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Das Gerede von einem "Währungskrieg" ist Fake News

19/02/2017 12:57 CET | Aktualisiert 19/02/2017 13:01 CET
Andrew Kelly / Reuters

Der griechische Philosoph Parmenides lehrte, dass Sprache Denken ist. Sprachverwirrung steht demnach für Denkverwirrung - und verwirrtes Denken wiederum (ver)führt zu falschem Handeln und ungewollten Ergebnissen. Deshalb ist es wichtig, Worte richtig zu gebrauchen. Das ist bei Wort „Währungskrieg" nicht der Fall. Auch wenn man vielleicht dramatisieren möchte, was sich in den weltweiten Devisenmärkten abspielt: Mit Krieg hat das nichts zu tun.

Das Wort „Währungskrieg" schürt zum einen marktfeindliche Ressentiments, weil der Eindruck vermittelt wird, in den Währungsmärkten ginge es gewalttätig zu. Das trägt dazu bei, in der breiten Öffentlichkeit das System der freien Märkte als etwas Anrüchiges zu diskreditieren. Zum anderen vernebelt das Wort „Währungskrieg" auch noch die Kernursache der Probleme, die es unbenommen im weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystem gibt. Doch der Reihe nach.

Was diejenigen, die das Wort „Währungskrieg" gebrauchen, vermutlich zum Ausdruck bringen wollen, ist, dass einige Länder den Wechselkurs ihrer Währungen gegenüber anderen Währungen schwächen wollen, um sich dadurch wirtschaftlich besser zu stellen. Sie wollen ihre Exporte auf den Weltmärkten verbilligen und Marktanteile gewinnen; gleichzeitig wollen sie Importe verteuern und so die heimische Wirtschaft zu Lasten des Auslandes begünstigen.

Erinnerung an Abwertungswettläufe

Dass Länder versuchen, sich mittels Wechselkursabwertung auf Kosten anderer Länder besserzustellen, zeigte sich schon einmal in der Geschichte. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zerstörten vielen Nationen in Europa den Goldstandard: Sie hoben das Recht auf, Banknoten und Giroguthaben in physisches Gold einzutauschen. Das führte nachfolgend zu hoher Inflation, zuweilen auch Hyperinflation wie zum Beispiel in Österreich, Ungarn und im Deutschen Reich.

Die Währungen der Länder, in denen die Inflation besonders schlimm tobte, werteten besonders stark ab. Das brachte ihnen zwar kurzzeitige Handelsvorteile. Doch es veranlasste andere Länder mit der Inflation nachzuziehen. Es kam es zu Abwertungswettläufen („Beggar Thy Neighbor Policy"). Die eigentliche Ursache für die Abwertungswettläufe waren die Regierungen und ihre Zentralbanken mit ihrer ungezügelten Geldmengenvermehrung.

Mit ihrer Politik drückt die EZB den Euro-Kurs

Im heutigen ungedeckten Papiergeldsystem, in dem die staatlichen Zentralbanken das Geldproduktionsmonopol innehaben, ist der Anreiz groß, sind die Möglichkeiten besonders weitgespannt, mittels geldpolitischer Tricksereien die Wechselkurse nicht nur direkt, sondern auch indirekt zu beeinflussen. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Politik der Anleihekäufe, die sie mit neu geschaffenem Geld bezahlt.

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Die EZB drückt die Marktzinsen auf künstlich niedrige Niveaus. Das wiederum senkt die ausländische Nachfrage nach Euro. Die Folge ist ein nachgebender Euro-Außenwert. Verstärkt wird diese Wirkung dadurch, dass die EZB die kurzlaufenden Zinsen in den Negativbereich abgesenkt hat. Nun sollte man aber nicht meinen, durch eine Währungsabwertung ließe sich quasi per Knopfdruck eine positive Wachstums- und Beschäftigungswirkung erzielen.

Selbstschädigung für alle Beteiligten

Exportunternehmen profitieren zwar von einer Abwertung der heimischen Währung, weil die Auslandserträge (in heimischer Währung gerechnet) steigen. Gleichzeitig verteuern sich jedoch die Güter, die sie aus dem Ausland erwerben (wie zum Beispiel Energie, Computerteile und anderes mehr), und die Produktionskosten steigen. Ob eine Währungsabwertung Unternehmen begünstigt, ist daher sehr fraglich, gerade in einer zusehends verflochtenen Weltwirtschaft.

