Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Thomas Sattelberger Headshot
Heinrich Scharp Headshot
Timo Marks Headshot

Die klassische Karriere gibt es nicht mehr - und das ist auch gut so

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SATTELBERGER
Wolfgang Rattay / Reuters
Drucken

Drei Generationen diskutieren über bestehende Unternehmen: Topmanager Thomas Sattelberger und die beiden erfolgreichen Unternehmensgründer Heinrich Scharp und Timo Marks.

Marks: Es gibt viele bestehende Unternehmen in Deutschland, die seit Jahrzehnten erfolgreich am Markt bestehen und ihre Position auf dem Weltmarkt verbessern konnten. Was zeichnet diese Unternehmen aus? Was kann man von diesen lernen?

Lebenszyklus von Unternehmen

Sattelberger: "Man kann z.B. von Hidden Champions lernen, durch extremen Kundenfokus eine Nische fast monopolistisch zu beherrschen. Von den Ozeandampfern kann man lernen, Lebenszyklus zu verlängern. Ich habe übrigens ein entspanntes Verhältnis zum Sterben von Unternehmen: Jedes Unternehmen wird irgendwann sterben. Jedes Unternehmen hat einen Lebenszyklus. Es bringt nichts, dieses dann durch staatliche Subventionen am Leben zu erhalten.

Zum Beispiel sollten, anstatt den bestehenden Automobil-Herstellern Subventionen für den Bau von Elektroautos anzubieten, eher Anreize geschaffen werden, neue Unternehmen entstehen zu lassen, die bestenfalls eine neue Marke für Elektroautos schaffen.

Nur so können wir uns weiterentwickeln. Durch die aktuelle Herangehensweise werden durch Konzerne und den Staat zu viele Ideen sehr früh wieder zerstört."

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Startups und Konzernen

Gemeinsamkeiten:

• Technisches Know-How
• Rampensau sein
• Handeln und Entscheiden unter Unsicherheit
• Geld im Risko, das nicht das eigene ist (FK: bekommt Gehalt, StartUp-Unternehmer handelt meist mit Fremdkapital. Es ist eher der "alte" Mittelstand, wo der Unternehmer im vollen Risiko mit Privatvermögen steht.

Unterschiede:

• Startup: In den ersten Monaten büßt man viel Freizeit ein.
• Unsicherheit: Im Konzern: Umfeldbedingungen. Im Startup: Gesamtes Geschäftsmodell
• Volles Risiko des Unternehmers
• Scheitern: Im Konzern: Scheitern bezogen auf die Funktion beziehungsweise den Job. Im Startup: Bezieht sich Scheitern auf die ganze Person.

Konzerne heute

Scharp: "Herr Sattelberger, Sie haben die Konzernwelt sehr gut kennengelernt. Brauchen wir überhaupt noch Konzerne?"

Sattelberger: "Im Bereich von Infrastrukturleistungen und von Militär zur Absicherung der nationalen Infrastruktur brauchen wir sie auf jeden Fall. Außerdem braucht ein Land wie Deutschland große Konzerne beziehungsweise multinationale Unternehmen als Leitsterne, um nicht als Land der Davids gegen die Goliaths da zu stehen. Kleinere Staaten können auch nur von KMUs leben."

Scharp: "Gerade alt eingesessene Unternehmen haben doch folgende Herausforderung: Kundenloyalität gibt es kaum noch, Anforderungen an Qualität und Preis-Leistung steigen ständig und neue Märkte entstehen schnell, alte Märkte verschwinden.

"Schwankungen sind heute häufiger, die Ausschläge sind jeweils stärker."

Viele Modelle der BWL gehen von einer linearen Entwicklung, meist nach oben, aus. Das war ja auch, als die Modelle entstanden sind, für hunderte von Jahren richtig. Aber genau das hat sich heute radikal und, wie ich fürchte dauerhaft, geändert: Die Schwankungen kommen häufiger, die Ausschläge sind jeweils stärker.

Das zeigt sich ja auch an früheren und heutigen Karriereverläufen: Die haben heute auch eher den Charakter von einem Experimentieren, die linear nach oben gehende Karriere gibt es doch heute so nicht mehr."

Sattelberger: "Es heißt ja auch "Karriereleiter"...

Scharp: "... die immer nur eine Richtung kennt: nach oben! Deshalb ist Flexibilität, oder besser Veränderungsfähigkeit, also die Fähigkeit sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen, der Schlüssel."

Marks: Was können Startups von Konzernen lernen?

