Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Prof. Dr. Thorsten Polleit Headshot

Trumponomics - der Trump-Boom

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DONALD TRUMP
Andrew Kelly / Reuters
Drucken

Bislang ist nicht beziehungsweise nur ansatzweise bekannt, was Donald J. Trump, der designierte 45. US-Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, genau vorhat. Die Finanzmärkte sind dennoch bereits in Feierlaune: Am Tag der Verkündigung von Trumps Sieg stiegen die amerikanischen Aktienkurse stark an, der Außenwert des US-Dollar schnellte in die Höhe, und die US-Langfristzinsen kletterten. Die Reaktion der Finanzmärkte ist vermutlich richtungsweisender als die vieler Politikkommentatoren.

Selfmade-Man Trump, für viele die Verkörperung des „American Dream", ist nicht nur finanziell unabhängig. Als US-Präsident wird er sehr mächtig sein: Die Republikaner kontrollieren in den kommenden beiden Jahren beide Kammern des US-Kongresses - Senat und Repräsentantenhaus. Trump kann nicht nur Obamas Reformen (wie zum Beispiel die Pflichtversicherung „Obamacare") rückgängig machen. Er kann vor allem auch weitreichende Änderungen auf den Weg bringen - in der amerikanischen Wirtschafts- und vor allem auch in der Außenpolitik.

Trump will Amerika wieder groß machen („Making America great again"). Und dazu will er - und das ist vermutlich in den Medien nicht immer klar übermittelt worden - den Stier bei den Hörnern packen: Er will gegen das - wie er es nennt - korrupte Washington vorgehen, dem Establishment das Handwerk legen, der Bereicherung von Großbanken und -industrie, die die US-Administration für ihre Interessen gekapert haben, ein Ende setzen, will das Volk wieder zum Souverän über ihre außer Kontrolle geratene Regierung machen („We want our country back").

Trump gegen Günstlinge und Globalisten

Trumps hat eine Kampfansage gemacht. Und sie erklärt natürlich, warum sich schon im Wahlkampf überaus heftiger Widerstand gegen ihn aufgebaut hat. Lässt Trump seinen Worten Taten folgen, wird es für die einen oder anderen in der Tat ungemütlich. All die Partikularinteressen etwa, die bislang großzügig vom US-Establishment behandelt worden sind oder von ihren finanziellen Zuwendungen profitiert haben, verlieren ihre Pfründe. Sie müssen in Trump, der das System ebenfalls für seine Zwecke ausgenutzt hat, eine Bedrohung sehen.

Trump zählt nicht zu den Globalisten. Er will keine neue Weltordnung. Das lässt erwarten, dass Amerika künftig außenpolitisch weniger aktivistisch-interventionistisch sein wird als unter seinen Vorgängerregierungen. Insbesondere gegenüber Russland wird Trump wohl eine im Vergleich zur Obama-Administration versöhnliche(re) Haltung einnehmen wollen. Eine Entschärfung der internationalen Spannungen, etwa im Syrien- und Ukrainekonflikt, erscheint dadurch als mögliches Szenario, vielleicht sogar Friedensfortschritte im Nahen und Mittleren Osten.

Neue Jobs, mehr Schulden

Wirtschaftspolitisch wird für Trump das Schaffen von Arbeitsplätzen und Einkommen an erster Stelle stehen. Welchen Weg er dazu beschreiten will, ist allerdings noch recht unklar. Dass das aber in einer keynesianischen Deficit-Spending-Politik münden wird, wie vielfach bereits erwartet wird, ist alles andere als gewiss. Schließlich ist Trump angetreten, um dem - wie er es unverblümt benennt - korrupten Washington-Establishment und seinen Günstlingen das Handwerk zu legen. Wenn er dieser Zielsetzung treu bleibt, hat das wirtschaftspolitische Folgen.

Trump als Immobilienmogul hat vermutlich eine klare Vorstellung, was der Staat kann und was nicht, und was der Staat tun sollte und was nicht. Dass er, der sich gegen das Establishment auflehnt, eben diesen Staat stärken will, wie es in vorgegangenen Präsidentschaften immer wieder der Fall war, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil. Trump dürfte bestrebt sein, den Expansionsdrang des amerikanischen Staates zu stoppen oder gar umzukehren. Dazu passen keine großangelegten schuldenfinanzierten Ausgabenprogramme. Eher eine angebotsseitig ansetzende Politik.

Prominentes Vorbild Ronald Reagan

Er hat ja bereits weitreichende Steuersenkungen für Unternehmen und Arbeitnehmer in Aussicht gestellt. Vielleicht verbindet er das mit einer umfassenden Reduktion der Staatsausgaben. Weitere Wachstumspotenziale könnte er heben, indem eine Steueramnestie für Auslandsguthaben amerikanische Firmen gibt, soweit sie das Geld für Investitionen in Amerika verwenden. Die Möglichkeiten sind enorm, mit Steuersenkungen internationales Kapital anzulocken, Amerika zu reindustrialisieren und auch in zukunftsweisenden Industrien nach vorn zu bringen.

