Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Tina Kaiser Headshot

Regretting Motherhood. NOT!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2016-09-01-1472766473-4888098-IMG_1489.JPG

Seit etwas mehr als einem Jahr geistert ein neuer Begriff im Mütterkosmos herum, der erst für große Aufruhr und dann für heftige Diskussionen gesorgt hat, die bis heute andauern. "Regretting Motherhood" - das Bedauern der Mutterschaft. Initiiert wurde die Thematik von der israelischen Soziologin Orna Donath, die 2015 eine Studie mit eben genau diesem Titel veröffentlicht hat. Dabei geht es um Mütter, die zwar ihr Kind lieben, es jedoch dauerhaft bereuen, Mutter geworden zu sein und gerne mit dem Vater tauschen würden.

Meine Freundin Olivia hat während ihrer Schwangerschaft die ganze Diskussion verfolgt und sich auch so einige Sorgen gemacht. Seit vier Monaten ist sie nun Mutter eines Sohnes und kann sich nun ein ganz eigenes Bild machen. Sie hat für unseren Blog ihre Gedanken zusammengefasst:

#happymikrokosmos

Habt ihr schon mal von einer Babyklappe gehört? Das ist eine Vorrichtung, bei der Neugeborene anonym abgegeben werden können. Kurz vor der Geburt meines Sohnes hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, ob sie bei mir notwendig werden würde, soviel Angst hatte ich vor diesem neuen Lebensabschnitt.

Und das, obwohl Matheo ein Wunschkind war. Ich war zwar mit dem Vater gerade mal sieben Monate per Fernbeziehung liiert, doch meine biologische Uhr hatte begonnen zu ticken und zwar in einer unüberhörbaren Lautstärke. Wir sind also von der "immer sexy Unterwäsche"-Phase direkt und ohne Umwege in die „bitte massiere meine Wasserfüße"-Phase geschlittert.

Meine Schwangerschaft war nach anfänglicher Übelkeit zwar sehr schön, doch das letzte Drittel haben mir Panikattacken alles vermiest. In guten Tagen hab ich mir eingeredet, dass 18 Jahre doch eigentlich sowieso recht schnell vorbei gehen. Die meiste Zeit jedoch habe ich damit verbracht, nach Vollzeit-Nannys und Ganztagesbetreuungsmöglichkeiten zu suchen.

Passend zum Thema:
Mein Baby führt mich an den Rand der totalen Erschöpfung

Mein Sohn war noch nicht mal auf der Welt und alles drehte sich schon darum, wie ich ihn schnell wieder loswerden könnte. Schuld war eine Debatte, die mir in sämtlichen Frauenzeitschriften begegnete: #regrettingmotherhood. Die #regrettingmotherhood - Mütter sind sich einig, dass sie ihre Kinder lieben, aber eben die Mutterschaft nicht.

Sie wären lieber Väter geworden, meinen sie. Und auch sonst wurde mir von allen Seiten suggeriert, wie anders alles sein wird. „Du wirst froh sein, wenn du mal fünf Minuten in Ruhe duschen kannst" , oder „Lies noch ein Buch, dazu wirst du die nächsten Jahre nicht mehr kommen", solche Sachen sagten alle zu mir!

Nun, da ich seit etwas mehr als vier Monaten Mama bin, kann ich zumindest ein bisschen mitreden. Und allen Frauen, die zögern, oder aus den gleichen Gründen Angst haben, möchte ich hiermit sagen: ES STIMMT NICHT! Oder zumindest muss es nicht immer so sein. Natürlich gibt es große Umstellungen, an die man sich gewöhnen muss und es gibt auch sicher Mütter, die es schwerer haben als andere.

Für mich gilt es aber tatsächlich: Mutter zu sein ist mit Abstand das Beste, was mir je passiert ist! Angesichts des "tabubrechenden" neuen Tenors mag es vielleicht altmodisch klingen, aber die Liebe, die ich für meinen Sohn empfinde, ist so überwältigend und umfassend, dass ich tatsächlich alles für ihn hintenanstellen würde. Nur ist es gar nicht notwendig.