Sattelberger: "Konzerne sind gut im "Skalieren". Was Konzerne gar nicht gut können ist Innovation, denn dazu sind sie zu groß und zu träge. Konzerne sind seelenlos und ohne Seele können keine neue Ideen entstehen."

Mehr zum Thema: Mit diesem Masterplan wird Deutschland zur Startup-Nation

"Die neue Arbeitswelt benötigt überwiegend keine riesen Konzerne mehr. Die gibt es nur noch wegen der Massenträgheit und der daraus resultierenden Impulserhaltung. Wir brauchen Produkte und Dienstleistungen die sich flexibel an neue Anforderungen anpassen, denken und innovieren in Netzwerken, sehr gute Kommunikation und permanentes Lernen. Das sind alles Dinge, die man im Konzern wie die Nadel im Heuhaufen suchen muss. Der neue Mittelstand baut darauf auf."

Sattelberger: "9 to 5-Kultur funktioniert für viele Berufe und Gründer nicht.

Scharp: "Dem stimme ich zu."

Marks: "Natürlich argumentieren wir 3 aus einer luxuriösen Situation, in vielen Berufen (Schichtarbeit zum Beispiel) geht es nicht anders. Man sollte aber trotzdem lernen, wann Feierabend ist, da die Freundin bzw. der Freundeskreis sich sonst irgendwann bedankt, wenn man nur noch über die Arbeit spricht - auch wenn es sein eigenes Unternehmen ist."

Scharp: "Ja, das ist ein Aspekt der erlernt werden muss."

Sattelberger: "Regeneration ist wichtig. Ich gehe gerne spazieren, wandern für Kreativität und Innovation."

Konzerne ab einer gewissen Größe, beziehungsweise auch Startups, bilden ab einer gewissen Größe Strukturen aus, die ausschließlich der Verwaltung des Systems dienen.

Scharp: Wie vermeiden Startups, dass sie zu „seelenlosen Konzernen" (Zitat Sattelberger) werden?

Sattelberger: "Ich erlebe immer wieder Startups, die sich schon früh mit Konzepten der Organisationsentwicklung beschäftigen, damit skalierbar die Werte gelebt werden können. Als Beispiel kann ich hier Leitbild-Entwicklung nennen.

Ich kenne ein Medizin-Startup in Tübingen, da diskutieren Führungskräfte und Mitarbeiter seit Jahren sehr intensiv darüber, welche Führung sie wollen. Führung als Dialogprozess. Dies ist aber noch nicht typisch für den Großteil der Startup Szene.

Mehr zum Thema: Berliner Startup-Gründer hat einen flammenden Appell an die Generation Y

Man sollte viel mehr die sozialen Fähigkeiten eines Intrapreneurs betrachten, d.h. hat er oder sie die Fähigkeit ein Team aufzubauen und die Mitarbeiter zu entwickeln bzw. zu coachen? Es ist vergleichbar mit Führungskräften, diese sollten nicht nur technische Experten sein, sondern auch führen können."

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(Zwischenfrage Marks: „Junge Leute wollen vermeintlich Rückmeldungen zu ihrer Arbeit. Ich habe von einem Freund gehört, der mal eine Rückmeldung von Ihnen, Herr Sattelberger - Montagmorgens erhalten hat - dies sei unnötig. Wie sehen Sie das mit ein wenig Abstand? Ist es ein Geben und (An-)nehmen? Wie haben Sie geführt?"

"Die Verantwortung zu lernen und sich weiterzuentwickeln liegt bei jedem Einzelnen."

Sattelberger: "Ja, ich habe mir die Arbeiten meiner Mitarbeiter intensivst angeschaut - auch wenn ich es hätte weiter delegieren können, aber ich habe mir Ideen und Konzepte immer in Ruhe angeschaut. Wenn nötig, habe ich danach die Mitarbeiter auch angerufen und mit ihnen darüber gesprochen. Qualitativ gute Ideen hatten es bei mir leicht. Mittelmaß habe ich oft übermäßig klar als Mittelmaß adressiert.

Andererseits muss ich sagen, dass die Verantwortung selber zu lernen und sich weiterzuentwickeln bei jedem Einzelnen liegt. Dies ist anspruchsvoll. Ich habe bewusst immer auf mehrere Leute gesetzt und beobachtet, wie diese sich entwickeln. Ich schicke ja auch nicht nur ein Pferd ins Rennen.")

Eine Fortsetzung dieses Beitrags folgt im dritten Teil der Diskussionsrunde.

Auch auf Huff Post:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.