Es gibt ein prominentes Vorbild: US-Präsident Ronald Reagan (1911 - 2004) senkte die Steuern deutlich in der Hoffnung, dass so das Wachstum angetrieben würde, und dass das erhöhte Wachstum die Steuereinnahmen steigen lasse und auf diesem Wege das Budgetdefizit schließe. Bis heute gibt es unter Ökonomen einen Streit, ob „Reaganonomics" funktioniert hat oder nicht. Die Amerikaner genossen ab 1983 eine Phase sehr hohen Wachstums, einhergehend mit sinkender Arbeitslosigkeit - allerdings blieb das Staatsdefizit (für damalige Verhältnisse) hoch.

Weniger Freihandel bedeutet weniger Wohlstandszuwachs

Gefahrvoll wird es allerdings, wenn die neue US-Administration zu handelsbeschränkenden, protektionistischen Maßnahmen greift - und von solchen Vorhaben war im Wahlkampf einiges zu hören. Denn nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt profitiert von Arbeitsteilung und Freihandel. Ohne sie wäre der heutige Wohlstand nicht möglich. Aus kurzfristigem politischen Kalkül mag es verlockend sein, durch Handelsbarrieren die heimische Wirtschaft zu fördern, mittel- bis langfristig schädigt das aber den Wohlstandszuwachs.

Was Trump in Aussicht gestellt hat, kommt einem Griff in ein Hornissennest gleich. Das wird spätestens klar, wenn bei seinen „Aufräumarbeiten" die US-Zentralbank (Fed) ins Blickfeld gerät. An ihrem Tropf hängt die US-Wirtschaft und auch alle anderen großen Volkswirtschaften der Welt: Die Fed herrscht über die US-Dollar-Notenpresse, mit der sie in den letzten Jahrzehnen eine weltweite Schuldenpyramide genährt hat, die mittlerweile immer mehr Kredit, Geld und niedrigeren Zinsen benötigt, damit sie nicht in sich zusammensackt.

Macht die Fed weiter wie bisher?

Die Geldproduktion der Fed ist es letztlich auch, die es dem US-Staat erlaubt, immer größer und mächtiger zu werden - und all die Symptome zeigt, gegen die Trump im Wahlkampf versprochen hat, vorzugehen. Ob er vorhat, ob er es wagt, in das Getriebe des ungedeckten Papiergeldsystems zu fassen und wohlmöglich dem Geldschaffen „aus dem Nichts" ein Ende bereitet? Ein solcher Schritt hat vermutlich keine Priorität in seinem Programm - aber wenn er sich tatsächlich daranmacht, dem Gebaren der Fed Grenzen zu setzen, hieße es: Anschnallen.

Denn das Ausweiten der ungedeckten Papiergeldmengen, das weltweit unter der Führungsrolle der Fed erst möglich geworden ist, hält einen künstlichen Boom in Gang, der bei einem Abbremsen der Kredit- und Geldmengenexpansion ins Stolpern geraten und früher oder später in einem Bust enden würde. Verwunderlich wäre daher nicht, dass Trump - wie schon viele Präsidenten vor ihm - es scheut, sich sofort und unmittelbar mit der Fed und dem internationalen Bankenapparat in Sachen Geldmengenvermehrung anzulegen.

Endgültiges Aus für den Euro?

So oder so: Wenn Trump ernst macht mit nur einigen seiner Versprechen, wird es zu großen wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen kommen, in Amerika, aber auch andernorts. Vor allem das Euro-Projekt geriete vermutlich in sehr schwieriges Fahrwasser. Kehrt Amerika dem Globalismus nämlich den Rücken, verpufft die politisch-ideologische Unterstützung für das kühne europäische Einheitswährungsexperiment. Wächst die Unsicherheit über die Zukunft des Euro, geraten die Euro-Banken unter Druck.

Investoren werden zögerlich, ihnen das dringend benötigte neue Kapital zu geben. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre elektronische Notenpresse schneller laufen lassen müssen, um die Geldhäuser zu subventionieren. Das wird nicht nur den inneren Wert des Euro schwächen. Auch nach außen wird der Euro vermutlich nachgeben, wenn Kapital den Euroraum mit seiner anhaltenden Niedrigzinspolitik verlässt. Die Trump-Präsidentschaft könnte die Fehlkonstruktion des Europrojektes vollends zum Einsturz bringen.

Trump-Boom

Vielleicht ist aber doch alles nur Wahlkampfgetöse gewesen, und Amerika macht schlussendlich da weiter, wo Obama aufgehört hat: mit kriegerischer Außenpolitik und mit einem Ausweiten der Staatsschulden, finanziert mit billigem Geld, begleitet von einem Zurückdrängen wirtschaftlicher Freiheiten durch einen zügellos expandierenden Machtstaat. Wahrscheinlicher ist jedoch: Amerika hebt mit Trump einen Präsidenten ins Amt, damit er die ihm in Aussicht gestellten Richtungswechsel vollzieht - und Trump macht sich auf, um den Auftrag zu erfüllen.

Wird Trump, selbst wenn er seine Wahlkampfagenda in die Tat umsetzen will, genügend politische Unterstützung zusammenbringen? Können seine Schläge gegen das Establishment überhaupt treffen? Die Zeit wird es zeigen. Gelingt es ihm aber, eine „Steuerrevolution" in Gang zu setzen, kann allein das schon erhebliche Wachstums- und Beschäftigungskräfte in Amerika freisetzen - und einen „Trump-Boom" auslösen, von dem nicht nur Amerika, sondern natürlich auch die Weltwirtschaft profitiert.

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form am 12. November 2016 auf WirtschaftsWoche Online veröffentlicht.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.