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Die Deutschen sollten sich langsam beruhigen, den Amerikanern geht es sehr gut unter Trump

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DONALD TRUMP
POOL New / Reuters
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Donald Trump ist gewählt worden, um amerikanischen Interessen zu dienen, und nicht, um Deutschland oder der Welt zu gefallen. Und glaubt man den ökonomischen Daten, geht es den Amerikanern sehr gut.

Trump-Bashing ist in Mode. Was immer der US-Präsident tut oder sein lässt, wird vom deutschen Publikum gierig aufgesogen. Nichts ist klein genug, nicht eine mediale Aufregung zu provozieren. Alles lässt sich mehr oder weniger bösartig kommentieren, vieles davon abschätzig, das meiste abwertend.

Selten konnte man sich einer breiteren Zustimmung anderer so sicher sein wie im vereinigten Zorn gegen Trump, der alle eint und auch jene einschließt, die immer schon gegen die Amerikanisierung Europas wetterten.

Was aber, wenn sich mit Donald Trump in der US-amerikanischen Lebenswirklichkeit eigentlich wenig bis nichts gegenüber der Obama-Zeit geändert hat? Wenn nicht einmal die Schlangen beim Zoll oder der Einreise wirklich länger geworden sind.

Business as usual in den USA - viel Aufregung hingegen in Deutschland

Und wenn die Einwanderungsbehörden - zugegebenermaßen subjektiv empfunden - Neuankömmlinge nicht anders als früher behandeln, sondern gar das Gefühl vermitteln, allen Vorurteilen mit Freundlichkeit begegnen zu wollen.

Was, wenn zwar der neue Präsident und sein unüblicher Polit-Stil auch in amerikanischen Medien nahezu allgegenwärtig sind und der Trumpismus kaum jemanden kaltlässt, das Leben der Massen aber dennoch weiter seinen ruhigen Fluss des Alltags geht? Business as usual in den USA - viel Aufregung hingegen in Deutschland.

In der Welt von heute ist alles mit allem vernetzt. Das macht alle von allem abhängig - aber paradoxerweise auch unabhängiger. Einem Schock an einer Stelle kann mit einer Verlagerung der Aktivitäten nach anderswo begegnet werden.

So erwartet New York City als Folge der trumpschen Abschreckungsrhetorik in diesem Jahr bei den Touristen aus dem Ausland erstmals seit zehn Jahren einen Rückgang, und zwar um 300.000 Gäste.

Mehr zum Thema: Das Ende einer politischen Romanze: Wieso Russische Medien eine Hasskampagne gegen Donald Trump starten

Andererseits werden eine Million zusätzlicher Besucher aus dem Inland erwartet. Also auch hier eher eine Normalisierung und weniger ein Zusammenbruch.

Man muss weder Donald Trumps Art und Weise des Auftretens noch seine Politik mögen, um eine Banalität in Erinnerung zu rufen. Er ist gewählt worden, um zuallererst amerikanischen Interessen zu dienen, und nicht, um Deutschland oder der Welt zu gefallen.

Deshalb ist es redlich, zunächst einmal zu prüfen, ob er der Erwartung der US-Amerikaner gerecht wird. Dafür sollten nicht alternative Fakten und auch nicht diffuse Gefühle, sondern ein paar harte makroökonomische Daten dienen.

Die US-Wirtschaft läuft gut

Beginnt man mit dem Maß aller wirtschaftlichen Dinge, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), zeigt sich erneut business as usual. Für das erste Quartal wird mit einem realen Wachstum von zweieinhalb Prozent gerechnet. Das entspricht ziemlich genau dem langfristigen Trend. Ende Januar lag die Arbeitslosenzahl bei 4,8 Prozent, dem tiefsten Stand zu dem Jahreszeitpunkt seit Januar 2007.

Beschäftigung, Produktivität, Stundenlöhne - nicht eine der vom Arbeitsministerium veröffentlichten Datenreihen bietet momentan Anlass zur Sorge - im Gegenteil, alle zeigen sie in eine für die amerikanische Bevölkerung erfreuliche Richtung.

Folge des guten Laufs der Dinge ist, dass die Inflationsrate steil ansteigt. Um 0,6 Prozent sind im Januar 2017 die Verbraucherpreise nach oben geschnellt, mindestens doppelt so stark als sonst im ersten Kalendermonat in den letzten zehn Jahren. Preis- und Lohnanstieg sind so stark, dass die US-Notenbank Fed wohl bereits nächste Woche den Leitzins anheben wird und lediglich noch das Ausmaß offenbleibt.

Die Fed ist auf dem Weg zurück zur Normalität

Gerade im Vergleich zu Europa und der EZB zeigt sich, dass die USA und die Fed Vorreiter sind. Sie haben die für den Kapitalismus langfristig tödliche Nullzinswelt verlassen und befinden sich auf dem noch langen Weg zurück zur Normalität und zum business as usual.

Die sich mehr und mehr entspannende politische Stimmung in den USA auf der einen, die durchaus positive makroökonomische Entwicklung auf der anderen Seite zeigen zusammen eher viel deutsche Aufregung um wenig, was den Großteil der US-Bevölkerung wirklich in Wallung bringt.

Es wäre deshalb ratsam, sich auch hierzulande etwas zu beruhigen. Offenbar sind Rechtsstaat und Demokratie, das Gleichgewicht der institutionellen Kräfte sowie der Pragmatismus der Bevölkerung in USA so gefestigt, dass sie selbst den Erschütterungen eines politischen Trampeltiers standhalten.

Man muss Donald Trump nicht lieben, aber es hilft deutschen Interessen nicht weiter, sich den Tatsachen zu verschließen. Er ist gewählt und wird wohl - ob es in Deutschland passt oder nicht - Präsident bleiben und seiner Politik des „Amerika first" treu bleiben.

Auf ein Amtsenthebungsverfahren zu hoffen folgt eher einem Wunschdenken als politischer Realität. Kritiker werden anmerken, dass man den Anfängen wehren müsse und dass viele der Folgekosten erst langfristig spürbar würden. So korrekt die Einwände sein mögen, so sehr ist Vorsicht geboten, wie weit alte Gesetzmäßigkeiten auch tatsächlich für die Zukunft ihre Gültigkeit behalten.

Mehr Gelassenheit, weniger Aufregung

So kann doch nicht ausgeschlossen werden, dass allen undiplomatischen Fehltritten und politischen Kehrtwenden des neuen US-Präsidenten zum Trotz die Anpassungen von US-Wirtschaft und -Gesellschaft an neue Gegebenheiten eher gemächlich als unkalkulierbar erfolgen.

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Dass die Herausforderungen des Trumpismus zwar anders, aber nicht unlösbarer als in der Vergangenheit sind. Und dass Globalisierung und Digitalisierung sich auf den Alltag der Amerikaner weit spürbarer auswirken werden als der Übergang von Obama auf Trump.

Deshalb wäre es wohl auch für Deutsche klüger, dem Vorbild der amerikanischen Bevölkerung zu folgen. Mehr Gelassenheit, weniger Aufregung, dafür eine Rückkehr zum business as usual dürften vernünftige, pragmatische Verhaltensweisen in durchaus spannenden Zeiten sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Welt online.

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