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Es passiert nicht alles aus einem Grund

22/01/2016 07:53 CET | Aktualisiert 22/01/2017 11:12 CET
Gettystock

Nach dieser Unterhaltung bin ich sprachlos. Ich habe es schon Millionen Mal gehört und trotzdem trifft es mich jedes Mal wieder.

Ich höre einem Mann zu, der eine Geschichte erzählt. Eine Bekannte von ihm geriet in einen verheerenden Verkehrsunfall und ihr Leben lag von einem Moment zum nächsten in Trümmern. Jetzt hat sie fast ständig Schmerzen und ist querschnittsgelähmt. Viele ihrer Träume sind zerbrochen.

Er erzählt, dass ihr Leben vor dem Unfall ein einziges Chaos war und dass das Unglück ihr Leben zum Positiven verändert hat. Und dass sie jetzt, nachdem alles zerstört wurde, ein tolles Leben führt.

Und dann spricht er sie aus. Die Worte, die nichts anderes erzeugen als emotionale, geistige und seelische Gewalt:

Alles passiert aus einem bestimmten Grund. Dass dies passieren musste, damit sie daran wachsen kann.

Genau dieser Schwachsinn zerstört Leben. Und er ist überhaupt nicht wahr.

Es erstaunt mich immer wieder, dass so viele dieser Mythen noch immer bestehen - und das ist auch der Grund, weshalb ich in meinem kostenlosen Newsletter leicht umsetzbare Wege und Strategien zum Umgang mit Schmerz erläutere.

Diese Mythen sind nichts anderes als unter dem Deckmantel von Weisheit versteckte Binsenweisheiten, die uns davon abhalten, das einzig Richtige zu tun, das wir tun müssen, wenn unser Leben aus den Fugen gerät: trauern.

Du weißt bestimmt, was ich meine. Du hast die Wörter unzählige Male gehört. Vielleicht hast Du sie sogar selbst schon ab und zu in den Mund genommen. Und jedes einzelne davon muss ausgemerzt werden.

Um es einmal klipp und klar zu sagen: Wenn Du selbst etwas Schlimmes erlebt hast und jemand auf egal welche Art, Weise oder Form zu Dir sagt, dass dieses Unglück geschehen musste, dass es aus einem bestimmten Grund passiert ist, dass es Dich zu einem besseren Menschen machen wird oder dass Du es lösen kannst, wenn Du die Verantwortung dafür übernimmst, hast Du jedes Recht, dieser Person die Freundschaft zu kündigen.

Trauer ist extrem schmerzhaft. Trauer erlebst Du nicht nur, wenn jemand stirbt. Du trauerst, wenn Beziehungen zerbrechen. Du trauerst, wenn Deine Pläne scheitern. Du trauerst, wenn Deine Träume zerbrechen. Du trauerst, wenn Krankheiten Dein Leben zerstören.

Deshalb wiederhole ich jetzt ein paar Worte, die ich bereits unzählige Male gesagt habe. Worte, die so kraftvoll und ehrlich sind, dass sie jeden Idioten, der die Wichtigkeit von Trauer in Frage stellt, von seinem hohen Ross holen werden:

Manches im Leben kann man nicht wiedergutmachen. Man kann nur lernen, damit zu leben.

Diese Worte stammen von meiner lieben Freundin Megan Devine, eine der einzigen Autorinnen zum Thema Verlust und Trauer, deren Meinung ich teile. Diese Worte sind so ergreifend, weil sie sich auf genau diese erbärmlichen Binsenweisheiten beziehen, in die unsere Gesellschaft sich immer hoffnungsloser verstrickt.

Ein Kind zu verlieren, kann nicht wiedergutgemacht werden. Mit einer schweren Krankheit diagnostiziert zu werden, kann nicht wiedergutgemacht werden. Von deinem engsten Vertrauten betrogen zu werden, kann nicht wiedergutgemacht werden.

Man kann nur lernen, damit zu leben.

Ich sage das nur äußerst ungern, aber auch wenn Zerstörung zu Wachstum führen kann, ist das oft nicht der Fall. Die Wahrheit ist, dass sie oft Leben zerstört. Und das Schlimmste daran ist, dass das genau dann passiert, wenn Trauer durch gute Ratschläge ersetzt wird. Durch Binsenweisheiten. Wenn wir nicht da sind.

Ich führe mittlerweile ein sehr außergewöhnliches Leben. Ich hatte sehr viel Glück, denn in meiner Vergangenheit boten sich mir unglaublich tolle Gelegenheiten und ich konnte mir ein extrem unkonventionelles Leben aufbauen.

Und gerade angesichts dieser Aussage meine ich es völlig ernst wenn ich sage, dass gerade Verlust mich nicht zu einem besseren Menschen gemacht hat. In Wahrheit hat Verlust mich eher verhärtet.

Große Verluste haben mir zwar dabei geholfen, mehr Bewusstsein und Einfühlungsvermögen für die Schmerzen anderer zu entwickeln, jedoch habe ich mich dadurch auch mehr abgeschottet und versteckt. Ich bin in meiner Meinung über die Natur des Menschen zynischer geworden und bin ungeduldiger mit Leuten, die nicht wissen, was Verlust mit Menschen machen kann.

Außerdem verfolgt mich schon mein ganzes Leben lang ein starkes Schuldgefühl, weil ich überlebt habe. Dieses Schuldgefühl ist der wahre Grund, weshalb ich mich verstecke, mich selbst sabotiere und warum ich innerlich zerrissen bin.

Kurz gesagt wurde mein Schmerz nie ganz ausgelöscht, ich habe lediglich gelernt, ihn auf die Arbeit mit anderen zu lenken. Ich sehe es als großes Privileg, mit anderen Menschen, die etwas Schmerzhaftes erlebt haben, arbeiten zu dürfen.

Doch wer sagt, dass die Verluste, die ich erlitten habe, irgendwie passieren mussten, damit meine Fähigkeiten wachsen konnten, trampelt auf den Erinnerungen an diejenigen, die ich viel zu früh verloren habe, herum; auf alle jenen, die unnötig leiden mussten und all jenen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben wie ich in jungen Jahren und die es nicht geschafft haben.

So etwas tue ich nicht. Ich spinne mir nicht einfach eine irrsinnige Lügengeschichte zusammen, damit ich mich besser damit fühle, dass ich noch am Leben bin. Ich gehe nicht einfach davon aus, dass es Gottes Wille war, dass ich am Leben bleibe während all die anderen sterben mussten, nur damit ich danach machen kann, was ich jetzt mache.

Und ich werde auf keinen Fall so tun, als hätte ich es nur geschafft, weil ich stark genug war; dass ich „erfolgreich" war, weil ich „die Verantwortung übernommen" habe.

Im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung gibt es viele Sprüche im Sinne von „Verantwortung übernehmen" und die meisten davon sind Unsinn. Man sagt anderen, dass sie Verantwortung übernehmen sollen, wenn man sie gar nicht verstehen will.

Denn jemanden zu verstehen ist schwieriger, als sich aufzuspielen. Anderen zu sagen, dass sie für ihre Verluste „Verantwortung übernehmen" müssen ist eine Art mildtätige Selbstbefriedigung. Es ist das Gegenteil von Motivation: es ist Scheinheiligkeit.

Persönliche Verantwortung zu übernehmen setzt voraus, dass es etwas gibt, wofür man Verantwortung übernehmen kann. Man übernimmt keine Verantwortung dafür, dass man vergewaltigt wurde oder dass man sein Kind verloren hat.

Man übernimmt Verantwortung dafür, wie man sein Leben gestaltet, nachdem einem etwas Schreckliches zugestoßen ist, doch man sucht sich Trauer nicht aus. Dazu sind wir nicht klug oder mächtig genug. Wenn wir durch die Hölle gehen müssen, kommen wir um Trauer nicht herum.

Und aus diesem Grund sind all die Binsenweisheiten und Ratschläge und das Getue so gefährlich: wenn wir damit auf die Menschen losgehen, von denen wir behaupten, dass wir sie lieben, dann nehmen wir ihnen dadurch ihr Recht zu trauern.

Durch dieses Verhalten nehmen wir ihnen das Recht, menschlich zu sein. Wir nehmen ihnen einen Teil ihrer Freiheit, vor allem dann, wenn sie sich gerade in einem Zustand äußerster Zerbrechlichkeit und Verzweiflung befinden.

Niemand - wirklich niemand - hat das Recht dazu. Auch wenn wir ständig so tun als ob wir es hätten.

Das Ironische daran ist ja, dass zu trauern das einzig „Verantwortungsbewusste" ist, das man im Falle eines Verlustes tun kann.

Wenn Dir also jemand sagt, dass Du darüber hinwegkommen, weitergehen oder darüber stehen sollst, kannst Du die Person gehen lassen.

Wenn jemand Dir in Deiner Trauer aus dem Weg geht oder so tut, als wäre es nie geschehen oder aus Deinem Leben verschwindet, kannst Du die Person gehen lassen.

Wenn jemand zu Dir sagt, dass nicht alles verloren ist, dass es aus einem bestimmten Grund passiert ist und dass es Dir durch deine Trauer später besser gehen wird, kannst Du die Person gehen lassen.

Ich wiederhole es noch einmal: all diese klugen Sprüche sind Schwachsinn.

Du bist nicht verantwortlich für die Leute, die Dir diese Sprüche aufzwingen wollen. Lass sie gehen.

Ich sage nicht, dass Du das tun musst. Die Entscheidung liegt bei Dir, ganz allein bei Dir. Es ist keine leichte Entscheidung und sie sollte mit Sorgfalt getroffen werden. Doch ich will, dass Du weißt, dass Du es tun kannst.

Ich habe in meinem Leben schon oft getrauert. Ich war so überwältigt von extremer Scham und Selbsthass, dass ich mich beinahe umgebracht hätte.

Wer mir geholfen hat - wer mir wirklich geholfen hat - waren die Menschen, die da waren. Und einfach gar nichts gesagt haben.

Durch dieses Nichtstun taten sie alles.

Ich bin hier - ich bin am Leben - weil sie sich dafür entschieden haben, mich zu lieben. Sie liebten mich durch ihr Schweigen, durch ihre Entschlossenheit, gemeinsam mit mir zu leiden, an meiner Seite und durch mich.

Sie liebten mich durch ihren Wunsch, sich ebenso schlecht zu fühlen wie ich, so kaputt zu sein wie ich, wenn auch nur für eine Woche, eine Stunde oder sogar nur für ein paar Minuten.

Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie unglaublich kraftvoll das ist.

Kann man in völliger Zerstörung auch „Heilung" finden? Ja. Kann man sich durch schwere Schicksalsschläge „verwandeln"? Auf jeden Fall. Doch das passiert nicht, wenn ein Mensch nicht trauern darf. Denn Trauer an sich ist nicht das Problem.

Die Schwierigkeiten kommen erst später. Die Frage, wie wir unser Leben führen wollen; wie wir mit unserem Verlust umgehen; wie wir uns etwas Neues aufbauen können. All das kommt erst nach der Trauer. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Trauer ist fester Bestandteil menschlicher Erfahrungen. Wenn sie nicht ausgelebt werden darf, zerstört sie alles Übriggebliebene: die zerbrechliche, verletzbare Hülle, zu der Du nach einem Unglück wirst.

Und dennoch wird in unserer Gesellschaft Trauer als ein Problem gesehen, das gelöst werden muss. Eine Krankheit, die geheilt werden muss. Oder beides. Dabei tun wir, was wir können, um Trauer zu vermeiden, zu ignorieren und in etwas anderes zu verwandeln. Und so kommt es, dass man, wenn man einen Schicksalsschlag erlitten hat, plötzlich nicht mehr von Menschen umgeben ist, sondern von klugen Sprüchen.

Was besser hilft

Wenn ein Mensch vor Kummer am Boden zerstört ist, helfen ihm gute Ratschläge am allerwenigsten. Die Welt dieses Menschen ist gerade zusammengebrochen. Das heißt, dass er ein großes Wagnis eingeht, wenn er jemanden - egal wen - in seine Welt einlädt.

Zu versuchen, alles in Ordnung zu bringen oder ihm mit Vernunft zu kommen oder seinen Schmerz wegzuspülen, macht nur noch alles viel schlimmer für ihn.

Stattdessen ist das Wirksamste, was Du für diesen Menschen tun kannst, seine Gefühle anzuerkennen. Sage wortwörtlich zu ihm:

Ich erkenne Deinen Schmerz an. Ich bin bei Dir.

Beachte, dass ich bei Dir sagte, nicht für Dich da. Für würde bedeuten, dass Du etwas tust. Das kannst Du nicht. Doch Du kannst dem geliebten Menschen beistehen, mit ihm leiden, ihm zuhören. Alles zu tun, ohne dabei etwas zu tun, ist unglaublich wirksam.

Es gibt nichts Besseres, als Akzeptanz zu zeigen. Und für Akzeptanz braucht man keine Übung, keine besonderen Fähigkeiten, keine Erfahrung. Man braucht lediglich den Willen, einer verletzten Seele beizustehen und bei ihr zu bleiben, so lange es nötig ist.

Sei da. Sei einfach da. Geh nicht weg, wenn Du Dich unwohl fühlst oder den Eindruck hast, dass Du nichts tun kannst. Gerade dann, wenn Du Dich unwohl fühlst und glaubst, dass Du nichts tun kannst, solltest Du bleiben.

Denn an genau diesem Ort - in den Tiefen des Schreckens, in die wir nur äußerst selten vordringen - kann man Heilung finden. Diese Heilung können wir nur finden, wenn wir jemanden haben, der bereit ist, uns an diesen Ort zu begleiten. Jeder Trauernde auf dieser Welt braucht solche Menschen.

Und deshalb bitte ich Dich, ich flehe Dich an, sei einer dieser Menschen.

Du wirst mehr gebraucht, als Du Dir vorstellen kannst.

Und falls Du selbst einmal solche Menschen brauchst, dann suche nach ihnen. Ich verspreche Dir, es gibt sie.

Alle anderen können gehen.

Dieser Blog ist ursprünglich bei The Adversity Within erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Folgt Tim Lawrence bei www.facebook.com/theadversitywithin.

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