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Shalom Germania - Die Ausstellung Made in Germany in Tel Aviv

01/07/2015 16:12 CEST | Aktualisiert 01/07/2016 11:12 CEST

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Mein Freund Noam ist begeistert von dieser Stadt, und selbst den Berliner Winter findet er nicht wirklich schlimm. Allerdings hat er ganze vier Monate gebraucht, seiner Großmutter zu beichten, dass er sich entschieden hat, in die deutsche Hauptstadt zu ziehen.

Am Ende hat sie dann doch sanfter reagiert, als er es von ihr erwartet hätte. Safta Ruti, also Oma Ruti, wurde in Frankfurt am Main geboren, und hat Deutschland seit ihrer Flucht als junges Mädchen nie wieder betreten. Und obwohl Ruti fast ihre gesamte Familie im Holocaust verloren hat, meint sie heute, dass die jungen Menschen in der heutigen Bundesrepublik anders seien und man sie ja nicht kollektiv verantwortlich machen könne.

Einen Tag im Jahr seines Umzugs gibt es dann doch noch, an dem Noam unausgesprochene Zweifel beschleichen und vererbte Ängste sich auch ungewollt im Kopf breitmachen: Yom HaShoah, der Holocaust-Tag, der jedes Jahr im Mai begangen wird, und der mit immer wiederkehrender Wucht die Ausmaße jener Hölle vergegenwärtigt.

Keiner kann sich entziehen. 24 Stunden laufen im Fernsehen nur Spielfilme, Dokumentationen und Sendungen zu diesem Thema, und auch wenn sich die Israelis nach den Schweigeminuten, die das Land exakt um 10 Uhr morgens für zwei Minuten lahm legen, überraschend schnell wieder dem täglichen Geschäft zuwenden können, ist die Beklemmung unterschwellig doch ein ständiger Begleiter an diesem Tag. Und jedes Jahr gibt es weniger Menschen, die persönlich Zeugnis ablegen können über das Versagen jeglicher Menschlichkeit. Bald ist der Holocaust Geschichte.

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Das Deutschlandbild im Wandel der Zeit

Auch von den Tätern sind jedes Jahr weniger übrig, und sicherlich ist das einer der vielschichtigen Gründe, warum sich nicht nur Safta Rutis Meinung zu Deutschland in den letzten Jahren gewandelt hat.

Noch in den 90ern war es unter den Israelis weit verbreitet, alles Deutsche zu boykottieren und trotz der unbestreitbaren Qualität leider doch keinen Telefunken-Fernseher, kein Volkswagen-Auto und keine Bosch-Waschmaschine kaufen zu wollen. Deutsch war als hässliche Sprache verpönt, die Deutschen als kleinkariert, obrigkeitshörig und unflexibel verspottet. Die Gesellschaft brauchte diese Ventile noch.

Nur 20 Jahre später steht Deutschland bei den Israelis so hoch im Kurs wie noch nie, kein anderes europäisches Land ist beliebter. Jeder will wenigstens einmal im Schwarzwald und in Berlin gewesen sein, 80 Flüge verbinden beide Länder jede Woche.

Die Menschen sind voll des Lobes für Angela Merkel und ein Volk, das aus Ruinen eine der wichtigsten Industrienationen der Welt gemacht hat. Deutschland wird bewundert. Auf deutsche Geschäftspartner ist Verlass, ebenso wie auf deutsche Backpacker-Gefährten in Nepal. Es werden wieder gemeinsame Erfahrungen gemacht, und diesmal sind es positive.

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Made in Germany

Von diesen gemeinsamen Erfahrungen soll auch die Ausstellung 1965-2015 Made in Germany zeugen, die am 28. Juni in Tel Aviv eröffnet wurde. Im Jubiläumsjahr der deutsch-israelischen Beziehungen dokumentiert sie den Werdegang deutscher Marken und das Konsumverhalten bei deutschen Produkten in Israel in den letzten 50 Jahren.

Die historische Ausstellung zeigt Fotos und Dokumente, aber auch Produkte von damals und heute, die zum Erinnern, Anfassen und Probieren animieren sollen.

Am 29. Juni wird die Ausstellung für Besucher zugänglich sein, und gleichzeitig findet der deutsch-israelische Innovationstag statt, der von den Wirtschaftsministern beider Länder eröffnet und von führenden Technologie-Unternehmen beider Länder bestritten wird. Eine Investorenkonferenz und Workshops gehören auch zum Programm.

Überhaupt wird in beiden Ländern viel informiert und auch gefeiert dieses Jahr. Eine interessante Studie kommt von der deutsch-israelischen Schulbuchkommission, die am 23. Juni auf über 100 Seiten ihre Befunde und Empfehlungen im Auswärtigen Amt in Berlin vorstellte.

Unter dem Motto „Die Bilder des Anderen" wurden zwischen 2011 und 2014 über 400 deutsche und israelische Schulbücher der Fächer Geschichte, Geographie und Sozialkunde im Hinblick auf die Darstellung des jeweils anderen Landes ausgewertet.

Schnelles Fazit für die deutsche Seite: zu stereotyp, zu emotionalisierend, zu massenmedial geprägt in Wort und Bild. Israel werde oft auf den Nahostkonflikt reduziert, die Geschichte Israels, die israelische Zivilgesellschaft und Facetten wie Demografie, Wirtschaft, Wissenschaft und Natur kämen kaum vor.

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Ruti wird wohl nicht kommen

So sieht es übrigens nicht nur in den Büchern aus. Nur gut, dass Safta Ruti nicht wirklich weiß, dass es um das Israel-Bild in Deutschland gar nicht gut bestellt ist. Das Ansehen des jüdischen Staates sinkt bei den Bundesbürgern stetig.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung vom Oktober 2014 haben 48 Prozent der Deutschen eine schlechte Meinung über Israel, und unter den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 54 Prozent.

Das Israel-Bild der Deutschen wird zunehmend bestimmt durch die Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts, und 62 Prozent der Befragten bewerten die israelische Regierung negativ. Das ist wohl verständlich, aber gefährlich wird es dann, wenn Israel und Judentum gleichgesetzt werden.

Wenn deutsche Schüler wieder tumb nachplappern, dass Juden zu viel Einfluss auf der Welt hätten und ihnen zu viele Banken in Frankfurt gehörten. Wenn sich „Scheiß-Jude" als Schimpfwort auf dem Schulhof und „Juden ins Gas" auf der Demo etabliert haben.

Der Spieß der deutsch-israelischen Beziehungen hat sich umgedreht, heute scheinen die Israelis sogar cooler damit umzugehen als wir. Und auch Ruti ist jetzt fast stolz auf ihre AEG Spülmaschine. Aber besuchen wird sie Noam in Berlin wohl trotzdem nicht. Manche Schatten sind einfach zu lang, um sie zu überspringen.

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