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Wenn die Notenbanken nicht aufpassen, platzt die Blase

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Die Fed hat bereits Ende 2015 begonnen, den Leitzins anzuheben; er liegt jetzt zwischen 1,0 und 1,25 Prozent. Die EZB hat zwar noch nichts verändert, hat aber den Finanzmärkten schon signalisiert, sie werde wohl bald aus ihrer irrwitzigen Null- beziehungsweise Negativzins- und Anleiheaufkaufpolitik aussteigen.

Damit geht die Fiat-Geld-Tragödie in die nächste Runde, denn es waren die künstlich abgesenkten Zinsen, die den Wirtschafts- und Finanzmarktabsturz 2008/2009 gebremst und den konjunkturellen Wiederaufstieg („Boom") befördert haben. Steigende Zinsen entziehen dem Boom den Boden. Sie bringen „Flop-Investitionen" ans Tageslicht, lassen die Gewinne der Unternehmen schrumpfen. Arbeitsplätze gehen verloren, die Konjunktur verliert an Fahrt. Steigende Kreditkosten deflationieren die Vermögenspreise wie Aktienkurse, Grundstücks- und Häuserpreise. Die Crashgefahr steigt.

Ob jetzt der nächste Abschwung („Bust") ins Haus steht, oder ob es nur zu einer Konjunkturverlangsamung kommt, hängt entscheidend davon ab, wie stark die Zentralbanken die Zinsen anheben. Treiben sie die Kreditkosten nur ganz leicht, in kosmetischer Dosis in die Höhe, und zwar so, dass die realen Zinsen - also Nominalzinsen abzüglich der Preissteigerungsrate - bei null Prozent beziehungsweise im negativen Territorium verbleiben, könnten die Volkswirtschaften wohl mit einer stagnativen Entwicklung davonkommen.

Doch die leidvolle Währungsgeschichte zeigt, dass die Fed - die die Zinsführerschaft im internationalen Zentralbankkartell innehat - nicht nur für Boom sorgt, sondern auch für Bust. Das Entstehen und Vergehen von konjunkturellen Scheinblüten und das Aufpumpen und Platzen von Finanzmarktblasen ist ihr Werk. In der Vergangenheit hat die Fed den Boom immer wieder abgetötet, indem sie an der Zinsschraube gedreht hat - eine Geldpolitik, die die Zentralbankräte in anderen Ländern üblicherweise mit Vasallentreue nachahmen.

Ist aber die Abkehr von der Nullzinspolitik nicht ein positiver Schritt, weil er in die richtige Richtung geht? Es besteht zwar Zweifel, dass die Zinsniveaus dies- und jenseits des Atlantiks zu niedrig sind. Deswegen sollte man jedoch nicht meinen, Zinserhöhungen würden die Volkswirtschaften gesunden, würden für Besserung sorgen: Im Fiat-Geldregime, in dem die Geldmenge per Bankkredit geschaffen wird, sind die Zinsen chronisch verzerrt, sie verursachen andauernde Störungen im Wirtschafts- und Finanzsystem.

Die einzige Möglichkeit, aufgelaufene Fehlentwicklungen und Ungleichgewichte aufzulösen, besteht darin, mit der Geldmengenausweitung durch Kreditvergabe aufzuhören - und die Zinsbildung dem freien Markt zu überlassen. Genau das aber haben die Zentralbankräte wohl nicht vor. Sie könnten auch nicht mit einer Zustimmung der breiten Öffentlichkeit zu einer solchen Rosskur rechnen. Ihre Folge wäre nämlich eine Rezession-Depression, die vermutlich das, was in der Zeit der „Großen Depression" zu beobachten war, in den Schatten stellt.

Mehr denn je wollen die Zentralbanken den Zins kontrollieren und manipulieren - um ihn auf niedrigem, aber eben nicht zu niedrigem Niveau halten. Nur so lässt sich die Schulden-Pyramide, die in den letzten Jahrzehnten aufgetürmt wurde, vor dem Einsturz bewahren. Es käme daher einem „Betriebsunfall" gleich, sollten die Zentralbank-Zinsmanöver eine neuerliche Krise auslösen. Doch genau das lässt sich nicht ausschließen, führt man sich die Folgen vor Augen, die die Fed-Zinspolitik in der Vergangenheit gehabt hat.

Zum Beispiel hatte die Fed hatte Mitte 1999 begonnen, die Zinsen bis auf 6,50 Prozent im Mai 2000 zu erhöhen - und der „New Economy Boom" platze. Die Aktienmärkte begannen im Sommer 2000 zu kollabierten. Bis Oktober 2002 verlor der S&P 500 Aktienmarktindex 50 Prozent - obwohl die Fed bereits im Januar 2001 begonnen hatte, den Zins zu senken, so dass er im Oktober 2002 ein Tief von 1,25 Prozent erreichte.

Sogleich setzte die Erholung ein. Von Oktober 2002 bis Oktober 2007 stiegen die US-Aktienkurse um mehr als 100 Prozent. Ab Mitte 2004 begann die Fed, den Leitzins in kleinen Schritten bis Juni 2006 auf 5,25 Prozent anzuheben. Wieder dauerte es nicht lange, und die Aktienkurse gingen in die Knie: Sie fielen um 56 Prozent bis März 2009. Dass die Fed die Leitzinsen bis zum Dezember 2008 auf 0,25 Prozent abgesenkt hatte, änderte daran nichts.

Die Wahrscheinlichkeit für einen neuen Crash ist also nicht zu vernachlässigen. Gleichwohl gibt es einen Grund, warum es diesmal anders kommen könnte: Die Fed hat seit der letzten Krise ihre Zielsetzung verändert. Die Zentralbankräte wollen das Bankensystem funktionsfähig halten. Sie wissen, dass die Schuldenpyramide, für die das Fiat-Geld gesorgt hat, nur aufrecht zu erhalten ist, wenn der Bankenapparat weiter neue Kredit und neues Geld produziert.

Die Fed wird daher dafür sorgen, dass die Zinsen nicht zu stark ansteigen und dass vor allem auch die Zinskurve (das heißt der Abstand zwischen Lang- und Kurzfristzins) nicht zu flach wird und die Gewinne der Banken schrumpfen. Auf den Finanzmärkten wird deswegen wohl auch erwartet, dass die Fed die Zinsen bis Ende 2017 nur auf etwa 1,5 Prozent anheben und gleichzeitig die Langfristzinsen bei etwa 2,5 bis 3,0 Prozent halten wird.

Das ist eine Zinskonstellation, bei der es mit dem schuldenfinanzierten Boom voraussichtlich noch weitergehen kann - vor allem dann, wenn die Preisinflation nicht nachlässt. Ein starkes Anziehen der Zinsschraube, eine flache Zinskurve wären hingegen deutliche Anzeichen, dass ein Bust wahrscheinlicher wird. Für Anleger gibt es folglich gute Gründe, die Zinslandschaft genau im Auge zu behalten. Sie bestimmt maßgeblich, wann der aktuelle Boom zum Bust wird. Der Zins ist im wahrsten Sinne des Wortes das Zünglein an der Waage.

Dieser Beitrag wurde auf Focus Online am 3. August 2017 veröffentlicht.