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Liebesbrief an meine Tochter

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUTTER KIND
Tina Kaiser
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Liebe Liv,

vergangene Woche gab es einen Tag, der war nicht unser Tag. Die Nacht war kurz, Du hast nicht gut geschlafen und am Morgen, als ich müde im Bett gemütlich meinen Kaffee trinken wollte, hast Du mir permanent an den Haaren gezogen. Warst irgendwie anstrengend. Das Brei-Essen lief auch schon mal besser, an diesem Tag ist der meiste Brei auf dem Boden und auf meinem weißen Oberteil gelandet.

Beim Windeln wechseln hast Du gepinkelt, danach wolltest Du Dich partout nicht anziehen lassen und irgendwann hat es mir gereicht und ich habe Dich böse angeschaut und Dich richtig laut angeredet, ja schon fast angeschrien. Dass Du jetzt Ruhe geben sollst und es jetzt Schluss mit lustig ist. Du hast mich ganz entsetzt angeschaut und angefangen zu weinen.

Daraufhin habe ich Dich getröstet und mir gedacht, dass das irgendwie nicht unser Tag ist. Später habe ich dann einen Bericht über einen afghanischen Flüchtling gelesen, der auf der Flucht sowohl sein zwei Jahre altes Kind als auch seine schwangere Frau verloren hat.

Sein Kind ist vor Kälte gestorben. Sechs Stunden hat er es noch versucht, es zu wärmen und am Leben zu halten bis er irgendwann den leblosen Kinderkörper in den Händen gehalten hat.* Ich habe die Geschichte zu Ende gelesen und daraufhin war mir schlecht. Richtig schlecht.

Ich habe mich sowohl über uns Menschen geärgert, dass wir zulassen, dass so etwas Furchtbares passiert. Dass wir nichts unternehmen, um diese Menschen zu schützen, ihnen zu helfen. Dafür sorgen, dass keine weiteren Kinder und schwangeren Frauen mehr sterben müssen.

Ich habe mich aber auch über mich geärgert. Dass ich vergessen habe, wie privilegiert ich bin, ein Kind zu haben, das gesund ist und in einer sicheren Umgebung aufwachsen darf.

Und ich habe mich dafür geschämt, dass ich Dich angemotzt habe. Dafür gesorgt habe, dass Du vielleicht Angst bekommst und Dich nicht wohl fühlst. Ohne zu überlegen, ob es vielleicht die Zähnchen sind, die Dir das Leben gerade schwermachen. Oder ob Du einfach Bauchweh hast. Ich habe einfach vergessen, dass ich unheimlich froh sein kann.

Liebe Liv. Du darfst weiterhin an meinen Haaren ziehen. Mir den Brei über mein Shirt schütten. Pipi machen beim Wickeln. Meckern, wenn die Zähne kommen. Laut schreien, wenn Du schlecht geträumt hast. Meine Handtasche ausräumen.

Motzen, wenn Dir langweilig ist und Du bespaßt werden möchtest. Dich wehren, wenn ich Dir Deine Socken anziehe. Das Bad unter Wasser setzen, wenn Du gebadet wirst. Mir mein Smartphone klauen während ich meine Mails beantworte.

Denn Liv bedeutet übersetzt soviel wie Leben. Und meckern, schreien, motzen, anstrengend sein gehört genauso zum Leben dazu wie kuscheln, knutschen, lachen oder einfach nur süß schlafen. Das Leben besteht aus mehreren Facetten.

Und oftmals sind es gerade die anstrengenden Momente und die, welche einfach nicht so rund laufen wie man es gerne hätte, die später die besten Geschichten ergeben.

Darum liebe Liv: LEBE. Hab Spaß, bau Mist, stell Unsinn an und mach das, worauf Du Lust hast. Hauptsache Du bist glücklich und frei.

Happy 8 Monate liebe Liv.

Deine Mama.

* Für alle, die es interessiert: Hier ist der Bericht über Waris Aslami, den ich oben erwähnt habe.

Die Autorin betreibt den Blog Mommies Use Side Door.

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