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Die 5 Phasen der Gruppendynamik

14/01/2016 20:53 CET | Aktualisiert 14/01/2017 11:12 CET
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Oder: Vom Forming zur Team-Performance

Gruppendynamik muss sich erst entwickeln... wie kommt es dazu?

Dass das Agile Manifest vor etwas mehr als einem Jahrzehnt in der Software-Branche entwickelt wurde, ist kein Zufall. Die Developer, die sich am 12. Februar 2001 zum Brainstorming in Utah trafen, zielten damit auf eine neue Definition von Teams und Teamarbeit.

Ihre Grundbotschaft bestand darin

  • dass "Individuen und Interaktionen" Vorrang vor "Prozessen und Werkzeugen" besitzen
  • dass die Entwicklung funktionsfähiger Produkte und produktive Beziehungen mit Kunden Flexibilität von Individuen und Teams erfordern.

Die Teamdefinition der frühen IT-Startups prägt heute auch in vielen anderen Branchen unseren Arbeitsalltag - und sehr wahrscheinlich auch die Anforderungen an Sie als Führungskraft. Formale, streng hierarchische und in sich abgeschlossene Strukturen wurden in den letzten 20 Jahren durch offene, oft nur temporäre Arbeitsgruppen ersetzt. Ein solches Team ist darauf angewiesen, eine gemeinsame Vision, gemeinsame Arbeitsroutinen und effektive Kollaborationsformen zu entwickeln. Ob dies gelingt und die Arbeitsgruppe auf dieser Basis tatsächlich produktiv wird, hängt davon ab, ob seine Mitglieder genügend Raum erhalten, ihre individuellen Potentiale zu entfalten. "Echte Teams" sind in der Lage, sich selbst zu organisieren und Entscheidungen im Sinne des Projektziels in eigener Verantwortung zu treffen. Der Weg dorthin führt über gruppendynamische Prozesse - und deren aktive Steuerung durch Chefs mit entsprechenden Kompetenzen.

Gruppenphasen-Modelle machen innere Team-Dynamik transparent

Gruppenphasen-Modelle gehen davon aus, dass die Entstehung einer Gruppe unabhängig von konkreten Personen und Inhalten in mehreren handlungsstrukturierenden Schritten vor sich geht. Sie stellen darauf ab, die innere Dynamik von Teams transparent zu machen. Die Grundannahmen dazu wurden durch den britischen Psychoanalytiker Wilfried Bion formuliert und ihre Weiterentwicklung später vor allem durch die Verhaltenspsychologie geleistet. Der US-amerikanische Psychologe und Organisationsberater Bruce Tuckman hat seit 1965 ein "gruppendynamisches Modell" entwickelt, das weltweit besonders oft verwendet wird. Tuckmans fünf Phasen der Gruppenbildung und -aktion erlauben das Erkennen sowie die bewusste Steuerung von Teambildungsprozessen.

Die fünf Phasen der Gruppendynamik nach Bruce Tuckman

  1. 1. Die Einstiegsphase - Forming - KONTAKT //

    In der Forming-Phase "findet" sich die Gruppe. Es geht zunächst um ein formales Kennenlernen sowie die Absicherung der Zugehörigkeit zur ihr. Für viele Teammitglieder resultieren hieraus Unsicherheit und Verwirrung. Das Team definiert in dieser Phase erste Arbeitsziele und interne Regeln. Die gemeinsame Identität ist jedoch noch wenig abgesichert.

  2. 2. Die Streit- und Auseinandersetzungsphase - Storming - KONFLIKT //

    In der Storming-Phase finden die Gruppenmitglieder ihre Rollen und tragen Unstimmigkeiten über Ziele, Prioritäten sowie den Status des Einzelnen in der Gruppe aus. Größere Spannungen bis hin zu Feindseligkeiten sind hier oft die Regel. Parallel zu dieser Selbstorganisation nimmt die Gruppe allmählich ihre Arbeit auf, erbringt jedoch eine eher limitierte Leistung.

  3. 3. Die Regelungs- und Übereinkunftsphase - Norming - KONTRAKT //

    In der Norming-Phase entwickelt die Gruppe ihre Normen und Regeln durch Diskussionen oder stillen Konsens. Die Rollen innerhalb des Teams sind festgelegt, die Beziehungen der Gruppenmitglieder werden weitgehend durch gegenseitige (Rollen-)Akzeptanz getragen. Damit sind die Grundlagen für eine gemeinsame Identität und Kultur des Teams sowie eine effektive Kooperation geschaffen.

  4. 4. Die Leistungs- und Arbeitsphase - Performing - KOOPERATION //

    In der Performing-Phase erreicht die Leistung des Teams und seiner Mitglieder ein gleichbleibendes Niveau. Die Teammitglieder orientieren sich in ihren Handlungen und Entscheidungen an den gemeinsamen Zielen, kooperieren erfolgreich und ohne interne Konkurrenz. Die Rollen der einzelnen Gruppenmitglieder können auch jetzt noch wechseln, was in der Performing-Phase in der Regel nicht mehr zu Konflikten führt, sondern durch Akzeptanz getragen wird.

  5. 5. Die Auflösungsphase - Adjourning //

    1977 hat Bruce Tuckman sein ursprüngliches Vier-Phasen-Modell gruppendynamischer Prozesse durch eine fünfte Phase ersetzt, die sowohl für temporäre Teams als auch im Rahmen des Erreichens wesentlicher Gruppenziele relevant ist. In der Adjourning-Phase lösen sich Gruppenidentität und -bindung weitgehend oder mindestens ein Stück weit auf. Sie ergibt sich aus der Etablierung veränderter Strukturen und Zielvorgaben oder der endgültigen Auflösung der Gruppe. Ein abschließendes Event und/oder eine umfassende Dokumentation des gemeinsamen Projekts helfen dabei, den Teamerfolg zu "zelebrieren" und wichtige Arbeitsergebnisse auf andere Prozesse zu transferieren.

Reforming - Gruppendynamik entfaltet sich nicht linear

Im weiteren Sinne gehört auch das sogenannte Reforming zu Tuckmans Modell - Gruppendynamik verläuft nicht linear. Durch personelle Fluktuationen, strukturelle Wechsel oder einen neuen Chef durchlaufen viele Teams die "fünf Phasen" mehrmals oder sogar regelmäßig. Im ungünstigen Fall erreichen Gruppen niemals die Performing-Phase, sondern bleiben in einer früheren gruppendynamischen Phase stehen. Reforming hebt solche oft informell oder unbewusst ablaufenden Prozesse auf eine bewusste Ebene. Bei Problemen und in Change-Prozessen aktiviert es das gruppendynamische Potential von Teams.

Steuerung von Teamprozessen zentrale Aufgabe von Führungskräften

Als Leiter einer permanenten oder temporären Arbeitsgruppe sind Sie tagtäglich mit Teambildungsprozessen und anderen gruppendynamischen Vorgängen konfrontiert. Die Fähigkeit, solche Prozesse aktiv und produktiv zu steuern, gehört zu den wichtigsten Führungsqualitäten überhaupt. Das Phasenmodell macht Abläufe, Interaktionen und "riskante Punkte" im Prozess der Gruppenbildung respektive jeder Teamarbeit durchschaubar. Ihre eigene Aufgabe dabei ist recht komplex und umfasst - den einzelnen Gruppenbildungsphasen jeweils angemessen - beispielsweise

  • das Definieren klarer, faktenbasierter Vorgaben und Ziele
  • das Erzeugen einer positiven/produktiven Gruppendynamik inklusive tragfähiger emotionaler Komponenten
  • umfassende Kenntnis ihrer Teammitglieder, ihrer Fähigkeiten und Potentiale sowie ihrer Erwartungen untereinander und an Sie als Chef
  • die souveräne Steuerung gruppendynamischer Prozesse
  • das Erkennen und Aufbrechen negativer Rollenmuster, etwa durch den bewussten Aufbau von positivem Gruppendruck gegenüber Provokateuren und Querulanten.

Vor diesem Hintergrund agieren Sie zwangsläufig in einem gruppendynamisch akzentuierten Spannungsfeld von persönlicher sowie formaler Autorität und "demokratischen" Teamprozessen. Hier die richtige Balance zu finden, schärft Ihr Profil als Führungskraft und ist gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung für den Teamerfolg/das Erreichen der Unternehmensziele. Ihr Handwerkszeug dafür sind gruppendynamisches Basiswissen, rhetorische und kommunikative Kompetenzen sowie eine gute Portion Humor und Menschenkenntnis. Souveränität gewinnen Sie dabei durch fortgesetztes Training - "on the job" oder in einem Coaching.

Führungstipps:

  • Definieren Sie für jede Gruppenbildungsphase klare Ziele.
  • Entwickeln Sie in Ihrem Team ein gemeinsames Problembewusstsein als Voraussetzung einer produktiven Konsensfindung.
  • Machen Sie durch Ihre Kommunikation und Ihren Führungsstil alle Beteiligten auch zu emotional Betroffenen.
  • Steuern Sie Ihr Team auf Basis Ihrer Kenntnis gruppendynamischer Prozesse.
  • Entwickeln Sie für Meetings, Events und Diskussionen vorab die richtige - und auch emotional unterlegte - Dramaturgie.
  • Entwickeln Sie Mut zur Führung - finden Sie Ihre persönliche Balance zwischen Autorität und Demokratie.

Quellen:

http://scrum-master.de/Scrum-Glossar/Agiles_Manifest

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilfred_Bion

http://de.wikipedia.org/wiki/Bruce_Tuckman

http://de.wikipedia.org/wiki/Teambildung#Phasenmodell_nach_Tuckman

zuerst erschienen bei: http://www.fuehrung-made-in-germany.com/?p=1243&preview=true

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