Ich habe viel gelesen in letzter Zeit und dusche gerne ausgiebig. Danke Babyphone! Danke Mutterschutz und Elternzeit! Von einem Café ins nächste zu flanieren und sich langsam ins Muttersein einfinden zu dürfen fand ich herrlich. Natürlich gibt es auch Fälle, bei denen nicht genügend Unterstützung vorhanden ist.

Da müssen noch bessere und modernere Lösungen gefunden werden. Und sicher, wenn man ein besonders anspruchsvolles Baby hat - beispielsweise wenn es dauernd schreit - mag das sehr am Nervenkostüm zerren.

Die Mutterschaft hat meiner Seele etwas mehr Tiefe geschenkt

Bei uns wird zwar auch geweint, aber nicht nur das Baby, sondern auch ich habe in den letzten Monaten mehr Tränen vergossen als sonst. Entweder weil mich dieses Wunder in Form eines kleinen Mini-Menschen immer wieder rührt, oder aber weil ich viel empathiefähiger geworden bin, auch was andere Schicksale betrifft. Die Mutterschaft hat meiner Seele etwas mehr Tiefe geschenkt und dafür bin ich sehr dankbar.

Es ist nicht so, dass mein Leben davor nur von Oberflächlichkeiten geprägt war, aber ich war schon ziemlich flatterhaft: ständig auf Reisen, jeden Abend unterwegs und überhaupt bin ich ein sehr freiheitsliebender Mensch. Ich dachte, wie soll ausgerechnet ich es bloß aushalten, ständig einen kleinen Begleiter zu haben! Und nun? Ich halte es wunderbar aus.

Ich vermisse ihn sogar, kaum hab ich ihn ins Bett gebracht. Mit ihm zusammen zu sein heißt, plötzlich alles aus einer anderen Perspektive zu sehen. Zu erleben, wie dein Kind die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut fühlt, einen Windzug, Sand - und somit irgendwie alles selbst nochmal zum ersten Mal erleben zu dürfen macht den Tag mit einem Baby alles andere als debil. Früher hab ich viel öfter sinnentleerte Tage durchhalten müssen, gelegentlich an der Seite selbsternannter Genies.

Vielleicht könnte es sich jetzt so anhören, als wäre ich eine Symbiose mit einem Säugling eingegangen und würde mich nur noch ums Kind drehen. Klar, er ist bestimmt ein Mittelpunkt in meinem Leben. Aber ich habe in den letzten Wochen mehr denn je Dinge realisiert, die ich mir seit Jahren vornehme. Ein Kind lässt dich Prioritäten neu setzen - ich verschwende weniger Zeit mit Dingen, die mich im Grunde nicht interessieren und bin effektiver.

Wenn ich arbeite, was ich schnell wieder anfangen konnte, dann kurz, konzentriert und gründlich. Natürlich vermisse ich ein wenig den Feierabend in einer guten Bar. Aber das habe ich fast 20 Jahre sehr exzessiv betrieben, da kann ich ein knappes Jahr weniger Baraufenthalte schon verkraften.

Mütter müssen sich einfach frei machen von den Erwartungen und Bewertungen anderer

Ich wäre auch nicht lieber Vater geworden. Ich habe zwar einen großartigen Freund, der seinen Sohn genauso um- und versorgen kann wie ich. Aber er kann nicht stillen und ich liebe die Zweisamkeit des Stillens, ich finde es archaisch und ursprünglich, das erdet mich. Aber das ist etwas Persönliches und ich kann genauso gut die Vorteile des Nicht-Stillens verstehen.

Mütter müssen sich einfach frei machen von den Erwartungen und Bewertungen anderer. Es ist genauso okay nicht zu stillen, jeder muss für sich entscheiden, ob Globuli oder Pharmazeutika und genauso ist es okay wieder zu arbeiten oder eben nicht zu arbeiten. Ich hab mir da totalen Druck gemacht, damit ich mir den Schuh des Hausmütterchens nicht anziehen muss.

Dabei sollte einfach jede Mutter frei und individuell selbst gestalten können, wie es für ihren Lebensstil eben passt. JEDE Mutter möchte das Beste für ihr Kind und wird es auch instinktiv machen, die Kommentare können sich Besserwisser sparen.

