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Ich habe 2 Monate in einem sächsischen Dorf gewohnt – jetzt verstehe ich, was Deutschland zerreißt

29/11/2017 09:50 CET | Aktualisiert 29/11/2017 12:27 CET

Oben im Video erkläre ich, warum selbst ich als AfD-Gegner verstehe, warum Menschen in Sachsen die Alternative für Deutschland wählen.

Als ich meinen Freunden und Kollegen in München erzählt habe, dass ich für ein Uni-Projekt knapp zwei Monate nach Sachsen ziehen werde, habe ich eigentlich immer die gleichen Reaktionen bekommen:

"Oh, du Armer, da will doch niemand hin" oder "Na viel Spaß, da oben wirst du dich ordentlich langweilen", um nur ein paar wenige Kommentare zu nennen.

Wird es wirklich so schlimm, wie alle sagen?

Obwohl ich mich überraschen lassen und objektiv in die kommenden zwei Monate gehen wollte, habe ich mich immer wieder erwischt, wie mir die Vorurteile in den Kopf schossen.

Zerfallene Häuser, kaputte Straßen und leergefegte Ortschaften. Ja, ich gebe zu - genau das habe ich erwartet und leider wurde ich nicht enttäuscht ...

Betreten verboten - Lebensgefahr!

Direkt an meinem ersten Tag fiel mir auf, wie leer der 9000-Seelen-Ort Hainichen eigentlich war. Ich fuhr an einer ehemaligen Molkerei vorbei und gefühlt vor jedem zweiten Haus stand ein Schild mit der Aufschrift "Betreten verboten - Lebensgefahr".

Als ich meine Koffer aus dem Auto räumte, bemerkte ich, dass ein etwa 70-jähriger Mann mich durch sein Fenster beobachtete und immer wieder an dem orangefarbenen Vorhang vorbei lugte.

Ich konnte fast schon spüren, dass hier neue und vor allem junge Bewohner nicht so oft gesehen werden.

Der DDR-Geist ist allgegenwärtig

Ich bin nach dem Mauerfall geboren und kenne die DDR also nur aus dem Geschichtsunterricht. Doch die identischen Häuser und die Struktur des gesamten Dorfes haben den DDR-Geist wohl nie verloren.

Im Laufe der Zeit habe ich aber die Menschen kennengelernt. Ich habe mit ihnen geredet und erkannt, dass das Vorurteil der "rechtsradikalen Ostdeutschen" nicht zutrifft.

Denn wer - wie ich - von AfD-Sympathisanten verlangt, nicht zu pauschalisieren, der muss dann selber auch hinter die Fassade schauen.

Es sind Familien, Menschen wie du und ich, die einfach nur ein glückliches Leben haben möchten. Menschen, die aber durchgehend mit den Vorurteilen der Westdeutschen zu kämpfen haben.

Jetzt kann ich verstehen, warum die Menschen hier AfD wählen

Ich stehe dazu, dass ich meinen Wahlzettel lieber zerreißen, als mein Kreuz bei der AfD setzen würde. Umso schwerer ist es mir gefallen, zu verstehen, wie die Alternative für Deutschland so erfolgreich sein kann.

Aber nun - nach zwei Monaten in Sachsen - kann ich sagen: Ja, ich verstehe es, warum Menschen dort die Alternative für Deutschland wählen.

Aber gleichzeitig bin ich traurig und wütend, dass es so weit kommen musste. Und dass die Menschen früher oder später verstehen müssen, dass die AfD nicht besser ist als die anderen Parteien.

Viel früher hätte man erkennen müssen, dass eine Partei versucht, sich die Ängste und Hoffnungen der Menschen zunutze zu machen und mit pauschalen Äußerungen auf Stimmenfang geht.

Der Erfolg der AfD ist das Armutszeugnis der anderen Parteien

Denn die AfD ist nur deshalb so erfolgreich, weil andere Parteien die falschen Akzente gesetzt haben.

Der Fremdenhass ist bei einem Großteil der AfD-Wähler nicht so ausgeprägt, wie die Wut auf ihr eigenes Leben - das Ergebnis ist aber das gleiche: Ausgrenzung, Hass und Wut.

Deshalb plädiere ich dafür, dass sowohl Westdeutsche als auch Ostdeutsche die Blockade im Kopf endlich lösen und zusammen an einem starken und vielfältigen Deutschland arbeiten.

Erst dann können wir sagen, dass wir in einem geeinten Deutschland leben. Und ich prophezeie, dass die AfD dann nur noch in Geschichtsbüchern von Bedeutung sein wird.

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