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Wir sind aufgewachsen in dem Glauben, dass wir alle mal Stars werden. Werden wir aber gar nicht

07/09/2016 15:46 CEST | Aktualisiert 08/09/2017 11:12 CEST
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"Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht!"

Diesen prophetischen Satz ließ Chuck Palahniuk Tyler Durden schon 1996 in seinem Roman 'Fight Club' sagen. Die Verfilmung ist heute Kult und der Satz sinnbildlich für eine ganze Generation. In der Geschichte sitzt der Protagonist in einem Großraumbüro, hat Ikea zuhause und denkt sich "Hätt' ich mal ..." Dann gründet er den Fight Club.

Wir wachsen auf in dem Glauben, alles erreichen zu können, geben uns aber dann doch mit dem Kleinen zufrieden: Ein halbes Jahr Australien nach dem Abi - schon fühlt man sich besonders. Und das große Abenteuer ist auf der Liste abgehakt.

Wir hängen tagelang vor Netflix und Amazon Prime, schauen den Protagonisten zu und identifizieren uns mit den Figuren. Sie leben die Abenteuer aus, die wir uns nicht zu denken trauen. Wir sind feige. Stubenhocker. Und das, obwohl wir doch so frei sind.

Jennifer Rostock demonstriert stellvertretend für uns

Aber wir sind nicht mal frei genug, um Menschen im realen Leben überhaupt kennenzulernen. Das machen wir lieber übers Smartphone. Unsere Fantasien stecken wir in die Künstler, die wir toll finden: Schauspieler und Musiker.

Wir erwarten von ihnen nicht nur bei Netflix oder Spotify Großes, sondern sie sollen stellvertretend für uns auch unsere Abenteuer erleben: Partys, Reisen, Kohle, Drogen, in abgeranzten Buden UND Villen wohnen. Das ganze Programm. Dass sowohl Schauspieler als auch Musiker oft am Rande des Existenzminimums leben, ist unwichtig. Sie können unsere Träume leben.

Wir gehen nicht demonstrieren. Wir posten den Protestsong über die AfD von Jennifer Rostock und haben trotzdem das Gefühl, was Gutes getan zu haben. Jennifer Rostock demonstriert stellvertretend für uns.

Pete Doherty nimmt stellvertretend für uns Drogen. Paul Potts zeigt stellvertretend für uns, wie man vom Normalo zum Star einer Branche werden kann. Wir freuen uns auf Facebook so sehr, dass Leo endlich seinen verdammten Oscar gewonnen hat, als hätten wir ihn selbst gewonnen.

Statt Dinge anzupacken, studieren wir BWL

Jan Böhmermann ist ein Rebell, den wir voll unterstützen, aber wir würden doch nicht ... Wir träumen davon, wollen es aber nicht. Statt Dinge anzupacken, studieren wir BWL. Gehen auf Sicherheit. Statt erst das zu machen, worauf man Bock hat, macht man direkt das, was am logischsten ist. Statt schwarz oder weiß stellen wir uns an den Rand und haben keine richtige Meinung.

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Unsere Eltern sind veraltet, wir haben die ultimative Freiheit. Das mag sein. Aber wir nutzen sie nicht. Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich 900 Frauen, die alle gleich aussehen, weil jeder Schiss hat, aus der Reihe zu fallen. Und wahrscheinlich bin ich für viele jetzt sexistisch, weil ich das gesagt habe.

Wir sind nicht frei, sondern Weicheier, die sich über jede Kleinigkeit beschweren. Der Gruppenzwang war nie größer als heutzutage. Die 'Scheiß-drauf'-Mentalität ist verloren gegangen.

Wir machen nichts ungewöhnliches mehr. Wir fallen nicht aus der Reihe. Und dann werden wir 40. Wir sitzen in einem Großraumbüro und denken "Hätt' ich doch mal".

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