Ich will auf keinen Fall implizieren, dass nur Kinder einen glücklich machen. Es ist einfach nur so, dass es das Natürlichste der Welt ist und es keinen Grund gibt, Angst zu haben.Wenn mein Sohn lacht, dann ist das, wie wenn ich alle Highlights meines Lebens addiere und mal 10 multipliziere. Und mein Sohn lacht sehr oft.

Es gibt auch wenig Schlaf und mal etwas Chaos aber - mal ehrlich - das weiss man doch vorher und es ist total ertragbar. Es ist auch vollkommen verständlich von seinem Kind mal genervt zu sein, aber BEREUEN? Ich finde es schon sehr ungerecht den Kindern gegenüber, die sich das ja nicht ausgesucht haben, geboren zu werden (okay, Esoteriker haben sicher eine andere Theorie aber das ist ein anderes Thema).

Es passt zu unserer Tinder-Welt, in der man alles, was nicht passt, einfach wegwischt. Doch ist das Bewältigen von Herausforderungen nicht das, was das Leben ausmacht? Ja, es stimmt, dass man einige Abstriche macht, wenn man Mutter wird. Konkret heißt das bei mir: ich gehe abends weniger aus. Und wäre mir das Ausgehen momentan sehr wichtig, wäre auch das möglich.

Mir persönlich hat es nicht geschadet mich weniger um mich selbst zu drehen. In dem Jahr, bevor ich Mutter wurde, hatte ich es beruflich mit einigen Idioten zu tun. Ich habe gelitten und mich selbst bemitleidet. Jetzt wünschte ich mir ich könnte einen Deal eingehen: Dass ich meinetwegen immer wieder Konfrontationen solcher Art erlebe, es aber dafür meiner kleinen Familie gut geht.

Kinder halten uns Erwachsenen den Spiegel vor

Denn das einzig "Negative", was nun einmal dazugehört, wenn man ein Kind in die Welt setzt, ist diese grenzenlose Angst, ihm könnte was passieren. Diese Sorge, die einem, wenn man nur eine Sekunde daran denkt, den Atem stiehlt und schwer schlucken lässt. Deshalb nicht daran denken. Lieber vom Baby lernen.

Gerne würde ich mir eine Scheibe abschneiden von seiner Güte, seiner Größe und seiner Wahrhaftigkeit. Ich möchte jeden Tag genießen, jede Minute und jede Sekunde neben diesem Buddha-Wesen, das vorurteilsfrei und neugierig jeden anstrahlt. Kinder halten uns Erwachsenen den Spiegel vor, ohne Vorwürfe zu machen (zugegeben: das nur, solange sie nicht sprechen können). Kinder lernen uns vor allem zu lieben. Und Liebe ist wohl mit das Wichtigste, was unsere Welt gerade braucht.

Zur Autorin:

Olivia Retzer, 35, ist eine der erfolgreichsten Cutterinnen Deutschlands. So ist sie beispielsweise für den Schnitt von Filmen wie „What a Man", „Friendship" oder „Alles ist Liebe" verantwortlich. Seit kurzem ist sie auch noch als Drehbuchautorin tätig. Beruflich wie privat ist Olivia kreativ-chaotisch, hat das Herz immer am rechten Fleck und mag vieles, aber keine Ungerechtigkeit oder Intoleranz. Sie wohnt in Berlin und Wien und man trifft sie sowohl auf dem Deutschen Filmpreis (Olivia ist Mitglied der Deutschen Filmakademie) als auch in einer abgeranzten Bar, in der das Bier einen Euro kostet.

Im März 2016 kam ihr Sohn Matheo auf die Welt. Seitdem kann sie effektiver arbeiten, hat gelernt, Prioritäten zu setzen und überhaupt hat sie festgestellt, dass man keine Angst davor haben muss, Mutter zu sein. Im Gegenteil: es ist einfach das schönste Gefühl auf der Welt, ein Kind zu haben.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf http://www.mommiesusesidedoor.de.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: