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Gefangen in der Niedrigzinsfalle

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ZINSEN
dpa
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Der US-Dollar ist - allen Unkenrufen zum Trotz - nach wie vor die Nummer eins im Universum der ungedeckten Papierw√§hrungen. Er ist das ‚ÄěGrundgeld", auf dem alle anderen W√§hrungen aufbauen. Der Greenback hat die leistungsf√§higste Volkswirtschaft der Welt im R√ľcken und die gr√∂√üten und liquidesten Finanzm√§rkte - sei es f√ľr Aktien, Anleihen, Derivative oder Rohstoffe.

Er ist die wichtigste W√§hrung f√ľr Handels- und Finanztransaktionen aller Art. Weder der chinesische Yuan noch der russische Rubel oder der Euro k√∂nnen ihm auf absehbare Zeit das Wasser reichen. Die Welt befindet sich auf einem ‚ÄěUS-Dollar-Standard".

Nach langem Zögern und vielen Worten will die US-Zentralbank (Fed) nun endlich doch zur Tat schreiten und ihren Leitzins weiter anheben. Er steht derzeit in einer Bandbreite von 0,25 bis 0,50 Prozent, aber schon im November oder Dezember könnte er - blickt man auf die Zinserwartungen in den Märkten - bei 0,75 Prozent stehen.

Ein solcher Zinsschritt h√§tte weitreichende Folgen. Schlie√ülich hat die Fed die F√ľhrungsrolle im internationalen Kartell der Zentralbanken inne. Sie bestimmt in entscheidendem Ma√üe die Zins- und Liquidit√§tskonditionen in den weltweiten Banken- und Finanzm√§rkten.

Zinsen sind zu niedrig

Eine Zinsanhebung ist eigentlich √ľberf√§llig. Alle g√§ngigen Ma√üst√§ben zeigen, dass die Leitzinsen zu niedrig sind. Nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern auch im Euroraum, Gro√übritannien und Japan. Die niedrigen Zinsen haben in den letzten Jahren zwar die Konjunkturen in Gang gehalten.

Gleichzeitig haben sie jedoch knappes Kapital in falsche Verwendungen gelenkt, haben Industrien und Unternehmen beg√ľnstigt, die bei normalen, nicht k√ľnstlich abgesenkten Zinsen keine Bl√ľte erfahren h√§tten. Vor allem die Staaten haben sich mit den niedrigen Zinsen g√ľnstig verschuldet und Reformen umgangen. Ohne Nebenwirkungen sind Zinsanhebungen nicht zu haben.

Zieht die Fed die Zinsz√ľgel an, wird das zun√§chst einmal Wachstum kosten. Investitionen, die aufgrund der k√ľnstlich gedr√ľckten Zinsen in Gang gesetzt wurden, floppen. Produktions- und Besch√§ftigungseinbu√üen sind die Folge. Auch entweicht die Luft aus den Verm√∂gensm√§rkten.

Besonders brisant: Die internationale Schuldenpyramide, die in den letzten Jahrzehnten und insbesondere auch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 weiter aufgerichtet wurde, gerät ins Wanken. In 2015 lag die weltweite Verschuldung bereits bei 152 Billionen US-Dollar. Das waren 225 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes.

Bei steigenden Zinsen ger√§t so mancher Schuldner ins Straucheln. F√§llige Kredite m√ľssen entweder zur√ľckgezahlt oder, wenn der Schuldner dazu nicht in der Lage oder willens ist, muss er neue Kredite zu nunmehr h√∂heren Zinsen aufnehmen.

Der Schuldendienst wird erdr√ľckend. Heben immer mehr Schuldner die Hand, steigen die Kreditausf√§lle, die die Banken zu verkraften haben. Ihre ohnehin d√ľnne Eigenkapitaldecke ist durch Verluste rasch aufgezehrt. Sie werden vorsichtiger, treten auf die Kreditvergabebremse. Der Liquidit√§tszufluss in die Volkswirtschaften ebbt ab, das Wachstum l√§sst nach, im Extremfall geht die Produktionsleistung sogar zur√ľck.

Steigen die Zinsen, bekommt China ein Problem


Steigende US-Zinsen machen insbesondere auch Dollar-Anlagen attraktiver. Kapital wandert aus den Schwellenl√§ndern ab und mit ihm verfl√ľchtigt sich das Wachstum in den betroffenen Volkswirtschaften. Vor allem China wird davon nicht unber√ľhrt bleiben.

Schon seit geraumer Zeit verl√§sst Kapital das Reich der Mitte, bringt den Au√üenwert des Renminbi unter Abwertungsdruck. Chinas W√§hrungsreserven haben seit Mitte 2014 um etwa 830 Milliarden US-Dollar auf 3,1 Billionen US-Dollar abgenommen. F√ľr den Renminbi beginnt vermutlich eine neuerliche Abschw√§chungsphase, wenn die US-Zinsen steigen.

Als der Renminbi im August 2015 abwertete - und zwar aufgrund der Aussicht auf steigende US-Zinsen -, quittierten die Aktienm√§rkte das mit kr√§ftigen Kursverlusten. Auf den Finanzm√§rkten ging die Sorge um, China werde fortan die Weltm√§rkte mit billigen Produkten √ľbersch√ľtten.

