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„Wir sind hier nicht auf dem Bazar!"

01/10/2015 08:43 CEST | Aktualisiert 01/10/2016 11:12 CEST

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Gestern hatte meine Freundin Ayse einen kleinen Verkehrsunfall, der eigentlich gar keiner war. Sie hatte beim Einbiegen in eine Straße einen Radfahrer übersehen, der aber noch ausweichen konnte und dann etwas unglücklich zum Stehen kam. Obwohl nichts passiert war, bestand die Begleiterin des Radfahrers darauf, die Polizei zu rufen. Und die traf nach etwa eineinhalb Stunden zeitgleich mit mir ein.

Nach nur ein paar Minuten waren die Fronten geklärt: Der männliche Beamte versuchte mit allen Mitteln, die Version des deutschen Radfahrers zu beweisen, nach der dieser statt auszuweichen direkt in das Auto gefahren war (weshalb ihm dann der ganze Körper schmerzte), während seine Kollegin meiner Freundin mehr Aufmerksamkeit und wohl auch Glauben schenkte.

Im allgemeinen Stimmengewirr und während alle vor Ayses Wagen knieten, um einen sauberen Streifen an der sonst etwas dreckigen Beifahrertür zu begutachten, wurde der Beamte plötzlich unwirsch und fuhr Ayse an: „Nun seien Sie doch mal still, wir sind hier doch nicht auf dem Bazar!"

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Ich war wie vom Donner gerührt und sah mich verwirrt nach allen Seiten um. Aber weder dem Beamten selbst noch den anderen Umstehenden schien seine herablassende und klar fremdenfeindliche Bemerkung Kopfzerbrechen zu bereiten. Nur mir, wie es schien, wurde abwechselnd heiß und kalt. Ich schämte mich so sehr, dass ich die sichtlich angestrengte und glücklicherweise abgelenkte Ayse kaum ansehen konnte.

Ayse (Aische ausgesprochen) ist ein kurdischer Flüchtling. Sie lebt seit sechs Jahren in Berlin und ist eine wirklich tolle Frau. Ihr Sohn ist mit meinem Sohn sehr gut befreundet, und seit ich Ayse kenne, haben es mir besonders ihre Warmherzigkeit, ihre moralische Integrität und ihre Intelligenz angetan. Ayse ist Journalistin von Beruf, den kann sie hier in Deutschland allerdings der fehlenden Sprachkenntnisse wegen nicht ausüben.

Stereotypen bedienen

Währenddessen sitze ich immer noch in der Hocke vor dem Auto, ich bin wütend, und mir geht alles Mögliche durch den Kopf. Ich habe nicht schlecht Lust, den Polizisten auf seine Äußerung anzusprechen, ihn zur Rede stellen. Ihm zu sagen, dass Ayse wohl gebildeter und feinfühliger ist als er, und dass ihr fehlerhaftes Deutsch ihm auch (oder gerade) als Amtsperson nicht die Berechtigung gibt, sie geringschätzig zu behandeln.

Aber auch ich habe ja meine Vorurteile gegen ihn, den Bullen, auch ich bediene Stereotypen. Diese „Bilder in unseren Köpfen" sind hartnäckig und schwer zu ignorieren, denn wir alle teilen Personen in Gruppen ein, und ordnen dann dieser Gruppe Eigenschaften zu. Grundsätzlich hilft uns das bei der Orientierung und Einordnung von Erfahrungen. Und aus dem Vergleich zwischen den einzelnen Gruppen, zwischen „uns" und „denen", identifizieren wir uns mit unserer eigenen Gruppe.

Schwierig wird es, wenn wir die Notwendigkeit verspüren, unsere eigene Gruppe durch die Abwertung der anderen Gruppe aufwerten zu müssen. So funktioniert zum Beispiel Rassismus.

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Eine der einfachsten Gegenüberstellungen ist die der „Deutschen" und der „Ausländer". Und dabei sind wir doch selbst fast überall Ausländer. Das wissen zumindest die, die sich ein wenig bewegt haben auf diesem Planeten und das Ausland nicht nur von einer Pauschalreise her kennen. Trotzdem gehen wir diesen Vereinfachungen immer wieder gerne ins Netz. „Wir" sind ordnungsliebend, fleißig, rechtschaffend und gebildet - die anderen leider nicht. Viele von „uns" sind dabei durchaus mitfühlend, denn oft können „die" ja nichts für ihre unterentwickelten Eigenschaften.

Die richtige Richtung einschlagen

Wer Fremdenfeindlichkeit erfährt, für den manifestiert sie sich meist nicht in großen Gesten und Reden, sondern in den Kleinigkeiten des Alltags. Ein unbedachtes Wort, ein mitleidiger Blick, ein Zögern oder Zucken, eine überhebliche Geste - wer neu ist, entwickelt feine Antennen für die Missachtung anderer.

Aber was gerade in Deutschland passiert, ist eine Chance für uns; eine Chance, mit klischeehaften Fremdbildern aufzuräumen und unsere Angst vor dem Unbekannten zu hinterfragen. Flüchtlinge brauchen weder unsere Missachtung noch unser Mitleid, sie brauchen eine faire Behandlung. Unsere interkulturelle Kompetenz ist jetzt stärker gefragt denn je. Wir alle können lernen, den Menschen in erster Linie als Menschen zu betrachten, egal wo er herkommt und wie gut er Deutsch spricht.

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