Und selbst wenn eine Währungsabwertung kurzfristig die Konjunktur belebt, bräuchte es immer stärkere Geldmengen- und Inflationsschübe, um die gewünschte Wechselkursabwertung und Wirtschaftsbelebung in Gang zu halten. Eine unheilvolle Abwärtsspirale ist die Folge: Der Währungswert wird ruiniert. Und das nicht nur in dem Land, das den Abwertungswettlauf beginnt, sondern auch in allen anderen, die sich daran beteiligen.

Blick auf Donald Trump und seine Dollar-Pläne

Jetzt geht aber die Sorge um, die Vereinigten Staaten von Amerika könnten unter der Präsidentschaft von Donald J. Trump eine Politik der Dollarschwächung einleiten - eine Politik, die letztlich für alle Beteiligten auf eine Selbstschädigung werden könnte. Doch ist die Sorge berechtigt? Sie speist sich vermutlich vor allem aus dem laut ausgesprochenen Vorhaben der neuen US-Administration, die eigene Wirtschaft beleben zu wollen.

Dass aber Präsident Trump auf Inflationierung drängt, um den US-Dollar-Außenwert in die Knie zu zwingen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Er will schließlich die Beschäftigungs- und Einkommenssituation der Amerikaner verbessern. Steigende Inflation zur Dollarschwächung wird ihm dabei nicht helfen. Im Gegenteil. Zudem befindet sich die US-Wirtschaft derzeit in einer Wachstumsphase, in der man keine Inflationspolitik vom Zaun bricht.

Dollarschwäche unwahrscheinlich

Werden Trumps geplante Steuersenkungen und, als deren Folge, steigende Staatsdefizite die Inflation erhöhen und den Dollar schwächen? 9,5 Billionen US-Dollar - das ist etwa die Hälfte des US-Bruttoinlandsproduktes in 2016 - sollen über die nächsten zehn Jahre an die Steuerzahler zurückgegeben werden. Der damit verbundene Wachstumsschub könnte die US-Staatsfinanzen verbessern, vor allem, wenn Trump zudem noch die US-Staatsausgaben reduzieren sollte.

Wird der US-Dollar-Außenwert - allen Unkenrufen zum Trotz - seine Aufwertung, die seit etwa Mitte 2011 läuft, unter der Ära Trump fortsetzen? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist vermutlich höher, als viele derzeit meinen. Zwar stecken alle ungedeckten Papierwährungen - einschließlich des Greenbacks - in ernsten Problemen, die nur durch die Niedrigzinspolitiken der Zentralbanken übertüncht werden. Der US-Dollar aber ist nach wie vor die Weltleitwährung.

Ihm bringen die Investoren - vor allem in Krisenzeiten - das größte Vertrauen entgegen. Und die nächste Erschütterung für die Weltfinanzmärkte kommt bestimmt. Vielleicht aus dem Euroraum. Denn wenn das Vergemeinschaftungsbestreben in Europa zum Erliegen kommt oder gar umgekehrt wird, verliert der Euro - der in erster Linie eine politisierte Währung ist - seine Geschäftsgrundlage. Eine Kapitalflucht aus dem Euro und in den US-Dollar wäre absehbar.

Am Dollar hängt das Schicksal vieler Währungen

Sollte die US-Zentralbank unter Trump nicht mehr wie bisher die Feuerwehrrolle für die internationalen Finanzmärkte spielen dürfen, weil sie sich fortan verstärkt auf die heimischen Belange zu konzentrieren hat, werden andere ungedeckte Papierwährungen in Bedrängnis geraten. Sie bauen ja gewissermaßen auf dem US-Dollar auf. Geht ihnen privilegierte Zugang zur Reservewährung verloren, wird auch das Investorenvertrauen in ihre eigene Währung schwinden.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass wir es in den kommenden Jahren mit einem aufwertenden US-Dollar zu tun bekommen werden - entweder, weil ungedeckte Papierwährungen in Schieflage geraten, oder weil Amerika Schluss macht mit einer ungehemmten Versorgung der internationalen Kreditmärkte mit US-Dollar -, ist aus meiner Sicht größer als die Wahrscheinlichkeit, dass unter Donald Trump eine Schwächephase für den US-Dollar beginnt.

Und um den Kreis zu schließen: Es ist nicht richtig, die Geschehnisse an den Währungsmärkten als Währungskrieg zu charakterisieren. Mit Blick auf die Probleme im internationalen Finanzsystem, die es zweifellos gibt, müssen Ross und Reiter genannt werden: Die Eingriffe der Staaten und ihrer Zentralbanken mit der elektronischen Notenpresse sind es, die in besonderem Maße Verwerfungen auf den Finanzmärkten, einschließlich der Währungsmärkte, verursachen.

Dieser Beitrag wurde am 13. Februar 2017 auf Focus Online veröffentlicht.

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