design oder bestimmte Funktionen von der Konkurrenz abhebt. Welches Netzwerk sollten wir für welche Zwecke nutzen? Soll ich bei LinkedIn auch meine Freunde einladen?

Diese Frage wird von vielen schon klar mit Ja beantwortet. Anders als beim konservativeren Konkurrenten Xing, ist bei LinkedIn über die letzten Jahre hinweg zu beobachten, dass nutzergenerierte Inhalte immer persönlicher werden, und dass Mitglieder immer häufiger Posts aus dem sogenannten Edutainment-Bereich teilen, wie zum Beispiel schlaue Zitate oder Scherzfragen. Während 2011 noch nahezu 100% der LinkedIn-Mitglieder angaben, die Plattform zu rein geschäftlichen Zwecken zu nutzen, so bestätigte das drei Jahre später lediglich die Hälfte von ihnen.

Weniger ist mehr

Wen wundert es dann, wenn auch LinkedIn-Mitglieder sich gelegentlich im Ton vergreifen? Ob Alexander Carter-Silks Fehltritt auf eine Netzwerk-Verwirrung zurückzuführen ist, wird schwer zu ermitteln sein, aber es stellt sich doch die Frage, ob eine Anmache wie die seinige bei Facebook gepostet kommentarlos durchgegangen wäre. Eines ist aber sicher: Ist die öffentliche Spott- und Hohn-Schlacht erst einmal im Gange, dann kann keiner mehr gewinnen.

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