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Intelligent investieren: Die Macht des Zinseszinses

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BRSE FRANKFURT
Pawel Kopczynski / Reuters
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Vor langer Zeit wurde in Indien das Schachspiel erfunden. Kaiser Sheram wollte den Erfinder des Spieles, Zeta, belohnen. Zeta forderte für das erste Feld des Schachbrettes 1 Reiskorn ausgehändigt zu bekommen, 2 Körner für das zweite Feld, 4 für das dritte und für jedes weitere Feld doppelt so viele Körner wie für das vorhergehende. Nach 64 Feldern waren es 18.446.744.039.484.029.952 Reiskörner (die Zahl heißt: 18 Trillionen, 446 Billiarden, 744 Billionen, 39 Milliarden, 484 Millionen, 29 Tausend, 952).

Eine recht bekannte, aber nichtdestotrotz hübsche Geschichte, die die Macht des Zins- und Zinseszinseffektes illustriert (und den Umgang mit großen Zahlen schult). Und ihre Botschaft für den Investor ist wichtig. Die Bedeutung des Zins- und Zinseszinseffektes kann gar nicht stark genug betont werden. Dennoch kommt sie - das erfahre ich immer wieder in Gesprächen und Sitzungen gerade auch mit Anlageexperten - nur allzu häufig in der Hektik des Tagesgeschäfts zu kurz.

Nehmen wir an, Sie haben sich entschieden, ihre Ersparnisse in Aktien zu investieren - weil sie erkannt haben, dass langfristig gesehen Aktien zur erfolgreichsten Anlageklasse zählen oder besser abschneiden als Anleihen. Die Rendite, die Aktien einspielen, setzt sich bekanntlich aus Dividenden und Kursgewinnen zusammen. Wie sollen Sie vorgehen, wenn Sie den Zins- und Zinseszinseffekt für Ihre Zwecke einsetzen wollen? Schauen wir uns dazu drei unterschiedliche Herangehensweisen an.

Da ist zunächst Investor A. Er kauft unterbewertete Aktien. Handelt die Aktie bei 50 Euro, und meint Investor A, die Aktie sei 60 Euro wert, so investiert er. Steigt dann der Aktienkurs auf 60, verkauft er. Seine Kapitalrendite beträgt 20 Prozent.

Nun muss er wieder Ausschau halten nach neuen Gelegenheiten. Das ist aufwendig, kostet Zeit und Nerven - und Geld. Wenn er findig ist, wird es ihm jedoch gelingen, eine andere unterbewertete Aktie zu finden, und das Spiel beginnt von neuem. Investor A wird mit seiner Strategie prinzipiell in der Lage sein, einen Zins- und Zinseszinseffekt zu erzielen.

Betrachten wir nun Investor B. Seine Idee ist es, in Aktien von solchen Unternehmen zu investieren, die über lange Zeit eine hohe Kapitalrendite erzielen. Er kauft zum Beispiel eine Aktie eines Unternehmens, das jedes Jahr eine Rendite auf das Eigenkapital von 15 Prozent erzielt, und das den Gewinn nicht als Dividende auszahlt, sondern in das eigene Geschäft mit einer Rendite von 15 Prozent reinvestiert. Nach nur 5 Jahren hat sich der Wert des Unternehmens - gemessen anhand seines Eigenkapitals - verdoppelt, nach 33 Jahren verhundertfacht.

Wenn es Investor B gelingt, die Aktie eines Unternehmens, das eine Rendite von 20 Prozent pro Jahr erzielt, zu kaufen, wird der Unternehmenswert sich nach knapp 4 Jahren verdoppelt, nach knapp 13 Jahren verzehnfacht haben. Nach etwas mehr als 25 Jahren wird es sich verhundertfacht haben. Damit wird einsichtig: Das Investieren in Unternehmen, die in der Lage sind, über lange Zeit hohe Renditen zu erzielen, ist der Schlüssel zum großen Erfolg. Doch halt: Fehlt nicht noch etwas bei dieser Betrachtung? Ja, richtig: Die Frage nach dem Kaufpreis der Aktie.