Man bef√ľrchtete, westliche Firmen w√ľrden Marktanteile verlieren, und ein Abwertungsdruck auf die Preise (‚ÄěPreisdeflation") w√ľrde einsetzen.

Die Fed vertagte daraufhin die geplante Zinserh√∂hung - zog sie dann aber im Dezember doch durch. Dass die Chinesen ihre W√§hrung abwerten, wenn die Amerikaner die Zinsz√ľgel anziehen, ist wahrscheinlich. China kann keinen fortgesetzten Kapitalabzug gebrauchen.

Doch kommen eigentlich die Amerikaner mit steigenden Zinsen selbst zurecht? Die Fed will im Alleingang den Zins weiter anheben. Die √ľbrigen Zentralbanken der Welt k√∂nnen und wollen einem solchen Zinserh√∂hungsman√∂ver nicht nacheifern.

Folglich gerät der Greenback unter Aufwertungsdruck. Die internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Produkte schwindet. Die Gewinne, die US-Unternehmen im Ausland machen, schmelzen ab.

Es wird nicht lange dauern, bis die machtvolle US-amerikanische Industrie ihr Veto bei der Fed einlegt. Mit anderen Worten: Der Zinserhöhungsspielraum der Fed ist eng begrenzt.

In der Niedrigzinsfalle gefangen

Die Fed hat die Weltwirtschaft zwar in die heutigen Zinstiefen hinuntergelockt. Sie schafft es aber nicht mehr, zu ‚Äěnormalen Zinsh√∂hen" zur√ľckzukehren und die √ľbrigen Zentralbanken zu zwingen, ihr zu folgen.

Die miteinander eng verzahnten Volkswirtschaften der Welt haben sich l√§ngst in einer Niedrigzinsfalle verfangen, aus der es wohl keinen Ausweg mehr gibt, der politisch und wirtschaftlich akzeptabel ist. Die Zinsman√∂ver der Fed werden daher √ľber kosmetische Anpassung nicht hinauskommen. Eine R√ľckkehr zu ‚Äěnormalen Zinsh√∂hen" ist unwahrscheinlich.

Was droht, ist die Fortsetzung der aktuellen Geldpolitiken, ein Schrecken ohne Ende: Die Zentralbanken halten die Zinsen relativ niedrig und weiten die Kredit- und Geldmengen immer weiter aus - vor allem um strauchelnde Staaten und Banken mit neu geschaffenem Geld √ľber Wasser zu halten.

Wohin das f√ľhrt, liegt auf der Hand: Das Geldmengenvermehren, das seine Verbindung zu produktiven Erweiterung des Kapitalstocks verliert, treibt die Preise nach und nach in die H√∂he - erst die Verm√∂genspreise, dann die Preise f√ľr die Lebenshaltung - und schm√§lert dadurch die Kaufkraft des Geldes.

Mit ausgewählten Aktien auf die Turbulenzen reagieren

Wenn die Zinsen niedrig und nach Abzug der Inflation negativ bleiben - und es sieht ganz danach aus -, sollte man keine Bankeinlagen und Anleihen mehr halten. Was bleibt sind Aktien. Dann aber stellt sich die Frage, auf welche Weise man in Aktien investieren soll.

Wer meint, dass sich der breite Aktienmarkt nicht schlagen l√§sst, kann einen diversifizierten internationalen Aktienmarkt-ETF kaufen. Dadurch erzielt er auf dem kosteng√ľnstigsten Weg die Marktrendite. Doch reicht die Marktrendite aus, sollte die Inflation tats√§chlich anziehen?

Es mag √ľberraschend sein: Aber der Aktien sind per se kein Inflationsschutz. In der Zeit 1973 bis 1982 - einer wirtschaftlich turbulenten Phase - fiel in den USA die Inflation im Durchschnitt h√∂her aus als die Kurszuw√§chse des S&P 500 Aktienmarktindex. Investoren konnten als ihr Verm√∂gen kaufkraftbereinigt nicht mehren. Den meisten Unternehmen setzte die Inflation hart zu und beeintr√§chtigte ihre Rentabilit√§t. Es gibt jedoch eine Alternative zum Investieren in den breiten Aktienmarkt - und das ist, bei der Aktienauswahl sehr w√§hlerisch vorzugehen.

Es gibt Unternehmen, die langfristig hohe Renditen auf das eingesetzte Kapital erzielen und ihre Gewinne pro Aktie steigern können - die also Geschäftsmodelle haben, die auch in schwierigen und inflationären Phasen wirtschaftlich erfolgreich sein können. Wer so denkt, der sollte nach guten "Value Investoren" Ausschau halten.

Wer mit ihnen zusammenarbeitet, hat sehr gute Chancen, langfristig positive reale Renditen zu erzielen - auch wenn die Zentralbanken ihre sch√§dlichen Zins- und Geldentwertungspolitiken unbeirrt fortf√ľhren.

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form auf Focus Online am 18. Oktober 2016 veröffentlicht.

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