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Europäische Animation regelmäßig für Oscars nominiert

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Wenn am 26. Februar 2017 in der Nacht zum Montag die Oscar-Verleihung über die Bühne geht, wird erneut ein Animationsfilm um die begehrte Statuette dabei sein, der erst mit Hilfe des Finanzierungsmarkts Cartoon Movie entstehen konnte: der Stop-Motion-Film Mein Leben als Zucchini von Claude Barras, der aktuell in den deutschen Kinos läuft. Nicht der erste Film übrigens, der über das europäische Netzwerk, das Cartoon Movie aufgebaut hat, entstehen konnte und es bis zu den Oscars geschafft hat.

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Mein Leben als Zucchini (c) Hélium Films

2015 gelangten sogar zwei Filme aus dem Netzwerk auf die Nominierungsliste: Die Boxtrolls von Anthony Stacchi, Graham Annable and Travis Knight und Die Melodie des Meeres der Iren Tomm Moore und Paul Young, die bereits 2010 mit Brendan und das Geheimnis von Kells für den Oscar nominiert wurden. Im Jahr zuvor war es Ernest & Celine von Benjamin Renner und Didier Brunner.

Im vergangenen Jahr kam Shaun das Schaf - Der Film von Mark Burton und Richard Starzak, in die Runde der letzten Fünf, jedoch wurde er außerhalb von Cartoon Movie finanziert. Dies gelingt einigen europäischen Filmen recht gut. Allen voran den Produktionen der Aardman Studios, die außer mit Shaun das Schaf vor allem durch Wallace & Gromit bekannt geworden sind.

Darum geht es in Mein Leben als Zucchini

Mein Leben als Zucchini erzählt von dem 10 Jahre alten Icarus, der ein trauriges und einsames Leben mit seiner alkoholkranken Mutter verbringt.

Als sie in einem Unfall ums leben kommt, landet er in einem Waisenhaus mit lauter Kindern, die das gleiche Schicksal erlitten haben wie er: ein zerrissenes Leben. Was zuerst wie die Hölle auf Erden aussieht, entpuppt sich aber rasch als eine echte Kindheit mit Hoffnungen, Träumen, Freunden und Lachen.

Die schweizerisch-belgische Koproduktion wurde im März 2012 zum ersten Mal bei Cartoon Movie vorgestellt und kam im vergangenen Jahr in den ersten Ländern ins Kino.

Animations-Hub Cartoon

Cartoon Movie findet jeden März in Frankreich statt. Nachdem er die vergangenen acht Jahre in Lyon beheimatet war (und davor zehn Jahre auf dem Gelände des Studio Babelsberg in Potsdam), ist es nun nach Bordeaux gezogen. Der Finanzierungsmarkt für Animationsspielfilme ist die bedeutendste Netzwerk- und Finanzierungsveranstaltung für die europäische Animationsbranche.

Als sich CARTOON, die Dachorganisation hinter Cartoon Movie, 1987 im Rahmen des europäischen MEDIA-Programms gründete, um die europäische Animationsbranche enger zu vernetzen, zu fördern, ihr ein wirtschaftlich kreatives Zentrum zu geben und sie vor allem international wettbewerbsfähiger zu machen, lag die Branche am Boden. In Deutschland war es zwar die Hochzeit der „Werner"-Filme, doch diese Art von Animation gibt es in Deutschland längst nicht mehr.

Seit 1999 bis heute sind über Cartoon Movie 257 Projekte mit einem Gesamtproduktionsbudget von 1,8 Milliarden Euro entstanden. Als das erste CM stattfand, kamen 255 Teilnehmer aus den Bereichen Produktion, Kinoverleih, Fernsehsender und Förderer nach Potsdam. Mittlerweile hat sich der Kreis um Games-Entwickler erweitert und es werden über 800 Teilnehmer in Bordeaux erwartet - plus 9 Prozent zum Vorjahr.

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Cartoon Movie 2016 in Lyon mit dem Autor dieser Zeilen (c) CARTOON

Die Keimzelle von CARTOON ist jedoch das jedes Jahr im September ausgerichtete Cartoon Forum. Hier kommen mittlerweile fast 1000 Teilnehmer zusammen. Das Cartoon Forum wendet sich an die TV-Branche und findet 2017 zum 28. Mal statt. Nachdem es jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt stattfand, hat es seit ein paar Jahren aus logistischen und finanziellen Gründen eine feste Heimat im südfranzösischen Toulouse gefunden.

Die Realisierungs-Quote der vorgestellten Projekte für die ersten 25 Jahre von Cartoon Forum beträgt 36 Prozent. Finanziert wurden einschließlich der bei Cartoon Forum 2015 vorgestellten Serien insgesamt 680 Projekte mit einem nominellen Volumen von 2,3 Milliarden Euro, so Marc Vandeweyer voller Stolz. Ein Business-Insider relativierte die Zahl jedoch, die auf den gegenüber Cartoon gemachten Angaben basieren: „Am Ende des Tages sind die Budgets gute 30 Prozent niedriger. Eingespart wird das dann leider bei der Produktion."

Das Konzept von CARTOON mit seinen zahlreichen Einheiten wurde von Marc Vandeweyer und Corinne Jenart entwickelt, die 2008 als Mitorganisatorin CARTOON verließ.

Neben dem Forum und dem Movie bietet CARTOON Masters an, die sich den Themen Finanzierung von TV-Serien, Nutzung digitaler Techniken und Kinofilm widmen. Zusätzlich wurde Cartoon Connection ins Leben gerufen, das die europäische Animationsbranche mit denen in Kanada und Korea verknüpfen will. Seit 2015 gibt es ergänzend das Cartoon Springboard zur Förderung von Nachwuchsprojekten in Halle an der Saale.

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Die Präsentation eines Projekts beim Cartoon Movie 2016 in Lyon (c) CARTOON

Wie es um den europäischen Animationsfilm bestellt ist, zeigt eine Studie, die von der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle Mitte 2015 veröffentlicht wurde.

Beiträge über Animationsprojekte aus den vergangenen Jahrgängen bei Cartoon Movie aber auch Cartoon Forum finden Sie auf meiner Website, Stichwort ‚Animation'.