Kaufpreis der Aktie

Daher bringen wir jetzt Investor C ins Spiel. Er hat von Investor A und Investor B gelernt. Investor C investiert - wie Investor B - in Aktien, die dauerhaft eine hohe Kapitalverzinsung erzielen. Er investiert aber nur dann, wenn er - wie Investor A - meint, dass die Aktie billig ist, dass ihr Wert über dem Börsenkurs liegt. Der Börsenkurs ist jederzeit leicht von der Kurstafel abzulesen. Nicht ganz so leicht ist es hingegen, den Wert der Aktie herauszufinden. Theoretisch entspricht er der Summe aller abgezinsten Unternehmensgewinne auf die Gegenwart.

Für Investor C stellen sich mindestens zwei Herausforderungen. Erstens: Er kennt die künftigen Unternehmensgewinne nicht mit Gewissheit. Er muss sie abschätzen. Setzt er die künftigen Unternehmensgewinne zu hoch an, ist die Enttäuschung vorprogrammiert: Die Aktie wird zu teuer gekauft, und der erhoffte Investmenterfolg stellt sich nicht ein. Zweitens: Was ist der richtige Diskontierungszins, welche Höhe hat er? Wenn Investor C einen zu geringen Zinssatz wählt, gelangt er zu einer möglicherweise sehr verlustreichen Investmententscheidung.

Spätestens jetzt werden Sie vermutlich innehalten und bemerken, dass Sie als Investor eine Grundsatzentscheidung zu treffen haben. Wenn Sie der Meinung sind, dass weder Investor A, noch Investor B, noch Investor C dauerhaft erfolgreich sein können, weil niemand von ihnen dauerhaft besser abschneiden kann als der Gesamtmarkt, dann sollten sie in einen Aktienmarktindex-ETF investieren. Mit ihm werden sie im Zeitablauf eine Rendite erzielen, die (aufgrund der Gebühren) in etwa der Rendite des Gesamtmarktes liegt.

Wenn Sie aber meinen, dass es möglich ist, langfristig besser als der Gesamtmarkt abzuschneiden, dann sollten Sie sich am Vorgehen von Investor C orientieren. Er kombiniert das Vorgehen von Investor A - unterbewertete Aktien kaufen - und das Vorgehen von Investor B - Aktien von Unternehmen kaufen, die dauerhaft hohe Kapitalrenditen erzielen können. Die verbleibende Frage, die Sie dann noch beantworten müssen, lautet: Selber machen oder jemand suchen, der das kann, beziehungsweise der das besser kann?

Wenn Sie zum Schluss kommen, das Vorgehen von Investor C ist das richtige, Sie sich aber nicht zutrauen, das in Eigenregie umzusetzen, sollten Sie eine Zusammenarbeit mit guten "Value Investoren" suchen. Gute Value Investoren sind darauf spezialisiert, Unternehmen aufzuspüren, die für lange Zeit hohe Renditen erzielen und den Gewinn pro Aktie im Zeitablauf kräftig erhöhen können. Vor allem aber beschäftigen sich gute Value Investoren intensiv mit der Bewertung von Unternehmen.

Gute Value Investoren haben daher die besten Voraussetzungen, langfristig hohe Renditen erzielen zu können. Das, was gute Value Investoren machen, ist letztlich das, was einer der einflussreichsten Investoren, Philip A. Fisher (1907 - 2004), empfahl: Großartige Unternehmen aufspüren und ihnen die Treue halten, und zwar durch das Auf und Ab der Märkte hindurch. Denn das ist weitaus profitabler als zu versuchen, ständig billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Und Philip A. Fisher wusste dabei um die Macht des Zins- und Zinseszinses.

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form auf WirtschaftsWoche Online am 15. März 2017 veröffentlicht.

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