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Warum unsere Angst ein lukratives Geschäft ist

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BUSINESS MEN MONEY
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Nicht erst seit der Silvesternacht von Köln profitieren Verkäufer von Pfefferspray und Gaspistolen von der Angst. Wie jedes Gefühl ist auch die Angst marktfähig und marktgängig. Insofern keine Frage: Angst ist ein lukratives Geschäft. Und: ja, manches Geschäftsmodell basiert darauf, selbst die Ängste anzuheizen, gegen die es Abhilfe verspricht.

Existenzielle Verunsicherung eignet sich nun einmal dazu, ausgebeutet zu werden.

Das gilt im Großen beim „Kampf gegen den Terror", wie er nach dem 11. September 2001 von den USA verkündet wurde: Der New York Times-Reporter und zweifache Pulitzer-Preisträger James Risen zeigt in seinem Buch „Krieg um jeden Preis - Gier, Machtmissbrauch und das Milliardengeschäft mit dem Kampf gegen den Terror" (2015 im Westend-Verlag auf Deutsch erschienen) wie eine gewaltige Industrie von der Hysterie profitiert, die sich mit dem Stichwort Terror verbindet.

Und das funktioniert im Kleinen bei jeder wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Studie, die ein medizinisches Risiko veranschaulicht, um zugleich das Heilmittel dagegen zu empfehlen. Existenzielle Verunsicherung eignet sich nun einmal dazu, ausgebeutet zu werden.

Wie infam dies oft geschieht, ist zahlreich dokumentiert. Wer will, findet Beispiele dafür oft schon im eigenen Bekanntenkreis.

Wer das Geschäft mit der Angst betreibt

Das gleiche Muster funktioniert bei gesellschaftlichen Entwicklungen. Natürlich betreibt der Berliner Immobilienmakler, der in der Flüchtlingskrise für Objekte in der Nachbarschaft einer Registrierungsstelle für Flüchtlinge darauf hinweist, dass dort Wertverlust und Einbrüche drohen, das Geschäft mit der Angst. Zumal dann, wenn der angebliche Wertverlust frei erfunden war. Link

Geschäftemacherei verstärkt Stimmungen, Sensationsmache beschleunigt Krisen, Angstmache heizt Ängste an. Und dennoch: Krisenbeschleunigung funktioniert nur dann, wenn auch Krisensymptome da sind. Stimmungsmache funktioniert nur dort, wo auch Grund ist zur Furcht.

Das Geschäft mit der Angst fährt immer mit auf dem Trittbrett bereits vorhandener gesellschaftlicher Strömungen. Anders gesagt: Wo kein Ansatzpunkt für das Gefühl der Angst ist, verkauft sich das Zeug nicht, stellt sich der Geschäftserfolg schlicht nicht ein.

Aktuell ist wahrhaft genug Angst im Umlauf, die sich in Wechselwirkung mit geschäftlichen Interessen verstärkt.

Weil Angst so hochsensibel und im gesellschaftlichen Raum so volatil ist, ist an dieser Stelle die Verantwortung der Medien besonders gefragt. Auch wenn sie Ängste nicht erzeugen, sondern lediglich verstärken: auf Hass nicht mit Hass zu antworten, auf Angst nicht mit Angstmache zu reagieren, sondern mit Besonnenheit und Vernunft, ist die Aufgabe verantwortlichen Medienhandelns.

Zugegeben: das ist inmitten einer „Erregungsgesellschaft" (B. Pörksen) leicht gesagt, und verdammt schwer getan.

Das Geschäft der Aufklärung ist die vornehmste Aufgabe einer freiheitlichen Presse- und Medienlandschaft. Zugleich die Schwierigste: Risiken zu benennen, bannt nicht nur die sonst unausgesprochene Gefahr.

Die Information über Risiken sorgt auch dafür, dass die öffentlich gemachte Gefahr ihrerseits in Bann zieht. Was es an der Stelle braucht, sind freie Menschen, die selbst einen Standpunkt haben und sich nicht willkürlich in Bann ziehen lassen - und es braucht Medien, die die eigene Message nicht am Maß der möglichen oder erwarteten Erregung, sondern an der Verpflichtung zur Wahrheit orientieren.

Dr. Thomas Zeilinger ist Privatdozent für Medienethik an der Abteilung Christliche Publizistik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

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