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In deutschen Firmen wird betrogen und bestochen, wie nie zuvor - diese Entwicklung gefährdet unsere Zukunft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CORRUPTION ARGENTINA
Enrique Marcarian / Reuters
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In deutschen Firmen wird betrogen und bestochen, wie lange nicht. Diese Entwicklung gefährdet Deutschlands Zukunft. Ein verheerendes Beispiel aus Südamerika zeigt, warum ethisches Verhalten so wichtig ist.

Deutschland gegen Argentinien - ein Kräftemessen auf Augenhöhe. Zumindest beim Fußball. Nicht in der Wirtschaft. Da liegen Welten zwischen dem Wohlstandsniveau der beiden Volkswirtschaften. Das war nicht immer so. Im Gegenteil.

Vor 100 Jahren war das Pro-Kopf-Einkommen in Argentinien rund zehn Prozent höher als in Deutschland. Ein Vorsprung, der bis zur Jahrhundertmitte Bestand hatte. Noch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg besaßen argentinische Haushalte durchschnittlich die doppelte reale Kaufkraft eines deutschen.

Bis heute haben sich die Verhältnisse jedoch komplett verändert. Nun liegt das deutsche Pro-Kopf-Einkommen zweieinhalbmal über dem argentinischen Niveau, nämlich bei jährlich 50.000 Kaufkraft-Dollar gegenüber 21.000 Kaufkraft-Dollar pro Jahr in Argentinien. Was ist schief gelaufen, dass aus einer weltweit in der Spitzengruppe liegenden Volkswirtschaft ein Abstiegskandidat wurde?

Vetternwirtschaft und Korruption

Die Antwort ist ganz einfach: Das Vertrauen der Bevölkerung, der internationalen Geschäftspartner, der Finanz- und Kapitalmärkte in die institutionelle Stabilität Argentiniens ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren gegangen.

Stattdessen grassiert in Argentinien die lateinamerikanische Krankheit. Vetternwirtschaft und Korruption haben verheerende makroökonomische Folgen verursacht. Sie zerstörten Vertrauen in politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Institutionen.

Das wiederum erhöht Risiken bei Geldanlagen und damit Zinskosten, was das Investitions- und am Ende das Innovationstempo verlangsamt. Wie in einer Vielzahl empirischer Studien unisono festgestellt wird, sind gesicherte Eigentums- und Vertragsrechte, sowie eine möglichst unabhängig von Interessengruppen funktionierende Justiz für den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg von Volkswirtschaften wesentlich.

Kein Wohlstand für alle in einer Volkswirtschaft

Der Korruptionsindex 2016 von Transparency International führt in der Rangliste der Länder mit gut funktionierender Rechtsstaatlichkeit Argentinien auf Platz 95, Deutschland auf Platz zehn und Skandinavien, Neuseeland und Singapur auf den Spitzenrängen.

In der aktuellen "Doing Business 2017"-Rangliste der Weltbank, die untersucht, wie einfach und sicher Geschäfte weltweit getätigt werden können, liegt Argentinien auf Platz 116, Deutschland auf Platz 17, und wiederum finden sich - wie beim Korruptionsindex - die skandinavischen Länder ganz oben und Neuseeland vor Singapur an der Spitze.

Mehr zum Thema: Die ganze Welt ist korrupt: 5 drängende Fragen zum neuen Korruptionsbericht von "Transparency International"

Nimmt man alle empirische Evidenz zusammen, zeigt sich rund um die Welt und in allen Vergleichsstudien ein Ergebnis immer und immer wieder: Ohne Rechtsstaatlichkeit, Rechtstreue und Rechtsdurchsetzung gibt es keinen Wohlstand für alle in einer Volkswirtschaft.

Sie sind nicht alles, aber ohne sie ist alles andere nichts. Der ethische Kompass führt zu Wachstum, sein Verlust zu Niedergang. Das gilt mikroökonomisch für den einzelnen Betrieb genauso wie makroökonomisch für die Gesellschaft insgesamt.

Deshalb müssen in Deutschland nun alle Alarmglocken schrillen. Denn eine europaweite Unternehmensbefragung zu Wirtschaftskriminalität offenbart erschreckende Ergebnisse: "In deutschen Firmen wird betrogen und bestochen wie nie." Diese Feststellung ist keine Bagatelle. Sie ist eine Katastrophe.

Nur eine Frage der Zeit, bis der Damm des Rechtsbewusstseins bricht

Wenn Unternehmensleitungen den moralischen Kompass verlieren, fehlt den Belegschaften die Orientierung. Schlimmer noch: Wenn die Eliten tricksen, schummeln und fälschen, sehen Angestellte wenig Grund, wieso sie dem Vorbild der Chefs nicht folgen sollten. Es wird dann zu einer Frage der Zeit, bis der Damm des Rechtsbewusstseins bricht.

Ist Rechtsbeugung nicht mehr moralisch geächtet, sondern salonfähig geworden, führt unethisches Verhalten erst in den Führungsetagen später in der Gesellschaft insgesamt zu einer Erosion von Fairplay, Fairness, Treu und Glauben.

Daron Acemoglu und James Robinson zeigen in ihrem Bestseller "Warum Nationen scheitern" eindrücklich, wie Volkswirtschaften langfristig an Wohlstand verlieren, wenn Eliten beginnen, politische oder rechtliche Institutionen zu ihren eigenen Gunsten zu manipulieren.

Um Deutschland den Weg Argentiniens in den Niedergang zu ersparen, gilt es, den Anfängen zu wehren. Es ist jetzt Einhalt geboten. Die von Udo Di Fabio in gar nicht so anderem Zusammenhang aufgeworfene Systemfrage stellt sich nicht nur, wenn die Bevölkerung den Eindruck hat, dass der Staat, tatsächlich oder wahrgenommen, die Sicherheit der Bürger nicht mehr garantieren kann. Sie stellt sich auch, wenn sich bei Rechtsbewusstsein und Rechtsdurchsetzung Defizite ergeben.

Der ethische Kompass ist gemeinsames Gesellschaftsgut

Von Argentinien lernen, heißt erkennen, dass Rechtsstaatlichkeit die Schattenwährung des Kapitalismus ist. Schwindendes Rechtsbewusstsein und verblassende Rechtstreue lassen Vetternwirtschaft und Korruption blühen. Aus einer erfolgreichen wird im Laufe der Zeit eine darbende Volkswirtschaft.

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Der ethische Kompass, Glaubwürdigkeit, gesellschaftlich verantwortungsvolle Verhaltensweisen und der korrekte Umgang mit Recht und Gesetz sind eben nicht nur eine Angelegenheit Einzelner. Sie sind ein gemeinsames Gesellschaftsgut.

Alle profitieren davon, wenn es gut läuft. Aber ebenso leiden alle, wenn ohne Rücksicht auf Moral und Anstand der Rechtsstaat von Einzelnen missbraucht und infrage gestellt wird. Diese offensichtliche, empirische Lehre gilt es für Deutschland aus der argentinischen Geschichte des ökonomischen Misserfolgs zu ziehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Welt Online.

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