Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Tilmann Weickmann Headshot

"Die Konfrontation mit der AfD suchen"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WAHL BERLIN
dpa
Drucken

Am 18.9. wird der AfD der Sprung in den 10. Landtag gelingen. Sie wird zudem in vielen Bezirksverordnetenversammlungen vertreten sein und, so ist zu befürchten, sogar einige Bezirksstadträte stellen.

Für den Landesjugendring Berlin ist eine Zusammenarbeit mit der AfD unmöglich. Die Satzung des Landesjugendrings beschreibt den Einsatz „für eine gerechte, menschenwürdige und demokratische Gesellschaft, für Frieden und die Verwirklichung der Menschenrechte, für internationale und interkulturelle Verständigung, für weltweite wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit sowie die Erhaltung und den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen" als Ziel der Arbeit. Das lässt sich nicht mit der Politik der AfD vereinen.

Der Landesjugendring verfolgt zudem „das Ziel einer umfassenden Partizipation und Mitbestimmung von jungen Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Er tritt für gleichberechtigtes Mitwirken von jungen Menschen gleich welcher sexuellen Identität und Orientierung in allen gesellschaftlichen Bereichen ein". Die AfD hingegen vertritt ein völkisch-autoritäres Verständnis von Gesellschaft, wendet sich gegen die Gleichstellung aller Geschlechter, lehnt Vielfalt und Inklusion ab und vertritt eine paternalistische Sicht auf Kinder und Jugendliche.

Die AfD hat kein Interesse an einem demokratischen Diskurs

Die AfD sieht in muslimischen und allen anderen in Deutschland lebenden Menschen, die nicht in ihr Deutschlandbild passen, ihr Feindbild und macht diese für gesellschaftliche Probleme verantwortlich. Sie lehnt den „Multikulturalismus", eine angeblich durch Medien erzeugte linke Hegemonie sowie die EU-Bürokratie ab und betreibt eine massive menschenfeindliche Hetze gegen Geflüchtete. Daher kann es für den Landesjugendring auch mit einer AfD, die als gewählte Partei im Abgeordnetenhaus und Bezirksverordnetenversammlungen vertreten ist, eine Zusammenarbeit nicht geben.

Die Art und Weise des öffentlichen Auftretens der AfD macht deutlich, dass sie an einem demokratischen Diskurs kein Interesse hat. Ihre völkisch-autoritäre Grundhaltung ist das Gegenteil der Vorstellung eines demokratischen Interessenausgleichs, der Grundlage jeglichen politischen Handelns in der Demokratie ist. Damit fehlt jede Basis für eine fachliche Zusammenarbeit, sei es in der Jugendpolitik oder in einem anderen Politikfeld. Stattdessen wird der Landesjugendring die inhaltliche Konfrontation mit den Grundpositionen der AfD suchen, diese kritisch benennen und deutlich machen, dass diese Positionen letztendlich menschenverachtend sind.

Politik muss Jugendliche ernst nehmen

Die Wahl der AfD ist Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegen die bestehenden Parteien und letztendlich wohl auch gegen das parlamentarische System als solches. AfD-Wähler_innen haben offensichtlich das Vertrauen in die Kompetenz der etablierten Parteien verloren. Die Unübersichtlichkeit der globalisierten Welt, die zunehmende Unsicherheit bei der Lebensplanung und die Individualisierung der Verantwortung für Risiken erhöhen offensichtlich die Sehnsucht nach scheinbar einfachen Antworten, wie sie die AfD bietet.

Eine wichtige Ursache, sicher aber nicht die einzige, für diesen Vertrauensverlust stellt das Gefühl bei jungen Menschen dar, von politischen Entscheidungsträger_innen nicht verstanden und ernst genommen zu werden. Laut der letzten Shell-Jugendstudie sagen 69% der Jugendlichen, dass sich Politiker_innen nicht darum kümmern, „was Leute wie ich denken". Offensichtlich haben viele junge Menschen den Eindruck, weder gehört zu werden noch mitbestimmen zu können.

Hier müssen die demokratischen Parteien aktiv werden. Politische Entscheidungsträger_innen und die Verwaltung müssen junge Menschen ernst nehmen, sie in politische Prozesse einbeziehen und an Entscheidungen beteiligen. Voraussetzung dafür ist ein Perspektivwechsel: In der Vergangenheit ging es zu oft darum, dass politische Akteure (gut gemeinte) Partizipationsinstrumente entwickelt haben, die dann Jugendlichen zur Verfügung gestellt wurden. Sehr oft wurde dabei die Erfahrung gemacht, dass sich nur wenige junge Menschen beteiligen, weil diese Instrumente nur selten an den konkreten Lebensumständen junger Menschen angesetzt haben.

Dem Zulauf der AfD von jungen Menschen vorbeugen

Um Partizipation junger Menschen zu fördern, müssen Politiker_innen aufmerksam wahrnehmen, wie sich junge Menschen äußern, was sie tun, wie und wo sie sich für ihre Interessen einsetzen. Oft tun junge Menschen dies auf eine Art und Weise, die nicht der Kommunikation von Politiker_innen und Verwaltungsmitarbeiter_innen entspricht. Jugendverbände als Zusammenschluss und Interessenvertretung junger Menschen können bei der „Übersetzung" eine wichtige Rolle übernehmen.

Zur Kommunikation mit jungen Menschen gehört neben dem Zuhören aber auch das Erklären der eigenen Positionen und Entscheidungen. Politiker_innen sind zu wenig bereit, gerade im Gespräch mit jungen Leuten zu beschreiben, wie sie zu politischen Einschätzungen kommen, welche komplexen Gründe es für Entscheidungen gibt oder wie demokratische Aushandlungsprozesse im parlamentarischen Raum stattfinden um unterschiedliche Interessen zu berücksichtigen.

Dadurch bleiben demokratische Prozesse für junge Menschen undurchsichtig und die scheinbare Attraktivität „einfacher Antworten", wie sie die AfD bietet, steigt. Politische Entscheidungsträger_innen aus den demokratischen Parteien sollten daher wesentlich stärker in Kontakt mit jungen Menschen treten und sie an politischen Prozessen teilhaben lassen. Auch das beugt dem Zulauf der AfD vor.

Auch auf HuffPost:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: