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Zwischen Farce und Fiktion: So sieht die Zukunft der Science-Fiction aus

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
SCIENCE FICTION
Shannon Stapleton / Reuters
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In Philip K. Dicks Geschichte ÔÇ×Paycheck" geht es um die lebenspraktische Bedeutung der Zukunft f├╝r uns Menschen. Angenommen, es g├Ąbe eine Technologie, die uns in die Zukunft blicken lie├če, k├Ânnten wir das ├╝berhaupt vern├╝nftigerweise wollen? - Die Antwort lautet: "Nein!"

In der erstaunlich guten Verfilmung dieser Geschichte von John Woo aus dem Jahr 2006 [mit Ben Affleck und Uma Thurman] werden Dicks Hauptperson Michael Jennings die Worte in den Mund gelegt: ÔÇ×Wenn du die Zukunft kennst, dann hast du keine Zukunft!"

Darin dr├╝ckt sich der alte geschichtsphilosophische Gedanke aus, dass die epistemische Unverf├╝gbarkeit der Zukunft Mangel und Chance zugleich bedeutet: Sie ist einerseits Ausdruck der Endlichkeit unserer Existenz und des Ausgeliefertseins an ein ungewisses Schicksal als unbekannter h├Âherer uns bestimmender Instanz.

Aber gerade dadurch erf├╝llt sich andererseits die eigentliche Conditio Humana, indem sich der menschliche Handlungsraum f├╝r ÔÇ×alles M├Âgliche" ├Âffnet und der Mensch sich als frei im Sinne einer Autonomie des Willens erkennen kann.

Nur wenn die Zukunft nicht zu unserer technischen Handlungsverf├╝gung steht, sondern abstrakt und v├Âllig unbestimmt und offen als blo├če logische M├Âglichkeit gedacht wird, nur dann k├Ânnen wir uns als freie selbstbestimmte Vernunftwesen behaupten.

Denn die Unverf├╝gbarkeit der Zukunft ist nur ein anderer Ausdruck f├╝r die Unabh├Ąngigkeit des Menschen von jeder Form von nat├╝rlichem oder auch psychologischem Determinismus.

Philip K. Dick - ein ganz besonderer Science-Fiction-Autor

Das ist eine besondere Gestalt der in allen Texten des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick wiederkehrenden politischen Grundthese: vor dem historischen Hintergrund des Kalten Krieges, des unmenschlichen Wettr├╝stens der beiden unvers├Âhnlich sich gegen├╝berstehenden Machtbl├Âcke und der beinahe unausweichlichen Drohung der globalen Vernichtung in der nuklearen Katastrophe beschw├Ârt Dick den unaufh├Ârlichen und meist vergeblichen Kampf des einzelnen konkreten Menschen gegen all die unbekannten die menschliche Existenz bedrohenden Monster wie das Schicksal, das Unbewusste, der Zufall.

Mit diesem Anspruch reiht sich Dick in eine - leider bis heute verh├Ąltnism├Ą├čig kleine - Gruppe von Autoren ein, die der Science Fiction eine besondere literarische Bedeutung verleihen konnten.

Science Fiction ist in unserer modernen westlichen Welt derjenige Kulturbereich, in welchem sich die Menschen am auff├Ąlligsten und eindringlichsten Gedanken ├╝ber die Zukunft machen. Dabei deutet der Ausdruck Science Fiction bereits das Hauptproblem an:

Aus der Tradition des Industrieromans des 19. Jahrhunderts entsprungen repr├Ąsentiert Science Fiction eine ganz besondere Art von ÔÇ×Geschichtsphilosophie": Der wissenschaftlich-technische Fortschritt gibt das Ma├č f├╝r die Bewegungsrichtung der Geschichte ├╝berhaupt ab.

Das Revolution├Ąre des ÔÇ×modernen Denkens" besteht darin, den Menschen als Naturwesen zu verstehen, das durch Biologie und Psychologie vollst├Ąndig zu beschreiben ist. Deshalb wird in dieser ersten Hochzeit des Positivismus die Geschichte ausschlie├člich als die Entwicklung der Naturerkenntnis verstanden.

├ťber weite Strecken hat die Science Fiction blo├č dieses unhistorische Weltverst├Ąndnis reproduziert. Das ist einer der Gr├╝nde, warum die Science Fiction heute - selbst dort, wo sie nicht mehr nur Trivialliteratur ist - bei Literaturfreunden eine so schlechte Presse hat.

Denn hier geht es oft nur sekund├Ąr um wirkliche Menschen und ihre Probleme, und der Bezug auf die Zukunft und das Leben auf anderen Sternen ist oft so gek├╝nstelt, dass nicht einzusehen ist, warum man sich nicht statt dessen besser an die in jeder Hinsicht viel reichhaltigere ÔÇÜnormale' Weltliteratur halten sollte.

Aber worin genau besteht der Unterschied in der geschichtsphilosophischen Auffassung der Zukunft, die die Science Fiction irrelevant zu machen droht?

Das menschliche Dasein ist mit der Zeit verbunden

Unser menschliches Dasein ist ganz eng mit der Zeit verkn├╝pft. Die Dynamik der verflie├čenden Zeit ist gewisserma├čen der Modus unserer Existenz. Dies ist von Denkern aller Epochen immer wieder herausgestellt worden.

Ohne in die Abgr├╝nde einer philosophischen Anthropologie hinabsteigen zu m├╝ssen, kann man feststellen, dass die Zeit grunds├Ątzlich auf zwei verschiedene Weisen mit der menschlichen Realit├Ąt verbunden ist, je nachdem, ob wir (1) die ├Ąu├čere Natur - objektiv und deskriptiv - als das Wirkliche auffassen; die Zeit ist dann eine Naturerscheinung, d. h. sie ist die Form, in welcher alles nat├╝rliche Geschehen zu beschreiben ist.

In diesem Modus haben - und brauchen - wir keinen Begriff von der Zeit. - Oder ob wir (2) - subjektiv und reflexiv - unser je eigenes geistiges Sein als unsere Realit├Ąt beschreiben.

Das ist eine ganz besondere menschliche Kulturleistung; seit Herodot und Thukydides im 5. vorchristlichen Jahrhundert die Geschichte ÔÇ×erfunden" haben, k├Ânnen die Menschen ihre Wirklichkeit mit geschichtsphilosophischen Begriffen wie Vergangenheit und Erinnerung, Gegenwart und Erleben, und - freilich historisch erst viel sp├Ąter - auch mit der Zukunft beschreiben.

(1) Insofern also die Natur als die Wirklichkeit des Menschen betrachtet wird - wie das eben im Positivismus, Szientismus und Naturalismus der Moderne der Fall ist - , begegnen uns die Zeit-Extasen [Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft] blo├č in Form ├Ąu├čerer oder objektiver Ereignisrelationen. Ereignisse haben in Koordinatensystemen festlegbare Raum- und Zeitstellen. Die Natur wird von der G├╝ltigkeit des Kausalprinzips beherrscht.

Sie ist ein Geflecht kausaler Beziehungen, so dass alles, was existiert beziehungsweise sich ereignet in seinem ÔÇ×So-Sein" als Wirkung kausaler Ursachen betrachtet werden muss; es kann nichts Unverursachtes geben. Die kausale Relation ist nicht eine logische, sondern eine zeitliche Folge, bei der die Wirkung notwendig, d. h. gesetzm├Ą├čig auf die Ursache folgt. Vergangenheit und Zukunft sind blo├č Operationalisierungen dieser objektiven Verh├Ąltnisse:

"Aus der Sicht" der Wirkung liegt die Ursache in der Vergangenheit, w├Ąhrend aus der Sicht der Ursache die Wirkung als das gesetzm├Ą├čig ÔÇ×notwendig Folgende" beziehungsweise Zuk├╝nftige erscheint. Die Zukunft ist hier also eigentlich kein Begriff, sondern ein - notwendig gedachter - Sachverhalt.

Als solcher war er den Menschen immer schon und also auch lange bevor die Menschen einen (geschichtsphilosophischen) Begriff der Zukunft hatten, bekannt. Die Menschen k├Ânnen ├╝berhaupt nur zielgerichtet handeln, wenn sie ihre Handlungszwecke als notwendige Wirkungen ihres Handelns prognostizieren k├Ânnen.

Eben dies hei├čt Selbstgesetzgebung. Zukunft in diesem notwendigen Sinn begegnet uns im Alltag haupts├Ąchlich in Fahrpl├Ąnen, Speisekarten, Programmheften und Terminkalendern.

(2) Die andere M├Âglichkeit besteht darin, den Menschen nicht prim├Ąr als Teil einer Naturordnung [Platons k├│smos horatos, die ÔÇ×Ordnung des Sichtbaren"], sondern Teil einer geistigen Ordnung [das ist Platons k├│smos n├│─ôtos, die ÔÇ×Ordnung des Denkens"] zu bestimmen.

So erkl├Ąren uns viele Philosophen, wie beispielsweise Ernst Cassirer, dass die Geschichte ÔÇ×die eigentliche Wirklichkeit des Menschen" sei. Und die Geschichte als geistige Wirklichkeit geh├Ârt somit in die Dom├Ąne des Wissens.

Dieses Wissen von der Geschichte ist freilich nicht ÔÇ×objektiv", also keine ÔÇ×Objekterkenntnis", weshalb Aristoteles denn auch sagt, dass von der histor├ş─ô keine Wissenschaft [epist─ôm─ô] m├Âglich sei.

Es ist bezogen auf ein Subjekt, welches in diesem ÔÇ×Wissen" immer nur seine eigene Existenz als ÔÇ×geschichtlich" erkennt, und zwar insofern es diese Existenz als gegenw├Ąrtig erlebt, aber zugleich sich ihrer Endlichkeit bewusst ist, insofern sie zu einem bestimmten Zeitpunkt (der Geburt) in der Vergangenheit begonnen hat und ebenfalls zu einem bestimmten Zeitpunkt (dem Tod) in der Zukunft enden wird.

Alles blo├č Metaphern?

Die geschichtsphilosophischen Begriffe der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft sind also keine Erkenntnisbegriffe im engeren Sinne, die sich direkt auf Wirkliches beziehen, das sie bezeichnen [wie empirische Begriffe], sondern blo├če Metaphern, die stets blo├č per analogiam, auf analoge Weise verwendet werden, um ├╝ber den existentiellen Zustand der Menschen als geschichtlicher Individuen Aufschluss zu geben.

Die Aufgabe der Geschichte ist es so seit ihren Anf├Ąngen, ÔÇ×das, was durch Menschen geschehen ist" (Herodot) zu berichten, um die politischen, sozialen, geistigen, religi├Âsen Bedingungen der Wirklichkeit des Menschen aufzukl├Ąren.

Die Vergangenheit und das vergangene Geschehen [eben weil es vergangen, ÔÇ×dahin" ist], und so auch die Zukunft beziehungsweise das zuk├╝nftige Geschehen sind f├╝r uns nicht erkennbar, beobachtbar oder erlebbar. Immerhin verf├╝gen wir ├╝ber das Verm├Âgen der Erinnerung, die uns mehr schlecht als recht in die Lage versetzt, das Vergangene zu ÔÇ×vergegenw├Ąrtigen" und in einem Erz├Ąhl-Text festzuhalten, den wir Geschichte nennen.

Allerdings k├Ânnen wir uns an die Zukunft oder das Zuk├╝nftige nicht erinnern, weil es eben nicht ein Vergangenes ist, weshalb es auch keine Erz├Ąhl-Texte von der Zukunft geben kann.

Das ist sicher der Hauptgrund daf├╝r, dass der Begriff der Zukunft erst verh├Ąltnism├Ą├čig sp├Ąt in unser geschichtliches Selbstverst├Ąndnis gefunden hat [Interessant hierzu das Buch von Lucian H├Âlscher, Die Entdeckung der Zukunft, Frankfurt a. M. 1999] Und es ist auch eines der geschichtsphilosophischen Kernprobleme der Science Fiction, weil das, was es (noch) gar nicht gibt, nicht als ÔÇ×wirklich" beschrieben, sondern immer nur als ÔÇ×m├Âglich" vorweggenommen werden kann.

Und auch das geh├Ârt zur Geschichtsphilosophie: Wenn wir verstanden haben, dass die Zukunft als verborgene M├Âglichkeit eine Metapher f├╝r die Endlichkeit des Menschen als z├│on l├│gon ├ęchon, d. h. als autonomes Vernunftwesen ist [w├Ârtl. ein ÔÇ×Wesen, das ├╝ber den L├│gos verf├╝gt"], dann k├Ânnen wir auch noch einen Schritt weitergehen und erkennen, dass ein solches selbstbestimmendes endliches Wesen sich nicht vollst├Ąndig als durch nat├╝rliche Ursachen hervorgebracht denken kann. Autonomie ist allein unter Bedingungen der ÔÇ×Gesch├Âpflichkeit" des Menschen denkbar.

Daraus ergeben sich wiederum zwingend religi├Âse Grundvorstellungen, und so wird philosophisch seit alters aus der notwendigen Endlichkeit des Menschen auf die Unendlichkeit beziehungsweise Absolutheit des Sch├Âpfers geschlossen werden.

Geschichtsphilosophisch bedeutsam ist, dass es in der religi├Âsen Tradition aller Kulturen - gleichsam als Pendant zu den Sch├Âpfungsmythen - immer auch Theorien einer absoluten Zukunft geben hat.

In solchen Eschalotologien (theol. Lehre von den "letzten Dingen", d.h. die Lehre von Tod, Auferstehung und damit verbunden die Lehre vom Anbruch einer neuen Welt) geht es um die letzten - und zwar absolut letzten - Dinge, um eine Zuk├╝nftiges, ├╝ber das hinaus noch Zuk├╝nftigeres schlechterdings nicht gedacht werden kann.

Vor einiger Zeit habe ich auf einer ÔÇ×Phantastik-Tagung" einen Vortrag unter dem Titel ÔÇ×Die Zukunft der Science Fiction" gehalten. Dabei ging es also zum einen um die Rolle, die der Begriff der Zukunft in der Science Fiction spielt und zum anderen um die Bedeutung, die dem Genre selbst in der literarischen Kultur zukommt.

Meine Absicht war es, diejenige Science Fiction zu kritisieren, die sich blo├č an der ungeschichtlichen Vorstellung der Zukunft als wissenschaftlich-technischem Fortschritt orientiert [z. B. die sog. ÔÇ×Hard Science Fiction"] und so die Zukunft substantialisiert und f├╝r etwas objektiv Wirkliches nimmt.

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Das Zuk├╝nftige wird dann als eine objektiv und f├╝r sich bestehende Welt aufgefasst - die nicht unsere Welt ist - , die von fiktiven Wesen bev├Âlkert wird, die zwar ihrerseits ├╝ber eine Geschichte verf├╝gen m├Âgen, die ein Fantasy-Autor erz├Ąhlen k├Ânnte, welche aber nicht unsere Geschichte ist.

Wenn der Begriff der Zukunft in dieser fiktiven Weise substantialisiert oder hypostasiert wird, dann brauchen wir uns nur in der Fantasie in einen bestimmten zuk├╝nftigen Zeitpunkt zu versetzen, wo wir den fiktiven Erz├Ąhler der zuk├╝nftigen Stories treffen k├Ânnen.

Man sieht leicht, dass unter diesen Voraussetzungen die Grenzen zwischen den Genres der Science Fiction und der blo├čen Fantasy - bei der Zeit und Raum und der Bezug auf die wirklichen Menschen v├Âllig unbestimmt bleiben - verschwimmen. Leider muss man vermerken, dass dieser unreflektierte ├ťbergang zur Fantasy weltweit, vor allem im Bereich des Films, auf dem Vormarsch ist.

Fazit: Eine Zukunft hat Science Fiction nur, wenn es ihr gelingt, die wirklichen Probleme wirklicher Menschen zu beschreiben und dabei die dialektische Spannung von M├Âglichkeit und Notwendigkeit, Freiheit und Schicksal metaphorisch auszumessen.

Hier folgen noch - als Lesetipps - ein paar Namen von im literarischen Sinne interessanter Science-Fiction-Autoren, von den ├Ąlteren w├Ąren dies neben Ph. K. Dick:

Ursula LeGuinn,
James Tiptree Jr.,
Stanisław Lem,die Strugatzki-Brüder;
und von den Neueren: Dan Simmons,
oder Sergej Lukianenko.

Viel Vergn├╝gen!

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